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Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung

Beatrice lebt mit ihrem Bruder und ihren Eltern in der „Festung“ – einem Viertel, das sogar von der Polizei gemieden wird. In der Wohnung über ihr wohnt Alfredo mit seinen beiden Brüdern. Die Jungen werden regelmäßig von ihrem alkoholkranken Vater halb totgeprügelt. Beatrice und Alfredo freunden sich an, die beiden verbindet eine Art Hassliebe. Sie werden überall „Die Zwillinge“ genannt. Gleich zu Beginn des Romans Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung erfahren wir, dass Alfredo gestorben ist. In der folgenden Geschichte erzählt Beatrice, wie es so weit kommen konnte.

Mich hat die Geschichte sehr berührt. Das lag sicher auch am Schreibstil, der schnörkellos und sehr ehrlich, teilweise auch ungeübt ist. Das passt zur Ich-Erzählerin, die eben aus sehr einfachen Verhältnissen stammt. Die Autorin, Valentina D’Urbano, ist noch relativ jung. Der Roman war eine Einreichung für einen Schreibwettbewerb, den sie damit gewonnen hat. Ich bin gespannt auf ihr nächstes Werk. Dann wird sich herausstellen, ob sie die Ungeübtheit ihrer Ich-Erzählerin in den Mund gelegt hat.

Fazit: Der Schluss der Geschichte hat mir nicht gut gefallen (ich will nichts verraten). Der war nicht vorhersehbar – weil er nicht gepasst hat. Zumindest hat er sich für mich nicht richtig angefühlt. Trotzdem kann ich den Roman empfehlen.

Unsere schönste Trennung

Was ist Glück? In der Mittagspause kurz in die Buchhandlung zu gehen, in’s Regal zu greifen und so ziemlich den tollsten Roman zu erwischen, den man in den letzten Jahren entdeckt hat. Und wem passiert’s? Ja: Mir! „Unsere schönste Trennung“ hat mich innerhalb weniger Seiten zu einem großen Fan von David Foenkinos (wie spricht man das aus???) gemacht. Ich bin sehr glücklich.

In „Unsere schönste Trennung“ durfte ich Fritz und Alice durch ihre Beziehung begleiten. Die beiden verlieben sich ineinander, sind eine Weile zusammen, trennen sich, finden sich wieder, trennen sich erneut… Keine Sorge: das ist keine Teenager On-Off-Beziehung. Es ist schön. Nicht nervig. Ich mochte vor allem die Zeiten zwischen den Beziehungen. Fritz als Krawattenverkäufer. Zu gut.

Überhaupt finde ich den bekloppten Fritz so unglaublich sympathisch. Wie er sich nicht entscheiden kann, was er studieren soll, weil ihn einfach alles interessiert: „Ich war damals Student, und da ich mich zwischen verschiedenen Disziplinen lange nicht zu entscheiden in der Lage war, hatte ich Kurse auf so unterschiedlichen Gebieten wie Kunstgeschichte und Molekularphysik belegt. Mich interessieren alle Arten von Robert: Musil, Schumann, Bresson oder Zimmermann.“

Seine Angst vor Konflikten, die er immer mit Kompromissen löst: „Der Slogan meiner Neurose lautet: schließe Kompromisse. Dieser Pazifistenaszendent ist sicherlich mein einziges konkretes Erbstück.“ Und wie er als Krawattenverkäufer sein Glück sucht: „Im Krawattenverkäuferjargon kannte ich mich auch nicht aus, ich musste also improvisieren. Ich hatte aber einen wichtigen Trumpf in der Hand: Ich war mit komplizierten Wörtern vertraut. Und komplizierte Wörter können eine wesentliche Rolle spielen, wenn es darum geht, etwas zu verkaufen.“

Ein wenig erinnert mich Foenkinos an Alain de Botton (von dem bin ich auch Fan). Die beiden haben eine ähnliche Art, die kleinen Dinge des Alltags zu beobachten, zu beschreiben und zu sezieren. Über beide kann ich mich kaputtlachen. Aber Foenkinos ist erwachsener. Was mich am meisten freut an meiner Neuentdeckung: Sie ist gar nicht neu. Foenkinos hat schon richtig viel geschrieben. Ich weiß schon, mit wem ich die Weihnachtstage verbringen werde… Gerade bin ich dabei, alles von ihm zu kaufen, das es gibt.

Fazit: „Unsere schönste Trennung“ ist irgendwie tragisch, unglaublich witzig und besser. Unbedingt lesenswert!!!