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Blut für Blut

Rebekka Holm hat ihren Job gewechselt: Sie hat die Mobile Spezialeinheit der dänischen Kripo verlassen, die sie in „Vergeltung“ nach Ringkøbing geschickt hat. Jetzt arbeitet sie im Ermittlerteam der Kopenhagener Mordkommission. In „Blut für Blut“, ihrem zweiten Fall, treffen wir sie mitten in den Ermittlungen im Fall eines Serienvergewaltigers an (als Mitarbeiterin der MORD-Kommission? Na gut…). Aber eine Leiche lässt nicht lange auf sich warten: Die bekannte Sozialarbeiterin Kissy Schack wird brutal ermordet aufgefunden. Rebekka wird sofort von den Ermittlungen in Sachen Serienvergewaltiger abgezogen und stattdessen auf den Mord angesetzt.

Kissy Schack wird von einem Gärtner mit seinem Rasenmäher überfahren. Bisschen eklig gleich zu Beginn, aber auch für jemanden mit meinen Nerven gut aushaltbar. Der Gärtner ist aber nicht der Mörder. Er hat vielmehr Kissys Leiche überfahren. Rebekka ermittelt gemeinsam mit ihrem neuen Kollegen Reza Aghajan. Die beiden sind noch nicht lange ein Team, aber es zeichnet sich bereits ab, dass sie zusammenwachsen werden. Sie passen gut zueinander und verstehen sich hervorragend.

Das gilt natürlich nicht für das gesamte Team der Mordkommission. Rebekka ist noch neu und muss sich bei ihren Kollegen erst beweisen. In einigen Fällen scheint das aber aussichtslos. Somit bleibt Rebekka weiterhin diejenige, die überall aneckt, sich mit fast jedem streitet und unpopuläre Meinungen und Ansichten vertritt. Für mich heißt das: Sie bleibt sich treu. Und das gefällt mir. Und Rebekka wäre nicht Rebekka, wenn sie die Ermittlungen im Fall des Serienvergewaltigers von heute auf morgen links liegen lassen könnte. Sie steckt ihre Energie in die Mordermittlungen und kümmert sich gleichzeitig um den anderen Fall.

Wie auch im ersten Teil verzichtet Julie Hastrup auf allzu detaillierte Beschreibungen von Gewalt und blutrünstiger Brutalität. Stattdessen konzentriert sie sich auf Verhöre, Verstrickungen und Charaktere. Wir erfahren wieder sehr viel über das Privatleben von Rebekka und Co. Irgendwie scheint Hastrup subtil an einem wachsenden Alkoholproblem der Protagonistin zu arbeiten. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Vielleicht sind die Passagen über Rebekkas Privatleben hin und wieder etwas langatmig ausgefallen. Ich kann das aber verzeihen und freue mich schon sehr auf den dritten Fall. Fazit also auch diesmal: Absolut lesenswert.

Vom Lieben und Sterben

Hauptkommissar Claudius Zorn und sein Kollege / Assistent Schröder haben mal wieder für mich ermittelt. Und ich glaube fast, dass sie das zum letzten Mal getan haben. Ich hab ja schon in der Rezension zu „Tod und Regen“ behauptet, dass Stephan Ludwig ein guter Autor ist. In „Vom Lieben und Sterben“ hat er bewiesen, dass ich Recht habe. Er schafft es mit wenigen Worten, ganz viel zu sagen und jede Menge Kopfkino loszutreten. Bei mir zumindest. Treue Leser dieses Blogs wissen inzwischen, dass ich zart besaitet bin. Mir war das einfach ne Spur zu heftig.

Es fängt alles ganz harmlos an: Zorn und Schröder ermitteln. Es gibt eine Einbruchserie in einer Schrebergartensiedlung. Keine große Herausforderung. Dementsprechend engagiert ist Zorn. Es geht ihm ohnehin nicht gut, weil er Malina sehr vermisst. Das will er natürlich nicht zugeben. Er ist ja ein echter Mann, hart im Nehmen, nichts haut ihn um. Also: Zorn ist vollends damit beschäftigt, sich nichts anmerken zu lassen. Und darum muss Schröder die Schrebergartengeschichte übernehmen.

