Nur eine Ohrfeige

Endlich: ein gutes Buch! „Nur eine Ohrfeige“ von Christos Tsiolkas habe ich echt gern gelesen. Die Geschichte beginnt mit einer Grillparty, auf der ein dreijähriger Junge – Hugo – von einem Erwachsenen geohrfeigt wird. Was dann passiert, wird episodisch aus acht verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Nicht falsch verstehen: es wird nicht ein und dieselbe Geschichte acht Mal erzählt. Die Geschichte läuft weiter, sie wird sozusagen wie ein Staffelstab übergeben.

Ich habe acht verschiedene Personen kennengelernt, die alle ihre Sonnen- und Schattenseiten haben. Das ist es wohl auch, was mir so gut gefallen hat: Tsiolkas hat Figuren geschaffen, die echte Menschen sind. Nicht gut oder böse. Einfach echt.

Wer das Buch aufgrund des Klappentextes kauft, wird enttäuscht sein (wer schreibt diese irreführenden Texte?). Das Versprechen „Eine Tat, die alles auf den Kopf stellt. […] Dieser Vorfall hat ein folgenreiches Nachspiel für alle, die seine Zeugen wurden.“ wird nicht gehalten. Die Ohrfeige stellt keinen großen Wendepunkt in den verschiedenen Leben dar. Sie ist lediglich der Erzählanlass für den Autoren und bietet die perfekte Möglichkeit, zu polarisieren. Sowohl zwischen den Protagonisten des Buches als auch zwischen dessen Lesern. Ich hätte das Buch auch ohne die Ohrfeige gern gelesen. Wobei ich mich jetzt frage, wie der Titel dann gelautet hätte?

Fazit: Gutes Buch, lesenswert. Mit EUR 24,95 sehr teuer. Die Taschenbuchausgabe wird vermutlich erst Anfang 2013 kommen.

Atmen … Jemand muss atmen!

„Atmen. Jemand muss atmen. Und ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Jeden Tag mache ich weiter und beginne wieder von vorn. Aller Hoffnungslosigkeit zum Trotz. Ich weiß nicht, wovon andere Menschen träumen. Doch in meinen Träumen bewege ich mich stets durch ein dunkles, kaltes All.“ – Einmal mehr bin ich auf den Klappentext reingefallen. Ich sollte mir wieder angewöhnen, zumindest ein oder zwei Passagen zu lesen, bevor ich ein Buch zur Kasse schleppe. „Atmen … Jemand muss atmen!“ von Stefan Kalbers hätte ich im Regal stehen lassen sollen.

Ich habe einen ziemlich ekelhaften Typen – den Protagonisten – durch ein paar ätzende Tage seines beschissenen Lebens begleitet und war am Ende ganz schön genervt von ihm. Der Typ geht einfach gar nicht. Darum kann ich auch schwer nachvollziehen, was die schöne, rothaarige Yvonne an ihm gefunden hat. Ein weiterer Roadtrip (wieso fallen mir denn in letzter Zeit immer ausgerechnet solche Geschichten in die Hände?), der mich nicht fesseln konnte, den ich aber mangels Alternative bis zum Ende verfolgt habe.

Fazit: Stefan Kalbers hat mir nicht den Atem verschlagen. Seinen Roman kann ich nicht weiterempfehlen.

Bis gestern war ich harmlos

Die Signale zum Kauf des Romans „Bis gestern war ich harmlos“ von Andreas Kurz waren der Preis (EUR 4,95) und der Klappentext: „‚Ein Schrebergarten ist ein Hobby, Seidenmalerei und Bergsteigen sind Hobbys, meine Filmerei aber war viel mehr. Es war meine Art, mich der Welt zu stellen. Nämlich mit einer Kamera dazwischen.‘ Bobo ist noch jung und naiv, als er von seinen Freunden überredet wird, für deren Pornodreh als Kameramann zu fungieren.“

Klingt gut. Ist es aber nicht. Tatsächlich ist das „rasante Roadmovie voller Witz und Melancholie“ fad. Es gibt keine Überraschungen, keine unvorhersehbaren Wendungen. Das Buch kann noch nicht einmal sein kleinstes Versprechen halten: Die Filmerei, als Bobos „Art, sich der Welt zu stellen“ ist am Ende doch nur ein Hobby und die Geschichte mit dem Pornodreh auf ein paar Seiten abgehandelt. Dabei wäre das doch mal was richtig Neues gewesen.

