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Das Seelenhaus

Ich hasse Hannah Kent. Sie ist doof.

Nein, natürlich nicht. Aber: Hannah Kent ist noch keine 30 Jahre alt und hat mit „Das Seelenhaus“ etwas in meinen Augen Großartiges geschaffen. Ich bin bloß neidisch. Und starte somit gleich mit einem Spoiler: Wer heute einen Verriss von mir erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden.

2014-09-15_das_seelenhaus
Hannah Kent, „Das Seelenhaus“

Island 1828: Agnes Magnusdottir hat zwei Männer umgebracht und ist nun zum Tode verurteilt. Bis zur Vollstreckung des Urteils wird sie auf dem Kornsahof untergebracht, wo sie der Familie wie eine Magd im Haushalt helfen soll. Die Familie ist außer sich, hat aber keine Chance, als sich ihrem Schicksal zu fügen und die Mörderin aufzunehmen. Die Unterbringung ist von ganz oben angeordnet. Auch Agnes fügt sich ihrem Schicksal – kalt, verschlossen und scheinbar ungerührt. Der junge Pfarrvikar Toti, der auf Agnes’ ausdrücklichen Wunsch bis zu ihrer Hinrichtung ihr Beistand sein und ihr den Weg zu Gott zeigen soll, fügt sich ebenfalls. Eigentlich will er nicht. Aber er macht sich regelmäßig auf den langen und beschwerlichen Weg zum Kornsahof, um mit Agnes zu sprechen.

Während wir Agnes in der Gegenwart dabei begleiten, wie sie die letzten Monate vor ihrer Hinrichtung mit harter Arbeit auf dem Hof verbringt, erfahren wir immer mehr über ihre Vergangenheit. Sie erzählt Toti davon, wie sie aufgewachsen ist und fügt in inneren Monologen Details hinzu, die nur wir Leser erfahren. Dadurch habe ich mich ihr unheimlich nah gefühlt. Und beim Lesen schwebte eine schwarze Wolke über mir, denn die ganze Zeit war mir bedrückend klar: Hier wird es kein Happy End geben. Hier ist eine große Ungerechtigkeit im Gange. Da stimmt etwas nicht. Sie kann keine Mörderin sein.

„Das Seelenhaus“ ist vielschichtig und tiefgründig. Es gibt viele Erzählstränge, die mich alle auf ihre Art gefesselt haben. Ich wollte die Entwicklung jeder einzelnen Person hautnah mitbekommen und jede wahrnehmbare Veränderung hat mich berührt. Die Geschichten der anderen: Pfarrvikar Toti, der starke Gefühle für Agnes entwickelt. Margret, die vom ersten Moment an zu verstehen scheint, dass es ihr am Ende das Herz brechen wird, wenn sie sich der verschlossenen Agnes annähert. Lauga, die hart an ihrer zur Schau gestellten Härte arbeiten muss. Steina, die naiv an das Gute in Agnes glaubt und sich von niemandem beeinflussen lässt. … Ich habe jede einzelne Geschichte aufgesogen wie ein Schwamm. Wobei sie mir überhaupt nicht einzeln vorkamen. Sie gehören untrennbar zusammen und fügen sich zu einem beeindruckenden Ganzen.

Ganz nebenbei habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie beschwerlich das Leben zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Island gewesen sein muss. Diese alltäglichen Dinge, über welche die Protagonisten ganz selbstverständlich sprechen – für mich unvorstellbare Zustände. (Hier bin ich vermutlich ein wenig naiv und verwöhnt. Stadtkind im 21. Jahrhundert halt…) Nehmen wir nun noch die Sprache hinzu, die mir immer wieder den Atem genommen und den Hals zugeschnürt hat – kein Scherz – und wir gelangen zu einem Fazit, das nicht anders lauten kann als: Lesebefehl.