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Der Psychiater

Es war ein Audible Newsletter, der mich auf „Der Psychiater“ von John Katzenbach aufmerksam gemacht hat. Ich habe die Inhaltsangabe kurz überflogen und beschlossen, dem Herrn, der schon seit vielen vielen Jahren Thriller schreibt, eine Chance zu geben. Außerdem mag ich Uve Teschner, der das Hörbuch liest, ganz gern. Beziehungsweise seine Stimme.

Wir treffen Timothy „Moth“ Warner, seineszeichens Alkoholiker. Er ist 24 Jahre alt, studiert Geschichte und hat mit seiner Familie gebrochen. Nicht ganz, denn es gibt da noch seinen Onkel. Dieser ist Psychiater – daher der Titel – und der einzige Verbündete, den Moth so hat. Onkel Ed begleitet Moth durch seinen Entzug und zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Er nimmt eine wichtige Rollen im Leben von Moth ein, der ihn als seinen Rettungsanker in einem ansonsten hoffnungslosen Leben sieht. All das lernen wir gleich zu Beginn, innerhalb der ersten – ich schätze mal: 100 Hörbuchminuten.

Einschub: Diese Zeitangabe ist ein subtiler Hinweis auf den Erzählstil des Autors. Mir ist schnell klar geworden, wie er die Laufzeit seiner Hörbücher erreicht: Durch ausführliche Einführungen seiner Charaktere. Und ausschweifende Ausführungen über deren Hobbies, Vergangenheit, Vorlieben, Interessen, Freunde, Berufe, … Das ist jetzt aber nur eine Feststellung. Genervt hat es mich nicht. Wir hatten ein langes Wochenende und ich hatte Zeit, also: Alles im grünen Bereich.

Nachdem wir also nun gelernt haben, wie wichtig Ed für Moth ist, verschwindet Ed auch schon wieder von der Bildfläche. Moth findet ihn tot in seiner Praxis. Kopfschuss. Die Polizei diagnostiziert einen glasklaren Selbstmord. So glasklar, dass sie sich nicht mal die Mühe macht, die Schusshand des Toten auf die berühmten Schmauchspuren hin zu untersuchen. Moth diagnostiziert einen glasklaren Mord. So glasklar, dass er selbst die Ermittlungen aufnimmt und für den Fall, dass die Polizei ihm weiterhin nicht glaubt, sogar einen Akt der Selbstjustiz für das Ende (= das Aufspüren des Mörders) einplant.

Bei den Ermittlungen bekommt Moth Unterstützung von Andrea, genannt „Andy“. Sie war seine erste große Liebe. Andy leidet zurzeit selbst: Sie versucht, eine Vergewaltigung und eine Abtreibung zu verarbeiten, wird dabei von Schuldgefühlen zerfressen und ist am Ende ihrer Kräfte. Ähnlich geht es der Staatsanwältin, die sich nach anfänglicher Weigerung an der Suche nach dem Mörder beteiligt: Moth kennt sie aus der Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Beide Frauen werden ebenso intensiv eingeführt wie zuvor Moth und Ed. Wir Leser / Zuhörer wissen also eine ganze Menge über sie. Eine ganze Menge mehr, als sie gegenseitig von sich wissen – denn von der Vergewaltigung, der Abtreibung, den inneren Kämpfen erzählen sie niemandem.

So richtig Spannung aufkommen wollte bei mir nicht. Ich hatte einfach zu viele Infos. Der einzige Gedanke, der mich die ganze Zeit umgetrieben hat, war: Warum fragst du nicht XY nach Z? Dann weißt du doch Bescheid! Das heißt: Katzenbach gibt dem Leser / Zuhörer sämtliche Puzzleteile, die für die Lösung des Falls benötigt werden, schon ziemlich früh (relativ früh – wenn man die ausschweifenden Ausführungen bedenkt; da muss man ja erst mal durch) an die Hand. Wir kennen nun die Lösung und beobachten die Protagonisten dabei, wie sie versuchen, ihre eigenen Puzzleteile irgendwo anzulegen. Und lernen ein weiteres Mal: Kommunikation ist wichtig. Und bekommen den Beweis, dass Luhman recht hatte, als er sagte: Kommunikation ist unwahrscheinlich. Mehr verrate ich nicht.