Ich hatte während des Lesens das Gefühl, dass ich die Geschichte schon mal irgendwo mit anderen Protagonisten gehört / gesehen / gelesen habe. Ich will dem Autor hier kein Plagiat unterstellen sondern lediglich sagen, dass der Stoff ausgelutscht ist. Nachdem ich jetzt noch ein Porträt des Autors gesehen habe, bin ich vollends davon überzeugt, dass der Roman Schrott ist: einem 16-Jährigen hätte ich das als Erstlingswerk durchgehen lassen und gespannt auf den nächsten Erguss gewartet. Von einem erwachsenen Mann hätte ich mehr erwartet. Zumal der Roman nicht im Regal mit der Jugendliteratur zu finden ist.

Fazit: Andreas Kurz ist absolut harmlos, sein Roman absolut nicht lesenswert.

Gute Vorsätze III

Na, wer hat da schon wieder seine guten Vorsätze vernachlässigt?

Ich. Verdammt. Wie schon Anfang März (boh, ist das echt schon so lange her?) liste ich hier einfach mal auf, was ich in den vergangenen zweieinhalb (in Zahlen: 2,5) Monaten gelesen habe. Vermutlich fehlt was. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. Die Sachbücher lasse ich diesmal komplett weg.

Nach Hause schwimmen“ von Rolf Lappert: Nette Geschichte, gut aufgebaut, tiefgründig – hat mich aber nicht gefesselt.

Oktoberfest“ von Christoph Scholder: Ist mir ein bisschen peinlich, meine Vorliebe für diese Thriller… Im Grunde kann ich denen auch nicht viel abgewinnen. Aber es ist leichte Kost, gut für Zwischendurch. So auch das „Oktoberfest“.

Meine Jahre mit Hamburg Heiner“ von Sven Regener: GEILO! Ich habe mich königlich amüsiert. Regener hat’s einfach drauf. Übrigens empfehle ich das Hörbuch – denn der Meister liest selbst.

So was von da“ von Tino Hanekamp: Richtig gut! Ja, klar, es ist wieder einer dieser „mein Leben ist grad Scheiße, ich hab keine Ziele – morgen fange ich neu an“ Romane. Aber ich finde die immer wieder gut. Hanekamp hat außerdem einen geilen Schreibstil.

Meine russischen Nachbarn“ von Wladimir Kaminer: Kaminer halt. Sehr gut für zwischendurch. Ich empfehle, es in der Straßenbahn oder an einem anderen öffentlichen Ort zu lesen. Da wird alles noch witziger.

Bruno – Chef de Police“ von Martin Walker: So ein Schrott!!! Ehrlich, kann ich nur von abraten. Soll angeblich ein Krimi sein, ist aber eine langweilig geschriebene Beschreibung französischer Dorf-Klischees. Ich habe den Fall über den ganzen Einweihungsfeiern, Tennismatches und Ausritten fast vergessen. Es ist der erste Fall dieses Kommissars; den nächsten muss er ohne mich lösen.

Gute Vorsätze II

So. Heute ergänze ich die Liste um Belletristik, die ich in den vergangenen Wochen in der Hand hatte:

Die alltägliche Physik des Unglücks“ von Marisha Pessl:
So eine SCH… Echt mal: ich habe nicht lange durchgehalten (40 Seiten). Das Buch ist so dick weil die Frau einfach nicht zu Potte kommt. Die Hinhaltetaktik funktioniert nur, wenn man etwas zu erzählen hat, das den Leser wirklich interessiert. Das trifft auf diese Geschichte einfach null zu.