Der Fall wird schnell geklärt. Eine Gruppe von gelangweilten Jugendlichen steckt dahinter. Plötzlich gibt es einen Mord und einer der Jungs aus der Gruppe ist tot. Und er bleibt nicht die einzige Leiche. Bis kurz vor Schluss bleibt unklar, wer hinter den Morden steckt. Schließlich kommt es zu einem gnadenlosen Finish (so was wollte ich schon immer mal schreiben…). Wie gesagt: Mir war das eine Spur zu heftig. Zu sadistisch. Zu viel Gewalt. Ich mag Zorn und Schröder sehr gern, aber ich glaube, die nächsten Fälle müssen sie ohne mich lösen. Sonst kann ich nicht mehr schlafen.

Fazit: Absolut lesenswert – wenn man das aushält.

P.S.: Und ich kündige jetzt schon mal an, dass ich Kommentare, in denen sich über mich und meine schwachen Nerven amüsiert wird, auf keinen Fall zulassen werde. (Als wenn ich nicht auf jeden Kommentar angewiesen wäre…)

Vergeltung

Ich habe da noch jemanden entdeckt: Rebekka Holm, Sonderermittlerin aus Kopenhagen. Ihr erster Fall „Vergeltung“ führt sie in die Kleinstadt Ringkøbing. Zufälligerweise der Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Und der Ort, an den sie eigentlich nie wieder zurückkehren wollte. Damit ist klar, dass uns Julie Hastrup im ersten Band der Serie gleich zwei Fälle serviert: Den um das ermordete 22jährige Mädchen Anna, dessen Ermittlungen Rebekka leitet. Und den um das Aufdecken der Vergangenheit von Rebekka. Was ist passiert – warum wollte sie nicht mehr zurückkehren?

Ja, das Privatleben der Ermittlerin inklusive Liebesleben und Romanzen nimmt einen sehr großen Teil der Handlung ein. Da Rebekka mir sehr sympathisch ist, freue ich mich darüber, so viel über sie zu erfahren. Sie macht einen guten Job, hat Ambitionen und Träume. Sie lässt sich nicht einschüchtern, ist unbequem und sich nicht zu schade dafür, sich mit ihren Fragen immer wieder zum Affen zu machen. Ihr Ermittlungsstil ist intuitiv, und damit eckt sie häufig an: „Ich habe das Gefühl, dass wir auf der falschen Fährte sind.“ Oder: „Ich spüre, dass XY der ist, den wir suchen!“ Damit geht sie ihren Kollegen gehörig auf den Geist. Mir allerdings nicht. Ich finde sie durchweg glaubwürdig und wie gesagt äußerst sympathisch.

Inhaltlich will ich gar nicht so viel über den Fall verraten. Nur das: Ich fand ihn spannend. Er durchläuft mehrere Wendungen, die für mich so nicht vorhersehbar waren. Außerdem ist er hervorragend geeignet für Personen, die so zart besaitet sind wie ich. Die Geschichte bleibt nahezu unblutig und Hastrup verliert sich nicht in Beschreibungen von grausamen Details, die dem Opfer angetan werden. Mein Fazit: Absolut lesenswert. Ich werde mir sofort den zweiten Fall zu Gemüte führen.

Kalter Grund

Nachdem ich vorerst fertig bin mit Pia Kirchhoff habe ich mir eine neue Pia gesucht: Pia Korittki. Auswahlkriterium für die neue Ermittlerin war unter anderem die Tatsache, dass die Dame inzwischen schon zehn Fälle gelöst (oder zumindest bearbeitet) hat. Wenn ich mich schon an jemanden gewöhne will ich auch ne Weile was von der Person haben. Eva Almstädts Reihe schien mir da geeignet zu sein.

Nach kurzer Zeit hatte ich allerdings den Eindruck, dass ich gar nicht so viel Zeit mit Pia Korittki würde verbringen wollen. Sie kam mir naiv vor und war irgendwie unsympathisch. Das Setting gefiel mir auch nicht: Pia ist neu in einem Team von Kollegen, die ihr die ganze Zeit das Leben schwer machen, weil sie Pia nicht leiden können und ihr nichts zutrauen. Außerdem ist sie die einzige Frau – schon deshalb wird sie nicht ernst genommen. Das fand ich sehr anstrengend. Die Krönung des Ganzen bildete dann die Tatsache, dass Pia mit einem der größten Ekel aus dem Kollegenkreis (für mich) völlig unerwartet im Bett landet.

