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Gelesen im Juli 2017

1) Carolin Emcke „Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF”
Carolin Emcke habe ich in diesem und im vergangenen Jahr auf der Republica gesehen/gehört. Ihre Ernsthaftigkeit in Kombination mit ihrem trockenen Humor und ihre Klugheit, die sie in einer so wunderbaren Sprache äußert, haben mich extrem beeindruckt. Was ich bisher nicht wusste: Sie ist die Patentochter von Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Herrhausen wurde 1989 von der Roten Armee Fraktion getötet. Es war einer der letzten Morde der RAF.

„Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF” erschien im Jahr 2008, also knapp zwei Jahrzehnte nach dem Mord, der noch immer nicht restlos aufgeklärt ist. Es handelt sich um eine Zusammenfassung von Gedanken, Fragmenten und Fragen, die sich im Laufe dieser Zeit in Emckes Kopf angesammelt haben. Und die sie nicht zur Ruhe kommen lassen – weil es keine Antworten auf ihre Fragen gibt. Das Schweigen der RAF zu ihren Taten empfindet sie als Fortsetzung des Terrors: „Wir verlieren unsere Souveränität mehr in unserer Antwort auf den Terror als durch den Akt des Terrors selbst.”

Ich habe etwas länger gebraucht, das Buch zu beenden, weil ich es immer wieder weggelegt habe. Nicht, weil ich es langweilig fand. Im Gegenteil: Ich musste immer wieder Pausen einlegen, um das Gelesene zu verarbeiten oder in der Geschichte der RAF zu recherchieren. Emckes Gedanken haben mir eine neue Perspektive eröffnet. Trotz Schmerz, Trauer und sicher auch Wut hält sie ein Plädoyer gegen Gewalt, wobei sie die Gewalt gegen die Täter einschließt, und für einen gesellschaftlichen Dialog, der den Opfern Antworten auf ihre Fragen und damit Zugang zu Trauer und Verarbeitung ermöglicht. Großartig und unbedingt lesenswert.

2) Paul Auster „4 3 2 1”
Oh weh … Wir starten am 1. Januar 1900 auf Ellis Island, wo Isaac Reznikoff als Ichabod Ferguson sein neues Leben beginnt, nachdem er Wochen zuvor seine Heimatstadt Minsk verlassen hat. 47 Jahre (oder 52 Seiten) später wird Ichabods Enkel Archibald Ferguson geboren, unser Protagonist, dessen Leben wir auf den folgenden 1.206 Seiten etwa 20 Jahre lang begleiten. Stimmt nicht ganz: Tatsächlich begleiten wir vier Versionen von Archibald, denn sein Geburtstag ist gleichzeitig der Tag, an dem die Weichen für vier mögliche Leben gestellt werden.

Auster verändert Kleinigkeiten in der Biographie der einzelnen Archies und lässt uns an den Auswirkungen dieser Veränderungen auf ihre Leben teilhaben. Dass man sich dafür ein wenig ausbreiten möchte, kann ich nachvollziehen. Aber gut 1.200 Seiten hätte es wirklich nicht gebraucht. Denn im Grunde passiert – nichts. Ich habe innerhalb eines Buchs vier Coming of Age-Romane gelesen und hatte Mühe, diese auseinanderzuhalten. Am Ende waren sich die einzelnen Archies viel zu ähnlich, als dass ich wirklich riesige Unterschiede hätte feststellen können.

Auster lässt die vier Archies immer abwechselnd auftauchen, heißt: wir bekommen ihre Leben Abschnittweise serviert. Ich hatte wirklich Mühe, mich zu erinnern, an welcher Stelle wir Archie 1,2, 3 und 4 jeweils verlassen hatten wenn sie plötzlich wieder auftauchten. Ein eher ermüdendes Leseerlebnis, das ich nur fortgesetzt habe, weil ich auf den großen Knall gewartet habe. Der kam dann auch, als ich das Buch schließlich wütend zuschlug, denn zum Schluss begeht Auster einen in meinen Augen unverzeihlichen Fehler: Er interpretiert sein eigenes Werk und erklärt mir, wie ich das alles zu verstehen hätte.