Der Fliegenpalast“ von Walter Kappacher
Ein schönes, trauriges Buch – aber ich habe es noch nicht zu Ende gelesen. Ich bin derzeit nicht in der richtigen Stimmung. Kappachers Stil gefällt mir aber sehr! Ich mag die Art, wie er Menschen beobachtet und seine Beobachtungen beschreibt. Ich werde es auf jeden Fall zu Ende lesen.

Café Zyprus“ von Yadé Kara
Nach „Selam Berlin“ – das Buch liebe ich wirklich – war ich schon ziemlich gespannt auf „Cafe Zyprus“. Es fängt auch wirklich vielversprechend an: Hasan, Deutschtürke aus Berlin, lebt jetzt in London und versucht da sein Glück. Gut erzählt, wirklich. Leider schaffe ich es einfach nicht, es zu Ende zu lesen. Ich weiß nicht, wieso. Na ja, es bleibt erst mal auf meinem Nachttisch liegen.

Taxi“ von Karen Duve
DAS war wirklich ein gutes Buch! Ich hab nur wenige Stunden dafür gebraucht und hatte am Ende Lust auf mehr. Wer sich auch mehr oder weniger regelmäßig in Situationen wiederfindet, in die er mehr oder weniger unfreiwillig reingerutscht ist – und aus denen er / sie trotz bester Vorsätze einfach nicht mehr rauskommt, wird sich hier wiederfinden und mitleiden.

Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung“ von Moritz von Uslar.
„Es fiel auf, dass der Ort ‚Deutschboden’ auf den Silben ‚Boden’, nicht auf dem ‚Deutsch’ betont wurde: Deutschboden. Der Reporter freute sich.“ (S.168). Herrlich! Auch hier bin ich noch nicht durch, werde ich aber bald sein (heute, morgen, übermorgen…). Ich habe echt sehnsüchtig auf ein neues Buch von Moritz von Uslar gewartet. Was soll ich sagen? Das Warten hat sich gelohnt. Er ist so ein guter Beobachter und Beschreiber! Na ja. Vor meinem finalen Urteil warte ich noch das Finale ab. Aber ich bin zuversichtlich.

Storytelling

„Storytelling. Das Praxisbuch“ von Karolina Frenzel, Michael Müller und Hermann Sottong. Wer von Grund auf lernen möchte, wie man eine Geschichte aufbaut, schafft das mit diesem Buch. Ich fand es wirklich gut. Die Technik ist mir ebenso klar geworden wie Sinn, Zweck und Ziele des Storytelling.

Man könnte jetzt kritisch anmerken, dass sich die Autoren selbst bei diesem Buch nicht an die Regeln des Storytelling halten und eher dozieren als erzählen. Ich finde das aber sehr angenehm weil glaubwürdig. Das Buch ist 250 Seiten lang. Diese Seiten komplett mit einer Geschichte über das Storytelling zu füllen halte ich für schwierig. Ich glaube, damit wären mir die Autoren auch auf den Keks gegangen.

Stattdessen gibt es gute Beispiele (davon weder zu viele noch zu wenige), praktische Checklisten, Anleitungen und Übungen für den Selbstversuch und eine Hand voll hilfreiche Grafiken. Letzteres finde ich besonders bemerkenswert. Ich bin kein visueller Mensch – mir fällt es schwer, Grafiken zu lesen und zu verstehen. Das war hier mal anders.

Also: Ich kann das Buch empfehlen.

Gute Vorsätze

Oh Mann! Ich hab mir so viel vorgenommen. Ein Lese-Tagebuch. Hah! Konnte ich damals ahnen, dass ich so sehr mit Lesen beschäftigt sein würde, dass ich nicht zum darüber Schreiben komme? Hm. Also, um überhaupt mal wieder was zu posten kommt hier eine Liste der Bücher, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe.

Erst mal die Sach- / Fachbücher:

Social Media Handbuch von Daniel Michaelis und Thomas Schildhauer:
Interessante Sammlung; einiges aber echt schwer lesbar…

Storytelling von Dieter Herbst:
Seine Bücher lesen sich immer gut; das hier stellt keine Ausnahme dar. Gute Investition.