„Der Psychiater“ ist nicht umwerfend, aber sehr unterhaltsam. Ich habe mich nicht gelangweilt und war auch nicht genervt. Darum habe ich auch schon den nächsten Katzenbach heruntergeladen. Also, Fazit: Ja, kann man lesen. Ganz brauchbar.

Gleis 4

Nach all den Krimis und Thrillern war es mal wieder Zeit für einen Roman. „Gleis 4“ von Franz Hohler ist mir wie so oft ganz zufällig in die Hände gefallen. Ich habe die ersten Seiten gelesen und beschlossen, den Roman mitzunehmen. Ich habe es nicht bereut.

„Darf ich Ihren Koffer tragen?“ Mit diesem Satz fängt alles an. Eigentlich eine nette Geste, denn Isabelle sollte ihren schweren Koffer wirklich nicht selbst die Treppe hochtragen. Aus gesundheitlichen Gründen. Der Mann, der ihr freundlicherweise behilflich ist, offenbar auch nicht: Oben auf Gleis 4 angekommen kippt er um und ist tot.

Isabelle ist eigentlich auf dem Weg in den Urlaub. Daran ist nach dem tragischen Zwischenfall am Bahnhof aber nicht mehr zu denken. Stattdessen begibt sie sich auf die Suche nach der Vergangenheit des Mannes. Dabei hilft ihr sein Handy, das sie aus Versehen eingesteckt hat und das bald darauf zu klingeln anfängt. Und die Witwe des Verstorbenen, die aus Kanada anreist, um seine Angelegenheiten zu regeln.

Ich fand die Geschichte herrlich unaufgeregt und trotzdem fesselnd. Zwischen Isabelle und der Witwe des Verstorbenen entspinnt sich eine warmherzige Freundschaft, die beide Frauen so nicht erwartet haben. Das fand ich sehr berührend. Ein wenig seltsam und im Grunde überflüssig fand ich die Ausflüge in Richtung Vodoo-Zauber. Die brauchte es meiner Meinung nach nicht. Dafür entschädigt hat mich das Ende: Nach dem ganzen Vodoo brauchte ich keine unrealistischen Zufälle – und die gab es auch nicht. Zum Glück.

Mein Fazit lautet dementsprechend: Auf jeden Fall lesenswert.

Grablichter

Ich hatte „Blaues Gift“ kaum zugeklappt, da habe ich schon „Grablichter“ in der Hand gehalten. Auch der vierte Fall für Pia Korittki erhält meine Empfehlung: Lesenswert. Alles beginnt mit dem heimtückischen Mord an einer Journalistin. Oder mit einer Leiche ohne Kopf, die zufällig bei Probebohrungen gefunden wurde – und vermutlich schon 25 Jahre in ihrem Grab lag. Und so weiter und so weiter. Die Handlung von Krimis wiedergeben ist bekanntermaßen nicht mein Ding. Ich widme mich lieber dem nächsten Fall von Frau Korittki. Vorher aber verbringe ich ein wenig Zeit mit Rebekka Holm. Die will ich nicht vernachlässigen.

Blaues Gift

„Blaues Gift“ ist der dritte Fall für Pia Korittki. Sie ermittelt in einem Giftmord. Parallel dazu verschwindet ihre Schwägerin und lässt Pias Bruder und ihre Nichte zurück. Der Fall ist gut konstruiert. Ebenso die Überleitung zu Pias Privatleben und einem wohlgehüteten Familiengeheimnis, dem die Ermittlerin im Laufe der Handlung auf die Spur kommt.

Ich habe schon „Grablichter“ auf dem Nachttisch liegen, darum will ich gar nicht mehr schreiben. Wie schon bei „Kalter Grund“ und „Engelsgrube“ lautet mein Urteil für diesen Krimi: Lesenswert.

