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Verteidigung der Missionarsstellung

Ich hab den Roman im Buchladen auf dem Tisch mit den Neuerscheinungen entdeckt. Ausschlaggebend für den Kauf war der Name des Autors – einmal mehr. Umso besser, dass ich diesmal nicht danebenlag! „Verteidigung der Missionarsstellung“ von Wolf Haas ist ein richtiges Goldstück. Kein Brenner. Aber ein Haas.

Wer eine Geschichte erwartet, könnte enttäuscht sein. So richtig gibt es nämlich keine. Eher Fragmente, die aneinandergereiht werden. Der Leser muss selbst die Lücken füllen und die Andeutungen interpretieren, es gibt viel Platz für Kopfkino.

Hinzu kommen viele typografische Spielereien, die mal mehr mal weniger die Handlung unterstreichen, auf jeden Fall aber immer wieder für Irritation sorgen. Mich würde interessieren, wie die in einem E-Book umgesetzt werden… Vermutlich gar nicht. Wäre aber schade drum.

Fazit: „Verteidigung der Missionarsstellung“ ist absolut lesenswert. Ich werd’s wieder tun.

Das Wetter vor 15 Jahren

Ich habe keine gewöhnliche Liebesgeschichte von Wolf Haas erwartet. Auf „Das Wetter vor 15 Jahren“ war ich trotzdem nicht vorbereitet: ein Interview. Von der ersten bis zur letzten Seite. Wolf Haas im Dialog mit der „Literaturbeilage“. Thema: eben dieser Roman – „Das Wetter vor 15 Jahren“. So was kann auch nur dem Haas einfallen.

Nach der ersten Enttäuschung hab ich angefangen zu lesen. Voller Vorurteile: ‚Ok, das ist ja ganz nett, aber ob ich das bis zum Ende durchhalte, weiß ich nicht.‘ Nach der zweiten Seite hab ich angefangen, zu glauben, dass es tatsächlich funktionieren könnte. Spätestens nach der zehnten Seite war ich überzeugt: geiler Scheiß!

Neben der Liebesgeschichte von Anni und Vittorio wird beiläufig Haas‘ Stil seziert. Warum hat er an dieser oder jener Stelle eben dieses und nicht jenes Detail betont? Warum hat der Lektor jenes zugelassen? Welcher Part des Romans basiert auf der wahren Begebenheit – welcher wurde hinzugedichtet? Usw.

Ein Auszug:

Wolf Haas: Ehrlich gesagt hat mir der Lektor da sogar einige Seiten weggestrichen. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, das sind für mich sehr verlockende Texte.
Literaturbeilage: Das merkt man.
Wolf Haas: Aber es ist ja nicht nur meine Vorliebe für –
Literaturbeilage: – für’s Zählen –
Wolf Haas: Haha, für bedeutungsfreie Textpassagen. Mein Gott, die Leute fahren mit dem Motorrad wochenlang durch die Wüste, das versteht jeder. Da geben sie noch Geld dafür aus! Aber ein paar Buchseiten mit einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, da wird man gleich für wahnsinnig erklärt.

Fazit: Absolut lesenswert!

Die Brenner-Romane

Heute habe ich den sechsten der Brenner-Romane von Wolf Haas zu Ende gelesen. Was soll ich sagen? Das war zwar nicht das, was ich normalerweise als gute Krimis bezeichnen würde. Aber der Schreibstil war irgendwie einfach „ding“. Ich habe oft laut gelacht – wann passiert das mal beim Lesen? Ok, bei Helge Schneider vielleicht. Für mich auf jeden Fall ein großer Pluspunkt.
Was ich bemerkenswert fand: obwohl der Ich-Erzähler eine sehr einfache Sprache verwendet, waren die Bücher für mich keine Leichte Kost. Ich hab immer wieder den Faden verloren und war verwirrt. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass ich für keinen der sechs Romane eine vernünftige Inhaltsangabe schreiben könnte… Irre, das alles müsste eigentlich zu einem vernichtenden Gesamturteil führen. Aber ich kann alle sechs Folgen uneingeschränkt empfehlen. Es gibt wohl noch einen siebten Band – was ich nach dem Ende von „Das ewige Leben“ irgendwie „ding“ finde. Ich weiß noch nicht, ob ich den lese. Schauen wir mal.
Hier noch ein paar Textstellen aus Band 4 (mein Favorit) „Silentium!“, über die ich besonders laut lachen musste (auf der Heimfahrt von Berlin nach Köln im ICE):
„Und Lift hat das Haus natürlich auch keinen gehabt, weil Denkmalschutz, da hat der Papst gesagt, wir können den Leuten nicht alles verbieten, den Empfängnisschutz oder meinetwegen AIDS-Schutz verbieten wir ihnen, aber da muss man diplomatisch sein, und Denkmalschutz lassen wir ihnen wieder. Jetzt alte Geschichte, wenn dir nicht viel erlaubt ist, freust du dich über das wenige umso mehr, jetzt haben die Denkmäler in Salzburg nur so geglüht vor lauter Schutz.“ (Auszug aus Kapitel 6)
„Jetzt Party. Seit ein paar Jahren war die Tochter vom Festspielvize auch ein bisschen Präsidentin, nicht von den Festspielen, sondern quasi Wohltätigkeitspräsidentin. Weil Wohltätigkeit nie für den Hugo. Sondern das Geld, das hereingekommen ist, nur für den Schwachen, entweder vom sozialen dings her schwach, oder sagen wir Afrika unten, wo sie die Kondome lieber aufsparen als Willkommensluftballone für den nächsten Papstbesuch.“ (Auszug aus Kapitel 7)
„In Körben tragen Frauen Eingeweide, ist ihm durch den Kopf geschossen, während er seine Eingeweide entleert hat, direkt auf den Boden, aber vom Reinlichkeitsstandpunkt kein Problem, weil der ganze Boden war sowieso über und über voller, wie soll ich sagen: Eingeweide. Das war die reinste Schlachtplatte aus zwei Personen. Aber bei Schlachtplatten kann man sich oft furchtbar täuschen. Weil im Gasthaus reicht die Schlachtplatte für eine Person meistens für zwei Personen, und die Schlachtplatte für zwei Personen reicht oft für vier Personen! Jetzt hat der Brenner erst bei näherem Hinsehen bemerkt, dass es sich nur um eine einzige Leiche handelt.“ (Auszug aus Kapitel 9)