Der Fall war jetzt auch nicht sonderlich aufregend: Drei Tote auf einem Bauernhof. Ein ganzes Dorf wird in Angst und Schrecken versetzt. Für die Ermittlungen müssen Pia und jener ekelhafte Kollege, der sie später verführen soll, in ein Hotel in dem holsteinischen Dorf ziehen. Im Laufe dieser Ermittlungen verschwindet ein Mädchen – und plötzlich fand ich doch alles ganz schön spannend. Ich habe mich festgelesen und wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Und auch Pia fand ich gar nicht mehr so blöde.

Das Setting – Pia wird von ihren Kollegen nicht ernst genommen – ist entgegen meiner Befürchtung nicht starr, sondern entwickelt sich. Sehr entspannend. Ich habe mir schon vorgestellt, wie diese Grabenkämpfe über zehn Folgen lang ausgedehnt werden und in unglaubwürdige Dimensionen abdriften. Am Ende fand ich, dass Pia eine bodenständige Frau ist. Grundsätzlich selbstbewusst, lässt sich aber doch immer wieder verunsichern. Ihre inneren Kämpfe sind realistisch, ich konnte vieles gut nachempfinden.

Der Fall schließlich bleibt bis zum Ende unvorhersehbar. Die Auflösung wiederum nachvollziehbar. Insgesamt lautet mein Urteil: Absolut lesenswert. Ich freue mich schon darauf, mehr Zeit mit Frau Korittki zu verbringen.

Das Mädchen, das verstummte

Hjorth & Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte
Hjorth & Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte

Ich habe ungeduldig auf dieses Buch gewartet. Schon seit November 2013. Um die Vorfreude hoch zu halten, habe ich mich gezwungen, mit dem Lesen bis zu meinem Urlaub zu warten. Ich habe also vom 15. Oktober an 24 lange Tage auf das Buch gestarrt, bis ich endlich die Folie aufgerissen und mit dem Lesen begonnen habe. Und dann – dann war ich nach 3 Abenden durch. Jetzt heißt es wieder: Warten. Aber diesmal nicht ganz so ungeduldig, denn irgendwie war das alles zwar „ziemlich gut“. Meinen Enthusiasmus vom letzten Jahr kann ich jetzt aber nicht mehr nachvollziehen.

Vielleicht lag es ein wenig am Cliffhanger, den es am Ende des dritten Bandes gegeben hat: Durch einen Türspion wurde ein Schuss direkt ins Auge von Ursula abgefeuert. Die Frage, was nun mit ihr ist, hat mich ein Jahr lang schwer beschäftigt. Die Aufklärung im vierten Band erfolgt nebenbei und völlig unspektakulär. Da habe ich etwas anderes erwartet. Mehr. Nun ja, ich will hier nicht spoilern. Wer wissen will, was mit Ursula ist, kann mich gerne danach fragen. Zu Vanja allerdings möchte ich etwas sagen: Sie geht mir so was von auf den Keks! Übergriffig, selbstgerecht und besserwisserisch. Eine Unperson. Das soll wohl so.

Der Fall selbst ist höchst spektakulär: Eine komplette Familie wird ausgelöscht. Vater, Mutter, zwei Kinder. Alle nacheinander erschossen. Die Reichsmordkommission wird zu Hilfe gerufen, um dem Kommissar vor Ort, der ganz neu in seinem Job ist und unter scharfer Beobachtung steht, unter die Arme zu greifen. Das Team deckt dann auch ziemlich schnell ein entscheidendes Detail auf: Es gab eine Zeugin. Ein zehnjähriges Mädchen, das alles beobachtet hat und dann verschwunden ist. Das Mädchen wird gefunden. Es spricht aber nicht mehr. Dieser Umstand verhilft Sebastian Bergmann zu einer sinnvollen Aufgabe. Er ist ja Psychologe und hat mit Polizeiarbeit wenig am Hut. Er nähert sich dem Mädchen (und seiner Mutter) an und gewinnt ihr Vertrauen.