Engelsgrube

Ich habe es nach der Lektüre von „Kalter Grund“ angekündigt: Ich will mehr Zeit mit Frau Korittki verbringen. Das habe ich gleich getan. „Engelsgrube“ ist der zweite Fall der Kommissarin aus der Feder von Eva Almstädt.

Das Verhältnis der Kommissarin zu ihren Kollegen hat sich entwickelt. Das war abzusehen und wird konsequent weiter umgesetzt. Offenbar hatte ich daran gezweifelt. Dafür, dass ich Unrecht hatte, gibt’s Pluspunkte von mir. Ich habe meine Zeit auch diesmal wieder sehr gern mit Pia und ihren Kollegen verbracht.

Allerdings finde ich den zweiten Fall irgendwie… Äh… Seltsam. Achtung, Spoiler-Alarm: Ein Haufen verwöhnter Menschen, denen Freitags langweilig ist, begeht Auftragsmorde. Ist doch klar: Freitags ist halt nichts los in diesem Lübeck. Was sonst soll man also sont machen?

Egal. Ich habe die Geschichte trotzdem verschlungen und freue mich schon auf die nächste. Darum will ich auch gar nicht mehr Zeit mit dem Schreiben verbringen. Lieber gleich weiterlesen. Mein Fazit: Lesenswert.

Tod und Regen

Die Kommissare Zorn und Schröder sind mir bei einem gemeinsamen Frühstück von einer Freundin empfohlen worden. Als sie kurz aufs Klo verschwunden ist, habe ich die Gelegenheit genutzt, ihr Buch geschnappt und zu lesen angefangen. Die drei Minuten haben genügt, um mich zu überzeugen. „Tod und Regen“ ist der erste Fall der beiden, der von Stephan Ludwig dokumentiert wird. Der war auch mein Einstieg in die Reihe.

Ich finde vor allem die beiden Protagonisten herrlich. Kommissar Zorn, außen hart und innen ganz weich. Extrem gutaussehend, Schlag bei den Frauen, glücklicher Single – ein Traumtyp. Denkt man. Gleichzeitig ist er ausgesprochen arbeitsscheu, sitzt die meiste Zeit rauchend herum, ist aggressiv, ungerecht, unfreundlich und scheucht seinen Assistenten Schröder (eigentlich ein Kollege) herum. Da wir Leser immer wieder Einblicke in Zorns Kopf bekommen wird er all seinen schlechten Eigenschaften zum Trotz nicht unsympathisch. Wir erfahren immer, was er wirklich denkt und wie unfähig er ist, seine wahren Gedanken zu äußern. Er will halt nicht weich wirken. Der Vogel.

Außerdem wird Zorn für seine seltsamen Anwandlungen und seine Arroganz immer wieder vom Leben bestraft. Zum Beispiel im Schwimmbad, als er dem „dicken Schröder“ (sein Spitzname für den etwas übergewichtigen Kollegen) ganz jovial erklärt, er müsse sich keine Sorgen machen, wenn er beim Schwimmen nicht mithalten könne. Er, Zorn, würde sich darüber schon nicht lustig machen. Schröder macht sich auch keine Sorgen, sondern hängt Zorn ganz locker ab und lässt ihn reichlich blöd dastehen. „Das sollten wir öfter machen!“ sagt Schröder. ‚Ganz sicher nicht…“, denkt Zorn.

Wie im Schwimmbad wird Schröder häufig unterschätzt. Von Zorn, vom Leser, von den anderen Kollegen, von den Verbrechern. Schröder lässt nur im äußersten Notfall durchblicken, was er wirklich drauf hat. Ich habe mich jedes Mal über diese Momenten gefreut. Schröder ist dadurch unglaublich sympathisch und es wird deutlich, dass er gar nicht so devot ist, wie ich zunächst vermutet habe. Er weiß sehr genau, was er tut, wenn er Zorns Befehle widerspruchslos ausführt.

