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Während die Welt schlief

Susan Abulhawa erzählt die Geschichte von vier Generationen einer Familie, die in Palästina lebt – und damit die Geschichte des Konflikts zwischen Palästina und Israel. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Amal. Sie kommt im Flüchtlingslager Jenin zur Welt und kennt ihre Heimat, aus der die Familie ein paar Jahre zuvor von den Zionisten vertrieben wurde, nur aus deren Erzählungen. Die Sehnsucht nach dieser Heimat und die Hoffnung auf Rückkehr, Versöhnung und Frieden prägen das Leben Amals und ihrer Familie. Wir begleiten Amal auf ihrem Weg, der sie von Jenin nach Jerusalem und schließlich in die USA führt. Wir dürfen ihre innige Freundschaft mit Huda miterleben, ihre Hochzeit, die Geburt ihrer Tochter Sara – und jede Menge bewegender Schicksalsschläge.

Ich habe mich beim Lesen manchmal gefragt, ob es notwendig ist, dass die Familie wirklich in jedes Ereignis des Israel-Palästina-Konflikts zwischen 1948 und heute verwickelt wird, über das es einen eigenen Wikipedia-Beitrag gibt. Im Nachwort des Romans habe ich dann etwas über die Intention von Abulhawa erfahren: Es ging ihr beim Schreiben des Romans darum, einmal die palästinensische Sicht des Nahostkonflikts darzustellen. Somit ist natürlich klar, dass jedes dieser einschneidenden Ereignisse einen Platz in ihrem Roman bekommen hat.

Während wir aus Abulhawas Feder also die palästinensische Sicht der Dinge vermittelt bekommen, gibt die Autorin mit Hilfe aus den Medien zitierter Nachrichten die der Öffentlichkeit vermittelte Sicht wieder. Das ist ein verdammt gutes Stilmittel. Ich war jedes Mal aufs Neue von der kontrastierenden Darstellung erschüttert: Auf der einen Seite passiert Menschen, die ich über mehrere hundert Buchseiten kennengelernt und begleitet habe, etwas Abscheuliches (Enteignung, Folter, Mord, …). Ich bin ganz nah dran, jeder Anschlag bekommt einen persönlichen Anstrich und wird subjektiv von mir bewertet. Und auf der anderen Seite berichten die Medien, wie das ganze von außen aussieht. Nüchtern, sachlich, objektiv, weit weg und völlig unpersönlich.

Ich kann abschließend sagen: Die Geschichte um Amal und ihre Familie hat mich tief berührt und mein Interesse, mich mit dem Nahostkonflikt auseinanderzusetzen, neu geweckt. Immer wieder während des Lesens ist mir der Titel des Buches durch den Kopf gegangen, den ich für sehr passend halte. Wie kann die Welt schlafen während all das passiert? Wir sind über das Mittelmeer mit Israel / Palästina verbunden. Wir sind ganz nah dran. Unsere Geschichte ist so eng mit der Geschichte dieser Länder verbunden. Wie können wir die Augen verschließen?

Ihr ahnt schon, was jetzt kommt: „Während die Welt schlief“ ist absolut lesenswert. Lesebefehl!

Wer mehr über die Autorin erfahren möchte: Hier geht es zur Website zum Buch.

Das Seelenhaus

Ich hasse Hannah Kent. Sie ist doof.

Nein, natürlich nicht. Aber: Hannah Kent ist noch keine 30 Jahre alt und hat mit „Das Seelenhaus“ etwas in meinen Augen Großartiges geschaffen. Ich bin bloß neidisch. Und starte somit gleich mit einem Spoiler: Wer heute einen Verriss von mir erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden.

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Hannah Kent, „Das Seelenhaus“

Island 1828: Agnes Magnusdottir hat zwei Männer umgebracht und ist nun zum Tode verurteilt. Bis zur Vollstreckung des Urteils wird sie auf dem Kornsahof untergebracht, wo sie der Familie wie eine Magd im Haushalt helfen soll. Die Familie ist außer sich, hat aber keine Chance, als sich ihrem Schicksal zu fügen und die Mörderin aufzunehmen. Die Unterbringung ist von ganz oben angeordnet. Auch Agnes fügt sich ihrem Schicksal – kalt, verschlossen und scheinbar ungerührt. Der junge Pfarrvikar Toti, der auf Agnes’ ausdrücklichen Wunsch bis zu ihrer Hinrichtung ihr Beistand sein und ihr den Weg zu Gott zeigen soll, fügt sich ebenfalls. Eigentlich will er nicht. Aber er macht sich regelmäßig auf den langen und beschwerlichen Weg zum Kornsahof, um mit Agnes zu sprechen.