Wie immer gibt es viele Perspektivwechsel. Der Fall wird aus den Augen fast jedes Beteiligten betrachtet. Gäbe es einen Hund, der eine wichtige Rolle spielte, würde wohl auch ihm ein Kapitel gewidmet werden. Wir Leser bekommen dadurch häufig Vorsprünge, weil wir mehr wissen. Beziehungsweise zu wissen glauben, denn immer wieder handelt es sich um vermeintliche Vorsprünge und falsche oder falsch interpretierte Spuren. Sehr elegant. Die Reichsmordkommission holt jedes Mal schnell auf. Und schließlich gibt es einen Showdown, bei dem zumindest ich zugeben musste: Huch! Damit hatte ich dann doch nicht gerechnet.

Wie gesagt: Total vom Hocker gehauen hat mich das Ganze jetzt nicht. Aber das lag möglicherweise an meinen Erwartungen, die ein Jahr lang Zeit hatten, zu wachsen und jedes realistische Maß zu sprengen. Darum möchte ich trotzdem ein „richtig gut“ vergeben und werde auf jeden Fall den nächsten Band lesen. Einen kleinen Cliffhanger gab es auch diesmal und ich bin besorgt, was sich daraus entwickelt. Mein Fazit lautet also: Absolut lesenswert. Allerdings sollte ein Neuling der Serie bei Band 1 einsteigen. Die ganzen Verstrickungen und Beziehungen der einzelnen Ermittler untereinander sind sonst nur schwer bis gar nicht zu durchschauen.

Sterben und sterben lassen

Achtung, Spoiler-Alarm: Ich glaub, das war der letzte Fall für Major Schäfer. Verdammt. Das ist dann aber auch der einzige Wermutstropfen. Ansonsten ist „Sterben und sterben lassen“ absolut lesenswert. Wenn man denn den Stil vom Georg Haderer und den Schäfer mit seinen Depressionen mag. Und ich mag beide.

Schäfer steigt auch gleich mit einem Wutanfall in die Geschichte ein: Irgendein Depp hat den Ehemann der Landrätin mit einem Wildschwein verwechselt und angeschossen. Der angeschossene verblutet am Unfallort – das kann Schäfer kaum aushalten. Hätte er schließlich selbst sein können. Schlecht gelaunt nimmt er die Ermittlungen auf.

Parallel dazu wird Bosch resozialisiert aus der Haft entlassen. Der hat 27 Jahre zuvor die kleine Susanna Paulus aus Schaching ermordet und übel zugerichtet. Und wo will er sich niederlassen? Ebenda. In Schaching. Die Bewohner empfinden das als einzige Provokation und verhalten sich dementsprechend provoziert.

Schäfer reicht es nicht, dort die Wogen zu glätten und da in Sachen Wildschweinverwechslung zu ermitteln. Er rollt den alten Fall Bosch noch einmal komplett auf und tritt auf seine gewohnte Art vielen auf die Füße. Nebenbei bringt er ein paar Jugendliche auf die rechte Bahn zurück, kommt der Marlene mal wieder etwas näher und wird ein paar mal ordentlich high.

Ich hab viel gelacht beim Lesen. Hier zum Beispiel: „Schäfer schlenderte durch den Garten, sah nach seinen Pflanzen, murmelte ihnen je nach Zustand Komplimente oder aufmunternde Parolen zu.“ Gleichzeitig ist mir nicht entgangen, wie schwer dem Schäfer das Leben fällt und wie sehr er mit sich kämpft. Das hat der Haderer wieder einmal hervorragend hingekriegt.

Ich werde den Major vermissen. Noch ein Spoiler: Schäfer stirbt am Ende nicht. Er hat einfach keinen Bock mehr auf die Polizeiarbeit. Das ist auch das einzige Ende, das ich bei ihm gelten lasse. Haderer hat somit die Chance, ihn irgendwann wiederzubeleben. Ansonsten hoffe ich, dass er sich einen neuen Helden ausdenkt. Ich bin jetzt schon mal Fan.

Das finstere Tal

„Alpenroman, Krimi und Western: Ein kühner Genremix, aber absolut gelungen.“ Das verspricht Christine Westermann auf der Rückseite von „Das finstere Tal“. Sie hat absolut Recht. Ich habe das Buch mehrfach in der Hand gehabt, bevor ich schließlich zugeschlagen und es gekauft habe. Und ich war gleich völlig gefesselt. Sowohl von der beeindruckenden Sprache als auch von der Geschichte und von den Personen, die Thomas Willmann erschafft.