Der erste Fall der beiden ist ziemlich blutrünstig und ich habe ein paar Mal überlegt, nicht weiterzulesen, weil ich es nicht aushalten konnte. Das liegt wohl am Schreibstil von Stephan Ludwig. Der Mann hat’s drauf. Eigentlich erzählt er gar nicht so viel von den schrecklichen Dingen, die so passieren. Er lässt sehr viel Raum für meine Phantasie. Das versuchen ja viele Autoren. Aber den wenigsten gelingt es. Mein Fazit: Lesenswert. Ich werde mir gleich den zweiten Fall der beiden besorgen und weiterlesen.

Mordsfreunde

Weil mir mitten in „Unter Haien“ mein Kindle gestohlen worden ist, wollte ich erst mal mit einem anderen Krimi von Nele Neuhaus weitermachen. Nennt mich naiv: Insgeheim hoffe ich vermutlich darauf, dass ich mein Eigentum zurückbekomme und nahtlos weiterlesen kann. Vermutlich werde ich „Unter Haien“ niemals beenden… „Mordsfreunde“ ist der zweite Fall für Kirchhoff und Bodenstein. Nachdem die Kommissare bei „Eine unbeliebte Frau“ viel Zeit auf einem Luxusreiterhof verbringen, verschlägt es sie mit ihrem neuen Fall in den Zoo. Im Heu für die Elefanten wird eine abgetrennte menschliche Hand gefunden. Die ist Auslöser für umfangreiche Ermittlungen in einem Mordfall.

Der zur Hand passende Körper wird auf mehrere Gehege im Zoo verteilt gefunden und zusammengesetzt, bis schließlich der charismatische Lehrer Hans-Ulrich Pauly entsteht. Beziehungsweise seine Leiche. Pauly war engagierter Umweltschützer, von seinen Schülern und Mitstreitern glühend verehrt und von seinen Feinden abgrundtief gehasst. Mordmotive gibt es in ausreichender Zahl. Bodenstein und Kirchhoff ermitteln mit der ihnen eigenen Sorgfältigkeit und Ruhe, aber auch einer guten Portion Intuition. Das finde ich ganz sympathisch, zumal beide sehr unterschiedliche Charaktere sind und ihr Bauchgefühl eher selten übereinstimmt.

In ihrem Aufbau ähnelt die Geschichte stark dem ersten Fall: Es tauchen ständig neue Verdächtige auf, die nach kurzer Zeit wieder entlastet werden. Ich kam gar nicht richtig mit und habe irgendwann fast den Überblick verloren bei den ganzen Namen. Wie so oft, wenn ich Krimis lese, fällt mir auch hier eine Zusammenfassung schwer. Ich muss das mal untersuchen lassen – warum behalte ich nichts von dem, was ich gelesen habe, obwohl ich so großen Spaß beim Lesen habe? Kann in diesem Fall aber auch an der unübersichtlichen Personage liegen, weiß ich nicht.

Sehr gut im Gedächtnis geblieben sind mir allerdings die Schnitzer, die ein Lektor hätte ausbügeln müssen. Ich alte Erbsenzählerin. So was bleibt hervorragend bei mir hängen. Ich hatte schon beim ersten Fall erwähnt, dass der Lektor ein paar Mal gepennt hat, habe aber gehofft, dass nach dem Erfolg ab dem zweiten Fall Schluss damit ist. Weit gefehlt. Tatsächlich lese ich zurzeit schon den dritten Fall und kann versprechen: Es wird sogar noch schlimmer mit den Fehlern.

Um mal ein Beispiel zu nennen: Zu Beginn wird Lehrer Pauly charakterisiert als eine Art Fortschrittsverweigerer, der noch nicht einmal ein Handy hat. Als die Kommissare dann an Paulys Schule auftauchen, um den Kollegen mitzuteilen, dass Pauly tot ist, erfahren sie, dass der Lehrer unentschuldigt fehle und noch nicht einmal auf seinem Handy erreichbar gewesen sei. Ebenfalls schwierig: Nachdem die Hand gefunden wurde, wird gleich ein Mordfall aufgemacht und nach einer Leiche gesucht. Tatsächlich kann ein Mensch auch ohne Hand ganz gut weiterleben. Ein Gerichtsmediziner müsste doch erst mal feststellen, ob die Hand post mortem abgetrennt wurde.