Social Media. Wie sie mit Twitter, Facebook & Co. Ihren Kunden Näher kommen von Thomas Pfeiffer und Bastian Koch.
Kurze Antworten auf drängende Fragen – ich finde es ziemlich gut aufbereitet. Als Basis und Anleitung zur weiterführenden Recherche gut brauchbar.

Elektronische Unternehmenskommunikation von Frank Martin Hein.
Das Buch ist extrem teuer, aber jeden Cent wert. Man bekommt wirklich relevante Informationen und das auch noch gut aufbereitet.

Hab ich etwas vergessen? Bestimmt… Macht nichts.

Die Brenner-Romane

Heute habe ich den sechsten der Brenner-Romane von Wolf Haas zu Ende gelesen. Was soll ich sagen? Das war zwar nicht das, was ich normalerweise als gute Krimis bezeichnen würde. Aber der Schreibstil war irgendwie einfach „ding“. Ich habe oft laut gelacht – wann passiert das mal beim Lesen? Ok, bei Helge Schneider vielleicht. Für mich auf jeden Fall ein großer Pluspunkt.
Was ich bemerkenswert fand: obwohl der Ich-Erzähler eine sehr einfache Sprache verwendet, waren die Bücher für mich keine Leichte Kost. Ich hab immer wieder den Faden verloren und war verwirrt. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass ich für keinen der sechs Romane eine vernünftige Inhaltsangabe schreiben könnte… Irre, das alles müsste eigentlich zu einem vernichtenden Gesamturteil führen. Aber ich kann alle sechs Folgen uneingeschränkt empfehlen. Es gibt wohl noch einen siebten Band – was ich nach dem Ende von „Das ewige Leben“ irgendwie „ding“ finde. Ich weiß noch nicht, ob ich den lese. Schauen wir mal.
Hier noch ein paar Textstellen aus Band 4 (mein Favorit) „Silentium!“, über die ich besonders laut lachen musste (auf der Heimfahrt von Berlin nach Köln im ICE):
„Und Lift hat das Haus natürlich auch keinen gehabt, weil Denkmalschutz, da hat der Papst gesagt, wir können den Leuten nicht alles verbieten, den Empfängnisschutz oder meinetwegen AIDS-Schutz verbieten wir ihnen, aber da muss man diplomatisch sein, und Denkmalschutz lassen wir ihnen wieder. Jetzt alte Geschichte, wenn dir nicht viel erlaubt ist, freust du dich über das wenige umso mehr, jetzt haben die Denkmäler in Salzburg nur so geglüht vor lauter Schutz.“ (Auszug aus Kapitel 6)
„Jetzt Party. Seit ein paar Jahren war die Tochter vom Festspielvize auch ein bisschen Präsidentin, nicht von den Festspielen, sondern quasi Wohltätigkeitspräsidentin. Weil Wohltätigkeit nie für den Hugo. Sondern das Geld, das hereingekommen ist, nur für den Schwachen, entweder vom sozialen dings her schwach, oder sagen wir Afrika unten, wo sie die Kondome lieber aufsparen als Willkommensluftballone für den nächsten Papstbesuch.“ (Auszug aus Kapitel 7)
„In Körben tragen Frauen Eingeweide, ist ihm durch den Kopf geschossen, während er seine Eingeweide entleert hat, direkt auf den Boden, aber vom Reinlichkeitsstandpunkt kein Problem, weil der ganze Boden war sowieso über und über voller, wie soll ich sagen: Eingeweide. Das war die reinste Schlachtplatte aus zwei Personen. Aber bei Schlachtplatten kann man sich oft furchtbar täuschen. Weil im Gasthaus reicht die Schlachtplatte für eine Person meistens für zwei Personen, und die Schlachtplatte für zwei Personen reicht oft für vier Personen! Jetzt hat der Brenner erst bei näherem Hinsehen bemerkt, dass es sich nur um eine einzige Leiche handelt.“ (Auszug aus Kapitel 9)

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.