Während wir Agnes in der Gegenwart dabei begleiten, wie sie die letzten Monate vor ihrer Hinrichtung mit harter Arbeit auf dem Hof verbringt, erfahren wir immer mehr über ihre Vergangenheit. Sie erzählt Toti davon, wie sie aufgewachsen ist und fügt in inneren Monologen Details hinzu, die nur wir Leser erfahren. Dadurch habe ich mich ihr unheimlich nah gefühlt. Und beim Lesen schwebte eine schwarze Wolke über mir, denn die ganze Zeit war mir bedrückend klar: Hier wird es kein Happy End geben. Hier ist eine große Ungerechtigkeit im Gange. Da stimmt etwas nicht. Sie kann keine Mörderin sein.

„Das Seelenhaus“ ist vielschichtig und tiefgründig. Es gibt viele Erzählstränge, die mich alle auf ihre Art gefesselt haben. Ich wollte die Entwicklung jeder einzelnen Person hautnah mitbekommen und jede wahrnehmbare Veränderung hat mich berührt. Die Geschichten der anderen: Pfarrvikar Toti, der starke Gefühle für Agnes entwickelt. Margret, die vom ersten Moment an zu verstehen scheint, dass es ihr am Ende das Herz brechen wird, wenn sie sich der verschlossenen Agnes annähert. Lauga, die hart an ihrer zur Schau gestellten Härte arbeiten muss. Steina, die naiv an das Gute in Agnes glaubt und sich von niemandem beeinflussen lässt. … Ich habe jede einzelne Geschichte aufgesogen wie ein Schwamm. Wobei sie mir überhaupt nicht einzeln vorkamen. Sie gehören untrennbar zusammen und fügen sich zu einem beeindruckenden Ganzen.

Ganz nebenbei habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie beschwerlich das Leben zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Island gewesen sein muss. Diese alltäglichen Dinge, über welche die Protagonisten ganz selbstverständlich sprechen – für mich unvorstellbare Zustände. (Hier bin ich vermutlich ein wenig naiv und verwöhnt. Stadtkind im 21. Jahrhundert halt…) Nehmen wir nun noch die Sprache hinzu, die mir immer wieder den Atem genommen und den Hals zugeschnürt hat – kein Scherz – und wir gelangen zu einem Fazit, das nicht anders lauten kann als: Lesebefehl.

Die Vollidioten

„An einem Samstagabend im Jahre 1972 im Frankfurter Nordend, im Umkreis der Gastwirtschaft Mentz, passiert es: Herr Jackopp verliebt sich in Frl. Czernatzke.“ Sieben Tage lang dokumentiert der Ich-Erzähler die Vorkommnisse rund um eben dieses Ereignis. Im Grunde dokumentiert er damit: Gar nichts. Es passiert nämlich nichts. Egal! Ich konnte das Buch einfach nicht weglegen. Ich habe in der Straßenbahn mehrfach verwunderte Blicke geerntet (Spießer), weil ich mich ständig kaputtgelacht habe.

Während besagter sieben Tage durfte ich die Protagonisten auf ihren Streifzügen und Kneipentouren durch das Frankfurter Nordend begleiten und bei der Gelegenheit kennenlernen. Sie sind allesamt nicht gerade das, was ich Identifikationsfiguren nennen würde. Ich konnte trotzdem jeden Einzelnen von ihnen gut leiden. Den verliebten Herrn Jackopp, der sich für Frl. Czernatzke zum Affen macht, Herrn Kloßen, bei dem ich nach und nach den Überblick über seine Schulden und die Rückzahlungsversprechen verloren habe (im Gegensatz zu ihm), Herrn Domingo, der sich darauf spezialisiert hat, von seiner Wohnung aus das treibende Straßenleben zu beobachten…

Die Vollidioten von Eckhard Henscheid ist neu aufgelegt worden und mir letztens ganz zufällig in die Hände gefallen. Es gibt in der Neuauflage ein (neues) Nachwort des Autors und es wurden wohl einige Fehler korrigiert. Ich konnte schon im Buchladen nicht aufhören zu lesen und musste es einfach kaufen. Es war vor allem der Schreibstil, der mich angezogen hat. Vermutlich ist das auch alles, was am Ende bleibt. Wer eine richtige Geschichte erwartet, könnte von den Vollidioten enttäuscht werden. Ich kann nur sagen: Absolut empfehlenswert. Lesebefehl. Ich werde mir mehr von Henscheid kaufen.