Whatever. Das alles hat mich zwar gestört, aber offenbar nicht so sehr, dass ich die Kommissare Bodenstein und Kirchhoff aufgegeben habe. Wie bereits erwähnt lese ich zurzeit den dritten Fall der beiden. Der allerdings könnte eine Wende bedeuten. Denn – wie ebenfalls bereits erwähnt – hier gibt es noch mehr Fehler. Und ich bin erst bei der Hälfte angelangt. Für „Mordsfreunde“ kann ich trotz meiner Meckerei eine Leseempfehlung aussprechen.

Die Betäubung

"Die Betäubung", Anna Enquist
„Die Betäubung“, Anna Enquist

Das Buch ist mir mehr zufällig in die Hände gefallen. Ich war eigentlich schon auf dem Weg zum Ausgang der Buchhandlung, enttäuscht darüber, keinen neuen Lesestoff gefunden zu haben. Es war einmal mehr der Anfang des Klappentextes, der mich angesprochen hat: „Die einen stürzen sich in die Arbeit, um sich abzulenken, andere verlieren den Boden unter den Füßen. Können wir den Verlust eines geliebten Menschen wirklich jemals verwinden?“ Eine Frage, die mich dieses Jahr selbst umtreibt. Vielleicht war es ein wenig die Hoffnung, endlich eine Antwort zu bekommen. Auf jeden Fall hab ich nicht groß weitergelesen, sondern bin gleich zur Kasse marschiert.

Wir lernen Drik de Jong kennen, einen Psychotherapeuten, dessen Frau wenige Monate zuvor nach schwerer Krankheit gestorben ist. Und wir treffen Driks Schwester Suzan, Anästhesistin, welche die beiden durch die Zeit des Abschiednehmens begleitet hat. Suzan ist verheiratet mit Peter, seines Zeichens der beste Freund von Drik und Psychiater. Die Berufe der drei sind entscheidend für die Handlung, darum erwähne ich sie. Drik hat aufgehört zu arbeiten, während seine Frau im Sterben lag. Jetzt, ein paar Monate nach ihrem Tod, nimmt er seine Arbeit wieder auf: Er behandelt den Psychologiestudenten Allard, der von Peter sozusagen an ihn überwiesen wurde. Für eine Lehrtherapie.

Allard sorgt für reichlich Unruhe. Vermutlich kann er nichts dafür. Aber er ist mir so was von unsympathisch, dass ich ihm gern die Schuld für das Auseinanderbrechen der einzelnen Personen geben möchte und ihm tatsächlich einen gewissen Vorsatz unterstelle. Allard bringt zunächst Drik an den Rand der Verzweiflung: Er kommt einfach nicht an ihn heran. Immer, wenn Drik glaubt, etwas verstanden zu haben und ihm näher zu kommen, macht Allard wieder dicht. Im Laufe der Therapie beschließt Allard, seinen Job zu wechseln. Er möchte plötzlich nicht mehr Psychiater sondern Anästhesist werden und landet – natürlich – in der Abteilung von Suzan. Mit der er ein Verhältnis beginnt. Es ist nicht ganz klar, ob Allard weiß, in welchem Verhältnis Drik und Suzan zueinander stehen. Wie gesagt: Ich neige dazu, ihm einen Vorsatz zu unterstellen. Vielleicht ist es sein perfider Plan, die Familie auseinanderzureißen?