Greider, ein Fremder, kommt mit seinem Maultier in ein Dorf. Er will den Winter dort verbringen und malen. Die Einwohner sind abweisend und misstrauisch. Greider darf erst bleiben, als er beweist, dass er zahlungskräftig ist. Richtig willkommen ist er aber weiterhin nicht. Der Winter bricht herein und der erste Schnee schließt das gesamte Tal von der Außenwelt ab. Die Dorfbewohner und der Fremde Gast sind gefangen. Und dann gibt es plötzlich zwei Tote.

Es ist nicht gleich klar, was Greider in ausgerechnet diesem Dorf will. Es ist deutlich zu spüren, dass er nicht zufällig dort gestrandet ist. Er hat einen Plan. Willmann erzählt sehr langsam. Und so wird auch erst nach und nach klar, um was es im finsteren Tal eigentlich geht. Der Stern schreibt von einem „Showdown ohne Gnade“. Und auch das kann ich nur unterstreichen. Ich habe beim Lesen gedacht, dass das prima Stoff für einen Film ist. Und erst später entdeckt, dass schon jemand anders diesen Gedanken hatte: „Das finstere Tal“ ist bereits verfilmt worden. Leider nicht von Tarantino. Fazit: absolut lesenswert.

Die Vollidioten

„An einem Samstagabend im Jahre 1972 im Frankfurter Nordend, im Umkreis der Gastwirtschaft Mentz, passiert es: Herr Jackopp verliebt sich in Frl. Czernatzke.“ Sieben Tage lang dokumentiert der Ich-Erzähler die Vorkommnisse rund um eben dieses Ereignis. Im Grunde dokumentiert er damit: Gar nichts. Es passiert nämlich nichts. Egal! Ich konnte das Buch einfach nicht weglegen. Ich habe in der Straßenbahn mehrfach verwunderte Blicke geerntet (Spießer), weil ich mich ständig kaputtgelacht habe.

Während besagter sieben Tage durfte ich die Protagonisten auf ihren Streifzügen und Kneipentouren durch das Frankfurter Nordend begleiten und bei der Gelegenheit kennenlernen. Sie sind allesamt nicht gerade das, was ich Identifikationsfiguren nennen würde. Ich konnte trotzdem jeden Einzelnen von ihnen gut leiden. Den verliebten Herrn Jackopp, der sich für Frl. Czernatzke zum Affen macht, Herrn Kloßen, bei dem ich nach und nach den Überblick über seine Schulden und die Rückzahlungsversprechen verloren habe (im Gegensatz zu ihm), Herrn Domingo, der sich darauf spezialisiert hat, von seiner Wohnung aus das treibende Straßenleben zu beobachten…

Die Vollidioten von Eckhard Henscheid ist neu aufgelegt worden und mir letztens ganz zufällig in die Hände gefallen. Es gibt in der Neuauflage ein (neues) Nachwort des Autors und es wurden wohl einige Fehler korrigiert. Ich konnte schon im Buchladen nicht aufhören zu lesen und musste es einfach kaufen. Es war vor allem der Schreibstil, der mich angezogen hat. Vermutlich ist das auch alles, was am Ende bleibt. Wer eine richtige Geschichte erwartet, könnte von den Vollidioten enttäuscht werden. Ich kann nur sagen: Absolut empfehlenswert. Lesebefehl. Ich werde mir mehr von Henscheid kaufen.

Unsere schönste Trennung

Was ist Glück? In der Mittagspause kurz in die Buchhandlung zu gehen, in’s Regal zu greifen und so ziemlich den tollsten Roman zu erwischen, den man in den letzten Jahren entdeckt hat. Und wem passiert’s? Ja: Mir! „Unsere schönste Trennung“ hat mich innerhalb weniger Seiten zu einem großen Fan von David Foenkinos (wie spricht man das aus???) gemacht. Ich bin sehr glücklich.

In „Unsere schönste Trennung“ durfte ich Fritz und Alice durch ihre Beziehung begleiten. Die beiden verlieben sich ineinander, sind eine Weile zusammen, trennen sich, finden sich wieder, trennen sich erneut… Keine Sorge: das ist keine Teenager On-Off-Beziehung. Es ist schön. Nicht nervig. Ich mochte vor allem die Zeiten zwischen den Beziehungen. Fritz als Krawattenverkäufer. Zu gut.

