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Das Versteck

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„Das Versteck“, David Finck

„Das Versteck“ von David Finck lässt mich ratlos zurück. Ich bin unsicher: Habe ich nicht alles verstanden, weil ich nicht richtig zugelesen habe – oder ist das Ende einfach offen? Ich habe sehr langsam und aufmerksam gelesen, weil ich kein Wort verpassen wollte. Der Schreibstil von Finck hat mich nachhaltig beeindruckt. Viele Sätze habe ich sogar zweimal gelesen. Vielleicht ist hier passiert, was mir auch bei Rainald Goetz so häufig passiert ist: Weil ich ganz verliebt in die schöne Sprache war, habe ich die Handlung kaum beachtet und immer nur Schlüsselsätze wahrgenommen. Mein Versuch einer Zusammenfassung der Handlung wird vermutlich kläglich scheitern… Ich versuch’s trotzdem mal.

Im Zentrum der Handlung steht Bernhard Duder, ein mittelmäßiger und – dementsprechend unerwartet – erfolgreicher Anwalt. Er ist mit Gabriele verheiratet, seiner Traumfrau, mit der er fünf Jahre zuvor zusammengekommen ist. Der Startpunkt der Beziehung ist gleichzeitig der Abschied von Jonas Duder, Bernhards Bruder, der selbst in Gabriele verliebt ist. Als Jonas erfährt, dass Bernhard und Gabriele ein Paar sind, verschwindet er spurlos. Für Bernhard ist das ein schwerer Schlag. Die Brüder hatten ein extrem enges Verhältnis und irgendwie schien Jonas für Bernhard das Tor zur Welt zu sein. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit das belastende Gefühl, dass Bernhard sich entscheiden muss: Entweder, er bleibt mit Gabriele zusammen, die er sehr liebt, oder er trennt sich von ihr und bekommt dafür seinen Bruder Jonas zurück, den er offenbar sehr vermisst.

Bernhard leidet unter starken Minderwertigkeitskomplexen. Er kann sich nicht vorstellen, warum eine Frau wie Gabriele überhaupt mit ihm zusammen sein kann. „Er hielt sich für einen Klotz am Bein und obendrein für peinlich. Gabriele widersprach nicht. Sie gab ihm nicht etwa recht. Aber sie wusste, dass in den Verhandlungen eines Menschen mit sich selbst kein anderer eine Stimme besaß. Und sie vertraute darauf, dass die Zeit ihm langsam, aber sicher beweisen würde, was er partout nicht glauben wollte: dass sie gern mit ihm zusammenlebte.“ Mit diesen selbstzerstörerischen Gedanken ist er nicht allein. Immer wieder begegnet er Männern, die genauso denken. Die Lösung des Problems: Die jeweilige Frau verlassen; sie vom Ballast der eigenen Existenz befreien.

Der Schreibstil von Finck hat mich, wie schon gesagt, schwer beeindruckt. Das Ende der Geschichte hat mich verwirrt. Vielleicht lese ich sie irgendwann noch einmal. Aber nicht so bald. Mir ist das alles ganz schön nahe gegangen. Als nächstes brauche ich wieder etwas Aufmunterndes. Eine Empfehlung für „Das Versteck“ möchte ich trotzdem aussprechen. Wenn es mieser Scheiß wäre, hätte es mich nicht so berührt. Amen.