Schlagwort-Archive: absolut lesenswert

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot

„Nee, ich lese nichts von Frauen“, wollte ich schon sagen, als mir eine Freundin „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ von Sibylle Berg in die Hand gedrückt hat. Der Satz geht mir noch immer leicht über die Lippen. Obwohl er schon lange nicht mehr zu 100 Prozent richtig ist. Wie auch immer – in dem Moment habe ich ihn nicht gesagt. Ich musste mit der Straßenbahn nach Hause fahren. Das Buch, das ich dabei hatte, war schon ausgelesen. ‚Besser als nichts‘, hab ich gedacht. Und es eingepackt. An der Haltestelle hab ich es aufgeschlagen. Als die Straßenbahn kam war ich schon infiziert. Was soll ich sagen außer: „Geiler Scheiß!“

Ich glaub, Sibylle Berg hat’s drauf. Scharf wie eine Rasierklinge, bitter, absolut minimalistisch. Guter Stil. Ich bin beeindruckt, wie viele verschiedene Facetten des Lebens und Leidens sie beschreiben kann. Glaubhaft beschreiben kann. Eine handvoll Protagonisten bekommen abwechselnd immer eineinhalb bis zweieinhalb Seiten von ihr. Überschriften wie „Vera trinkt Kaffee.“, „Nora hat Hunger.“ oder „Bettina guckt so.“ betreiben realistisches Erwartungsmanagement. Mehr gibt’s nämlich nicht. Trotzdem hab ich das Gefühl, die Handelnden gut zu kennen. Zu durchschauen. Zu verstehen.

Ich hab mich gut gefühlt beim Lesen. Der Klassiker: ‚Ja – so geht’s mir doch auch ständig! Ich bin offenbar nicht allein. Danke, Leben. Danke, Sibylle.‘ Und wo wir eh schon bei den Danksagungen angelangt sind, hier die von Frau Berg: „Danke. Mit jedem gekauften Buch finanzieren Sie einen weiteren Stein meiens künftigen Tessiner Hauses. Empfehlen Sie diees Buch gerne Ihrem großen Bekanntenkreis oder Ihren Eltern.“ Das mach ich hiermit: Unbedingt lesenswert. Lesen. Jetzt.

Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte

Finn lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammen und weiß nichts davon, dass er eine Halbschwester hat. Bis zu dem Tag, als Linda plötzlich vor der Tür steht und bei den beiden einzieht. Die Sache ist kompliziert: Linda ist die Tochter von Finns verstorbenem Vater und einer anderen Frau. Die andere Frau kassiert die Pension von Finns Vater, während Finn und seine Mutter so gerade so über die Runden kommen. Sie müssen einen Untermieter in Finns Zimmer einquartieren um die Miete zahlen zu können. Sie teilen sich ein Schlafzimmer. In das zieht jetzt auch noch Linda ein. Es ist eng in der Wohnung. Es gibt kaum Geld. Und Linda ist irgendwie so anders. Trotzdem gehört sie vom ersten Moment an dazu. Alles wird ganz selbstverständlich geteilt: Platz, Geld, Liebe…

Ein Jahr lang darf der Leser die kleine Familie begeleiten. Ein Jahr, in dem wirklich viel passiert – auch wenn es aufgrund des minimalistischen Erzählstils nicht danach aussieht. Roy Jacobsen erzählt die Geschichte ganz leise, voller Liebe und Wärme. „Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte“ hat mich berührt und ich habe sämtliche Protagonisten ins Herz geschlossen. Über das Ende der Geschichte verrate ich aber nichts.

Fazit: absolut lesenswert!

Verteidigung der Missionarsstellung

Ich hab den Roman im Buchladen auf dem Tisch mit den Neuerscheinungen entdeckt. Ausschlaggebend für den Kauf war der Name des Autors – einmal mehr. Umso besser, dass ich diesmal nicht danebenlag! „Verteidigung der Missionarsstellung“ von Wolf Haas ist ein richtiges Goldstück. Kein Brenner. Aber ein Haas.

Wer eine Geschichte erwartet, könnte enttäuscht sein. So richtig gibt es nämlich keine. Eher Fragmente, die aneinandergereiht werden. Der Leser muss selbst die Lücken füllen und die Andeutungen interpretieren, es gibt viel Platz für Kopfkino.

