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Das Mädchen, das verstummte

Hjorth & Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte
Hjorth & Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte

Ich habe ungeduldig auf dieses Buch gewartet. Schon seit November 2013. Um die Vorfreude hoch zu halten, habe ich mich gezwungen, mit dem Lesen bis zu meinem Urlaub zu warten. Ich habe also vom 15. Oktober an 24 lange Tage auf das Buch gestarrt, bis ich endlich die Folie aufgerissen und mit dem Lesen begonnen habe. Und dann – dann war ich nach 3 Abenden durch. Jetzt heißt es wieder: Warten. Aber diesmal nicht ganz so ungeduldig, denn irgendwie war das alles zwar „ziemlich gut“. Meinen Enthusiasmus vom letzten Jahr kann ich jetzt aber nicht mehr nachvollziehen.

Vielleicht lag es ein wenig am Cliffhanger, den es am Ende des dritten Bandes gegeben hat: Durch einen Türspion wurde ein Schuss direkt ins Auge von Ursula abgefeuert. Die Frage, was nun mit ihr ist, hat mich ein Jahr lang schwer beschäftigt. Die Aufklärung im vierten Band erfolgt nebenbei und völlig unspektakulär. Da habe ich etwas anderes erwartet. Mehr. Nun ja, ich will hier nicht spoilern. Wer wissen will, was mit Ursula ist, kann mich gerne danach fragen. Zu Vanja allerdings möchte ich etwas sagen: Sie geht mir so was von auf den Keks! Übergriffig, selbstgerecht und besserwisserisch. Eine Unperson. Das soll wohl so.

Der Fall selbst ist höchst spektakulär: Eine komplette Familie wird ausgelöscht. Vater, Mutter, zwei Kinder. Alle nacheinander erschossen. Die Reichsmordkommission wird zu Hilfe gerufen, um dem Kommissar vor Ort, der ganz neu in seinem Job ist und unter scharfer Beobachtung steht, unter die Arme zu greifen. Das Team deckt dann auch ziemlich schnell ein entscheidendes Detail auf: Es gab eine Zeugin. Ein zehnjähriges Mädchen, das alles beobachtet hat und dann verschwunden ist. Das Mädchen wird gefunden. Es spricht aber nicht mehr. Dieser Umstand verhilft Sebastian Bergmann zu einer sinnvollen Aufgabe. Er ist ja Psychologe und hat mit Polizeiarbeit wenig am Hut. Er nähert sich dem Mädchen (und seiner Mutter) an und gewinnt ihr Vertrauen.

Wie immer gibt es viele Perspektivwechsel. Der Fall wird aus den Augen fast jedes Beteiligten betrachtet. Gäbe es einen Hund, der eine wichtige Rolle spielte, würde wohl auch ihm ein Kapitel gewidmet werden. Wir Leser bekommen dadurch häufig Vorsprünge, weil wir mehr wissen. Beziehungsweise zu wissen glauben, denn immer wieder handelt es sich um vermeintliche Vorsprünge und falsche oder falsch interpretierte Spuren. Sehr elegant. Die Reichsmordkommission holt jedes Mal schnell auf. Und schließlich gibt es einen Showdown, bei dem zumindest ich zugeben musste: Huch! Damit hatte ich dann doch nicht gerechnet.

Wie gesagt: Total vom Hocker gehauen hat mich das Ganze jetzt nicht. Aber das lag möglicherweise an meinen Erwartungen, die ein Jahr lang Zeit hatten, zu wachsen und jedes realistische Maß zu sprengen. Darum möchte ich trotzdem ein „richtig gut“ vergeben und werde auf jeden Fall den nächsten Band lesen. Einen kleinen Cliffhanger gab es auch diesmal und ich bin besorgt, was sich daraus entwickelt. Mein Fazit lautet also: Absolut lesenswert. Allerdings sollte ein Neuling der Serie bei Band 1 einsteigen. Die ganzen Verstrickungen und Beziehungen der einzelnen Ermittler untereinander sind sonst nur schwer bis gar nicht zu durchschauen.