Unter Haien

Wie schon so oft wollte ich auch diesmal zunächst fragen: „Was bitte hat der Lektor genommen? Und wo kriegen wir das?“ Aber die Fragen sind überflüssig. Der arme Mensch hat vermutlich nach 80 (von 672) Seiten aufgegeben. „Nele, da musst du noch mal ran. Andere Story, anderer Stil.“ – „Du meinst: Was anderes?“ – „Äh… Ja. Was GANZ anderes.“ Blöderweise wurde dann doch der Ursprungstext verlegt – und der gelangte in meine Hände. Verdammte Scheiße. Frau Neuhaus, ich kann mir einfach nicht erklären, was da passiert ist.

Zum Inhalt: Alex Sontheim sieht FANTASTISCH aus. Sie verdreht nahezu jedem Mann, dem sie begegnet, den Kopf. Sie ist hoch intelligent. Sie ist reich. Sie ist erfolgreich. Sie hat es von Deutschland nach New York geschafft. Und dort schwimmt sie nun mit den anderen Finanzhaien im Haifischbecken der Finanzwelt. Sie freundet sich mit dem Bürgermeister von New York an, dem sie später das Leben rettet. Sie lernt sogar den amerikanischen Präsidenten von Amerika kennen, der – natürlich – schon von ihr gehört hat.

In diese zauberhafte Rosamunde-Pilcher-Welt mischt sich dann die böse Mafia – in Form von Sergio Vitali. Er sieht FANTASTISCH aus. Er verdreht nahezu jeder Frau, der er begegnet, den Kopf. Er ist total gerissen. Er ist stinkreich. Er hat es an die Spitze der Mafia geschafft und kontrolliert von dort skrupellos die Politik, den Drogenhandel und die Finanzwelt. Dieser Mann passt hervorragend zur hochintelligenten (ich muss das noch mal betonen), toughen und erfolgreichen Alex. Nicht wahr? Nein, denn sie ist ja hochintelligent. Und rechtschaffen. Da lässt man sich nicht mit der Mafia ein. Wie auch immer. Die beiden kommen zusammen.

Sergio umwirbt Alex machohaft, betrügt sie mit irgendwelchen Models (und seine Ehefrau mit ihr). Irgendwann erfährt Alex, dass Sergio jemanden hat umbringen lassen. Sie ist völlig außer sich – und bleibt bei ihm. Sie wird von ihm vergewaltigt – und bleibt bei ihm. Sie findet heraus, dass sie von ihrem Arbeitgeber schamlos ausgenutzt und ihre Erfolge für illegale Geschäfte missbraucht werden – und arbeitet weiter dort. Aber sie ist ja so wahnsinnig schlau. Und tough. Und erfolgreich. Und beliebt. Und überhaupt… Die Story nimmt eine Milliarde an den Haaren herbeigezogene Wendungen und wird immer bescheuerter. Alex auch.

Alle paar Seiten gelangt sie zu den gleichen Erkenntnissen: Vielleicht ist Sergio doch nicht so vertrauenswürdig, wie sie dachte (NEIN! Ist er nicht, du dumme Nuss! Er hat jemanden umbringen lasssen!). Vielleicht geht ihr Chef illegalen Geschäften nach (JA! Das hat er dich doch schon längst wissen lassen, als er dir diesen illegalen Bonus angeboten hat!!!). Vielleicht ist Sergio ja doch kriminell. (Äh… WTF? …!) Vielleicht nutzt ihr Chef die Infos, die sie ihm gibt, für illegalen Insider-Handel (Du Trottel hast ihm doch selbst ’ne Falle gestellt um das rauszufinden!!!).

Wie gesagt: Ich hab keine Ahnung, was da passiert ist. Ich weiß nur, was da nicht passiert ist: Recherche, Lektorat, Entwicklung einer sinnvollen Storyline, Entwicklung von glaubwürdigen Charakteren, … Da auf dem Umschlag „Kriminalroman“ und nicht Wirtschaftssatire“ steht, muss ich davon ausgehen, dass das Ganze ernst gemeint ist. Darum kann mein Fazit nur lauten: Nicht lesen. Nicht kaufen. Wenn der Tipp zu spät kommt: Unbedingt wegschmeißen. Bitte auch nicht in diese öffentlichen Büchertauschregale stellen. Auf keinen Fall.