Hinzu kommen viele typografische Spielereien, die mal mehr mal weniger die Handlung unterstreichen, auf jeden Fall aber immer wieder für Irritation sorgen. Mich würde interessieren, wie die in einem E-Book umgesetzt werden… Vermutlich gar nicht. Wäre aber schade drum.

Fazit: „Verteidigung der Missionarsstellung“ ist absolut lesenswert. Ich werd’s wieder tun.

Das Wetter vor 15 Jahren

Ich habe keine gewöhnliche Liebesgeschichte von Wolf Haas erwartet. Auf „Das Wetter vor 15 Jahren“ war ich trotzdem nicht vorbereitet: ein Interview. Von der ersten bis zur letzten Seite. Wolf Haas im Dialog mit der „Literaturbeilage“. Thema: eben dieser Roman – „Das Wetter vor 15 Jahren“. So was kann auch nur dem Haas einfallen.

Nach der ersten Enttäuschung hab ich angefangen zu lesen. Voller Vorurteile: ‚Ok, das ist ja ganz nett, aber ob ich das bis zum Ende durchhalte, weiß ich nicht.‘ Nach der zweiten Seite hab ich angefangen, zu glauben, dass es tatsächlich funktionieren könnte. Spätestens nach der zehnten Seite war ich überzeugt: geiler Scheiß!

Neben der Liebesgeschichte von Anni und Vittorio wird beiläufig Haas‘ Stil seziert. Warum hat er an dieser oder jener Stelle eben dieses und nicht jenes Detail betont? Warum hat der Lektor jenes zugelassen? Welcher Part des Romans basiert auf der wahren Begebenheit – welcher wurde hinzugedichtet? Usw.

Ein Auszug:

Wolf Haas: Ehrlich gesagt hat mir der Lektor da sogar einige Seiten weggestrichen. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, das sind für mich sehr verlockende Texte.
Literaturbeilage: Das merkt man.
Wolf Haas: Aber es ist ja nicht nur meine Vorliebe für –
Literaturbeilage: – für’s Zählen –
Wolf Haas: Haha, für bedeutungsfreie Textpassagen. Mein Gott, die Leute fahren mit dem Motorrad wochenlang durch die Wüste, das versteht jeder. Da geben sie noch Geld dafür aus! Aber ein paar Buchseiten mit einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, da wird man gleich für wahnsinnig erklärt.

Fazit: Absolut lesenswert!

Mit Haut und Haaren

Ich wollte mal wieder was von Arnon Grünberg lesen – ja, ich habe eine Schwäche für niederländische Autoren. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, „Mit Haut und Haaren“ zu entdecken. Genug Seiten, um mich eine Woche lang zu beschäftigen. Am Ende hat es doch nur für fünf Tage gereicht – ein Umstand, der für die Geschichte sprechen soll.

Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, weil mich die Leben der verschiedenen Hauptpersonen so interessiert haben. Ähnlich wie „Nur eine Ohrfeige“ wird die Geschichte abwechselnd aus den Blickwinkeln der handelnden Personen erzählt. Die Fäden laufen bei Roland Oberstein zusammen, einem vielbeschäftigten Wirtschaftswissenschaftler. Vielbeschäftigt auch deshalb, weil das Glück der Anderen ihm wichtiger zu sein scheint als sein eigenes. Die Anderen – das sind seine Arbeit, seine Exfrau, seine Freundin und sein Sohn. Erschwert wird die Situation dadurch, dass die beiden Frauen und sein Sohn ihren Lebensmittelpunkt in den Niederlanden haben, während Oberstein in den USA arbeitet.

Im Laufe der Geschichte tauchen immer mehr Personen auf, die etwas von ihm wollen und ihn mit ihren Bedürfnissen unter Druck setzen. Dazu kommen die Vorwürfe: „Warum bist du nicht so, wie ich dich haben will?“ und die Wünsche: „Ich will, dass du dieses und jenes für mich tust / bist / machst.“ Die ganze Zeit wollte ich schreien: „Jetzt sag doch mal NEIN!!!“ Die Situation war kaum auszuhalten. Für mich war es spannend (und erschreckend), zu sehen, wie viele verschiedene Spielarten des Machtmissbrauchs in einer Beziehung es gibt. Und das ist auch das Besondere des Buchs. Einen kleinen Wermutstropfen bildet das Ende der Geschichte. Das will mir nicht so recht gefallen. Aber damit kann ich gut leben.

Fazit: „Mit Haut und Haaren“ ist absolut lesenswert.