Überhaupt finde ich den bekloppten Fritz so unglaublich sympathisch. Wie er sich nicht entscheiden kann, was er studieren soll, weil ihn einfach alles interessiert: „Ich war damals Student, und da ich mich zwischen verschiedenen Disziplinen lange nicht zu entscheiden in der Lage war, hatte ich Kurse auf so unterschiedlichen Gebieten wie Kunstgeschichte und Molekularphysik belegt. Mich interessieren alle Arten von Robert: Musil, Schumann, Bresson oder Zimmermann.“

Seine Angst vor Konflikten, die er immer mit Kompromissen löst: „Der Slogan meiner Neurose lautet: schließe Kompromisse. Dieser Pazifistenaszendent ist sicherlich mein einziges konkretes Erbstück.“ Und wie er als Krawattenverkäufer sein Glück sucht: „Im Krawattenverkäuferjargon kannte ich mich auch nicht aus, ich musste also improvisieren. Ich hatte aber einen wichtigen Trumpf in der Hand: Ich war mit komplizierten Wörtern vertraut. Und komplizierte Wörter können eine wesentliche Rolle spielen, wenn es darum geht, etwas zu verkaufen.“

Ein wenig erinnert mich Foenkinos an Alain de Botton (von dem bin ich auch Fan). Die beiden haben eine ähnliche Art, die kleinen Dinge des Alltags zu beobachten, zu beschreiben und zu sezieren. Über beide kann ich mich kaputtlachen. Aber Foenkinos ist erwachsener. Was mich am meisten freut an meiner Neuentdeckung: Sie ist gar nicht neu. Foenkinos hat schon richtig viel geschrieben. Ich weiß schon, mit wem ich die Weihnachtstage verbringen werde… Gerade bin ich dabei, alles von ihm zu kaufen, das es gibt.

Fazit: „Unsere schönste Trennung“ ist irgendwie tragisch, unglaublich witzig und besser. Unbedingt lesenswert!!!

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot

„Nee, ich lese nichts von Frauen“, wollte ich schon sagen, als mir eine Freundin „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ von Sibylle Berg in die Hand gedrückt hat. Der Satz geht mir noch immer leicht über die Lippen. Obwohl er schon lange nicht mehr zu 100 Prozent richtig ist. Wie auch immer – in dem Moment habe ich ihn nicht gesagt. Ich musste mit der Straßenbahn nach Hause fahren. Das Buch, das ich dabei hatte, war schon ausgelesen. ‚Besser als nichts‘, hab ich gedacht. Und es eingepackt. An der Haltestelle hab ich es aufgeschlagen. Als die Straßenbahn kam war ich schon infiziert. Was soll ich sagen außer: „Geiler Scheiß!“

Ich glaub, Sibylle Berg hat’s drauf. Scharf wie eine Rasierklinge, bitter, absolut minimalistisch. Guter Stil. Ich bin beeindruckt, wie viele verschiedene Facetten des Lebens und Leidens sie beschreiben kann. Glaubhaft beschreiben kann. Eine handvoll Protagonisten bekommen abwechselnd immer eineinhalb bis zweieinhalb Seiten von ihr. Überschriften wie „Vera trinkt Kaffee.“, „Nora hat Hunger.“ oder „Bettina guckt so.“ betreiben realistisches Erwartungsmanagement. Mehr gibt’s nämlich nicht. Trotzdem hab ich das Gefühl, die Handelnden gut zu kennen. Zu durchschauen. Zu verstehen.

Ich hab mich gut gefühlt beim Lesen. Der Klassiker: ‚Ja – so geht’s mir doch auch ständig! Ich bin offenbar nicht allein. Danke, Leben. Danke, Sibylle.‘ Und wo wir eh schon bei den Danksagungen angelangt sind, hier die von Frau Berg: „Danke. Mit jedem gekauften Buch finanzieren Sie einen weiteren Stein meiens künftigen Tessiner Hauses. Empfehlen Sie diees Buch gerne Ihrem großen Bekanntenkreis oder Ihren Eltern.“ Das mach ich hiermit: Unbedingt lesenswert. Lesen. Jetzt.