Als Allard in der Therapie von seinem Verhältnis zu Suzan erzählt, wäre das der Moment (oder: einer der vielen Momente) für Drik, die Behandlung abzubrechen. Er ist schließlich befangen. Stattdessen beschließt er, Allard weiter zu behandeln und lieber Suzan und ihren Mann Peter zu meiden, um nicht zwischen die Stühle zu geraten. Ab hier können wir regelrecht dabei zulesen, wie Drik mehr und mehr vereinsamt und ein waschechtes Alkoholproblem entwickelt. Auch Suzan, deren Perspektive wir Leser immer wieder einnehmen, verzweifelt mehr und mehr. Sie weiß, dass ihr heimliches Verhältnis mit einem Schutzbefohlenen nicht in Ordnung ist – sie ist Allards als Mentorin zugeteilt. Und dann zieht sich ihr Bruder von ihr zurück und sie versteht (im Gegensatz zu uns Lesern) nicht, wieso.

Allard richtet noch sehr viel mehr an (auch hier wird meine eindeutige Schuldzuweisung wieder deutlich). Aber ich möchte nichts davon verraten; die Überraschungseffekte sind wichtig für die Handlung. Wahrscheinlich ist er nur eine verletzte und verzweifelte Seele. Er verdient eher mein Mitgefühl. Aber mit ihm geht es mir wie mit Gargamel: Den konnte ich als Kind einfach nicht ertragen. Ich wollte bloß den Schlümpfen zuschauen, wie sie in ihrem Dorf leben und Spaß haben. Der Blödmann mit seiner fiesen Katze sollte sie in Ruhe lassen. Das gleiche denke ich von Allard: Wieso lässt er nicht einfach alle in Ruhe?

Ich habe ziemlich lange für das Buch gebraucht und war zwischendurch immer wieder versucht, es nicht zu beenden, sondern wegzulegen. Tatsächlich war es schwere Kost. Zum einen durch die Handlung, die vielleicht doch zu nah an mir dran war. Zum anderen durch die plastischen Schilderungen der Operationen. Ich bin da ein wenig zart besaitet und hab das ein oder andere Mal ganze Passagen übersprungen, weil ich die detaillierten Infos zum Beispiel über die Entfernung einer Gallenblase einfach nicht aushalten konnte.

Im Epilog habe ich erfahren, dass Anna Enquist, die Autorin, selbst Psychiaterin ist. Die Arbeit von Drik und Peter konnte sie dementsprechend gut beschreiben. Für ihr Buch hat sie an dem Projekt „Schriftsteller auf der Abteilung“ teilgenommen und eine ganze Weile in der Anästhesie verbracht. Dort konnte sie den Ärzten genau auf die Finger schauen. Wir bekommen also einen realistischen Blick hinter die Kulissen der Arbeit von Therapeuten und Ärzten. Das fand ich hochinteressant und überhaupt nicht langweilig – die Informationen sind nicht einfach schulmeisterlich eingestreut („Guck mal, was ich alles weiß!“) sondern tatsächlich ein wesentlicher Teil der Handlung. Manchmal halt ein wenig zu detailliert für meine Nerven.

Die Geschichte lässt mich bedrückt und desillusioniert zurück. Aber ich bin froh, sie gelesen zu haben, weil sie mich wirklich berührt und bewegt hat. Ich kann für „Die Betäubung“ auf jeden Fall eine Leseempfehlung aussprechen.

Eine unbeliebte Frau

Ich habe Nele Neuhaus gestern Vormittag in einer Literatursendung gesehen und fand sie sympathisch. Und während sie im Interview von der Protagonistin ihrer Krimis erzählte überlegte ich, warum ich die nicht kannte. So kam ich zu Pia Kirchhoff. Und zu ihrem Kollegen Oliver von Bodenstein. „Eine unbeliebte Frau“ ist der erste Fall, den die beiden gemeinsam lösen.

Die unbeliebte Frau ist Isabel Kerstner, Ehefrau eines Pferdetierarztes. Ihr Tod soll wie ein Selbstmord aussehen. Das tut er aber nicht. Kirchhoff und von Bodenstein erkennen schnell, dass der Frau gewaltsam ein Ende gesetzt wurde. Verdächtige gibt es dann auch jede Menge – denn die schöne Isabel war eine unbeliebte Frau. Geldgeil, skrupellos und egoistisch, immer auf das eigene Wohl bedacht, hat sie es sich mit vielen Menschen in ihrer Umgebung verscherzt.