Ich kann 4 3 2 1 nicht empfehlen, das war wirklich langweilig. Wer aber trotzdem gern reinschauen möchte, dem empfehle ich, wie folgt vorzugehen: den 1. Abschnitt auf Seite 11 lesen – hier betritt Archies Großvater Ellis Island – um dann gleich zu Seite 1.250 vorzublättern und mit dem „alten Witz” zu beginnen. Auf Seite 1.255 hat man dann alles verstanden. Wer möchte, kann dann noch die letzten drei Seiten anhängen. Aber das ist freiwillig. Geht in jeder Bahnhofsbuchhandlung.

Den anderen Titeln widme ich weniger Zeilen:

3) Fjodor Dostojewski „Verbrechen und Strafe”
Mein zweiter Versuch, nachdem ich vor 7 Jahren auf Seite 350 aufgegeben habe. Ja, kann man machen. Ist halt ein Klassiker. Aber ich brauche jetzt nicht noch mehr Dostojewski.

4) Eva Almstädt „Dunkler Abgrund”
Ein Sommerkrimi aus der Serie um die Kommissarin Pia Korritki, der deutlich kürzer ausfällt als die anderen Folgen. Hat zur Folge (hehe), dass der Leser an der Lösung des Falls im Grunde nicht beteiligt wird. Wir erfahren alles in einem Gespräch zwischen Korritki und ihren Kollegen am Ende des Krimis, in dem die Kommissarin ihre Gedankengänge darlegt. Fazit: Verzichtbar. Vielleicht noch wichtig für die folgenden Folgen (hehe), dass Korritkis Schwester jetzt verheiratet ist.

5) Michael Kraske „Vorhofflimmern”
Paar zieht mit Teenager-Sohn von Hamburg aufs ostdeutsche Land, Sohn ist links, wird von rechten angegriffen, Polizei tut nichts. Ich dachte, in diesem Roman soll es um rechte Gruppierungen auf dem ostdeutschen Land gehen. Am Ende war es vor allem die Geschichte einer quälend nervigen Beziehungskiste, welche die Seiten gefüllt hat. Und nicht mal gut geschrieben. Kann ich nicht empfehlen.

6) Mark Roderick „Tränen aus Blut – Post Mortem I”
7) „Zeit der Asche – Post Mortem II”
8) „Tage des Zorns – Post Mortem III”
Eine Trilogie, die mich ganz gut unterhalten hat: Profi-Killer und Interpol-Agentin ermitteln im selben Fall, beide werden immer wieder persönlich involviert. An der ein oder anderen Stelle unrealistisch, aber das ist ok. Ich mochte die Protagonisten und hab gern Zeit mit ihnen verbracht. Schade, dass die Serie nicht weitergeführt wird.

Übrigens: Entweder hat der Autor ein schlechtes Gedächtnis ODER er schreibt für Menschen mit schlechtem Gedächtnis. Oder einfach für Leser, die ihre Bücher immer wieder weglegen und später weiterlesen. Jedenfalls liefert Roderick alle paar Seiten kurze Zusammenfassungen des bisher Geschehenen. Aber auf eine ganz gute Art, nervt also nicht.

9) Craig Malkin „Der Narzissten-Test”
10) Jochen Peichl „Warum es auch gut ist, Narzisst zu sein”
Ich packe die beiden Titel zusammen, weil ich sie aus dem selben Grund gelesen habe: Narzissmus ist zurzeit in aller Munde, aber die Betrachtungsweise ist mir zu einseitig. Narzissten werden fast ausschließlich als Täter dargestellt, die Spaß daran haben, ihre Mitmenschen zu manipulieren und ihnen zu schaden. Bücher/Aufsätze/Artikel zum Thema widmen sich hauptsächlich der „Opfer-Sicht”: Wie kann ich mich erfolgreich gegen Narzissten durchsetzen? Wie entferne ich diese schrecklichen Menschen wieder aus meinem Leben? und so weiter.

Peichl und Malkin nehmen eine andere Perspektive ein. Sie beschreiben, was einen Menschen überhaupt zu einem Narzissten macht und verdeutlichen, dass narzisstisches Verhalten mit Blick auf die jeweilige Biografie nachvollziehbar ist. Dabei halten beide keine Plädoyers für Narzissmus. Sie verdeutlichen aber, dass Veränderungen möglich, wenn auch schwierig und anstrengend sind.

Ich kann beide Titel empfehlen; am besten erst Malkin und dann Peichl lesen weil Peichl sich (unter anderem) auf Malkin bezieht.