Kirchhoff und Bodenstein ermitteln unaufgeregt und sorgfältig. Ich finde schön, wie vorsichtig und unaufdringlich Frau Neuhaus mich mit dem Privatleben der beiden konfrontiert. An einigen Stellen hat wohl der Lektor gepennt. Das hat mich jetzt aber nicht weiter gestört. Ich war sehr überrascht, als der Fall nach noch nicht einmal 4 Stunden Lesezeit schon aufgeklärt war. Die Zeit ist schnell vergangen. Ich will auch gar nicht so viel darüber schreiben sondern lieber den nächsten Fall lesen.

Mein Fazit: Ein guter Zeitvertreib. Durchaus lesenswert.

Das Versteck

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„Das Versteck“, David Finck

„Das Versteck“ von David Finck lässt mich ratlos zurück. Ich bin unsicher: Habe ich nicht alles verstanden, weil ich nicht richtig zugelesen habe – oder ist das Ende einfach offen? Ich habe sehr langsam und aufmerksam gelesen, weil ich kein Wort verpassen wollte. Der Schreibstil von Finck hat mich nachhaltig beeindruckt. Viele Sätze habe ich sogar zweimal gelesen. Vielleicht ist hier passiert, was mir auch bei Rainald Goetz so häufig passiert ist: Weil ich ganz verliebt in die schöne Sprache war, habe ich die Handlung kaum beachtet und immer nur Schlüsselsätze wahrgenommen. Mein Versuch einer Zusammenfassung der Handlung wird vermutlich kläglich scheitern… Ich versuch’s trotzdem mal.

Im Zentrum der Handlung steht Bernhard Duder, ein mittelmäßiger und – dementsprechend unerwartet – erfolgreicher Anwalt. Er ist mit Gabriele verheiratet, seiner Traumfrau, mit der er fünf Jahre zuvor zusammengekommen ist. Der Startpunkt der Beziehung ist gleichzeitig der Abschied von Jonas Duder, Bernhards Bruder, der selbst in Gabriele verliebt ist. Als Jonas erfährt, dass Bernhard und Gabriele ein Paar sind, verschwindet er spurlos. Für Bernhard ist das ein schwerer Schlag. Die Brüder hatten ein extrem enges Verhältnis und irgendwie schien Jonas für Bernhard das Tor zur Welt zu sein. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit das belastende Gefühl, dass Bernhard sich entscheiden muss: Entweder, er bleibt mit Gabriele zusammen, die er sehr liebt, oder er trennt sich von ihr und bekommt dafür seinen Bruder Jonas zurück, den er offenbar sehr vermisst.

Bernhard leidet unter starken Minderwertigkeitskomplexen. Er kann sich nicht vorstellen, warum eine Frau wie Gabriele überhaupt mit ihm zusammen sein kann. „Er hielt sich für einen Klotz am Bein und obendrein für peinlich. Gabriele widersprach nicht. Sie gab ihm nicht etwa recht. Aber sie wusste, dass in den Verhandlungen eines Menschen mit sich selbst kein anderer eine Stimme besaß. Und sie vertraute darauf, dass die Zeit ihm langsam, aber sicher beweisen würde, was er partout nicht glauben wollte: dass sie gern mit ihm zusammenlebte.“ Mit diesen selbstzerstörerischen Gedanken ist er nicht allein. Immer wieder begegnet er Männern, die genauso denken. Die Lösung des Problems: Die jeweilige Frau verlassen; sie vom Ballast der eigenen Existenz befreien.

Der Schreibstil von Finck hat mich, wie schon gesagt, schwer beeindruckt. Das Ende der Geschichte hat mich verwirrt. Vielleicht lese ich sie irgendwann noch einmal. Aber nicht so bald. Mir ist das alles ganz schön nahe gegangen. Als nächstes brauche ich wieder etwas Aufmunterndes. Eine Empfehlung für „Das Versteck“ möchte ich trotzdem aussprechen. Wenn es mieser Scheiß wäre, hätte es mich nicht so berührt. Amen.