Arbeitslos und trotzdem sexy

Mit beiden Füßen fest auf dem Boden: Mia Colt.
Mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehend: Mia Colt.

Ich lese es immer wieder: Unternehmen beschweren sich darüber, dass ihnen die qualifizierten Bewerber ausbleiben. Sie ärgern sich darüber, dass sie ihre Mitarbeiter im Ausland rekrutieren müssen. Sie meckern über die verzogene Generation Y, die Ansprüche stellt und sich nicht in gewohnte Abläufe fügen will oder kann. Schuldige sind schnell ausgemacht: Die Schulen, die Ausbildungsstätten, die Hochschulen, das Internet, die Eltern – die Liste lässt sich unendlich fortführen. Allesamt haben sie versagt und mit der Generation Y (sorry, die muss doppelt vorkommen) einen verwöhnten Haufen Nichtskönner mit überzogenem Selbstbewusstsein auf die armen Unternehmen losgelassen.

Wen wir nicht auf der Liste finden werden sind die Unternehmen selbst. Die haben es sich in ihrer Opferrolle nett eingerichtet und jammern lieber. Dabei könnten sie sich einfach mal ein paar Fragen stellen. Zum Beispiel die: „Sind vielleicht wir es, die überzogene Ansprüche an die Bewerber haben?“ Oder: „Verprellen wir die guten und qualifizierten Bewerber, weil wir nicht wertschätzend mit ihnen umgehen?“ Oder: „Sind unsere Bewerber-Tools einfach Kacke – so in Sachen Usability?“ Oder auch: „Sind wir vielleicht schlichtweg – sorry – zu blöd, die qualifizierten Bewerber zu erkennen?“

Mike Schnoor hat ebenfalls einen Artikel zu diesem Thema verfasst. Unter dem Titel „Was ist dran am Mythos Fachkräftemangel?“ beschreibt er das Problem wie folgt: Es sind häufig die Ansprüche der Unternehmen, die mit der Realität wenig zu tun haben und im Grunde gar nicht erfüllt werden können. Und es ist die viel zitierte „Geiz ist geil“-Mentalität, die in Deutschland auch den Arbeitsmarkt im Griff zu haben scheint. Schnoor: „Den Stellenwert des ‚Senior Irgendwas’ wiederum müssen sich selbst qualifizierte Mitarbeiter mit mindestens einer Dekade an Erfahrung, idealerweise in Leitungs- und Führungspositionen erarbeiten, um dann doch von einem anderen Kandidaten für ein um 20.000 Euro geringeres Jahresgehalt ausgestochen zu werden.“

Ich oute mich: Ich bin zurzeit arbeitslos. Das zu schreiben kommt mir fast wie eine Selbst-Stigmatisierung (gibt es so was?) vor. Ich bin Bewerberin, ich suche einen Job. Nicht erst seit gestern, sondern schon seit ein paar Monaten. Das ist mir sehr peinlich, denn die Jobs für qualifizierte Bewerber liegen schließlich auf der Straße. Wer da nichts findet – mit der / dem stimmt etwas nicht. Die / der hat’s halt einfach nicht drauf. Oder sie / er hat völlig überzogene Ansprüche. So ist es doch! Oder? Nun, ich halte mich für durchaus qualifiziert in meinem Bereich. Ich habe Studienabschlüsse, Erfahrungen, Referenzen, einen ordentlichen Lebenslauf, sehr gute Zeugnisse. Ich bin ein freundlicher und kommunikativer Mensch, der respektvoll und neugierig auf andere zugeht. Und trotzdem will mich keiner.

Ich weigere mich, die Schuld dafür ausschließlich bei mir zu suchen. Ich wurde (betriebsbedingt, wie es so schön heißt) gekündigt, das hat meinem Ego schon genug geschadet. Darum klage ich jetzt mal zurück, liebe Unternehmen: Ich sehe, dass auf eurer Seite qualifizierte Bewerbungsprozesse fehlen. Ich sehe Tools, die euch das Leben erleichtern – die es mir aber fast unmöglich machen, einen vernünftigen Lebenslauf und Referenzen hochzuladen (klingt lächerlich, ist aber wahr). Ich sehe lieblos dahingerotzte Stellenausschreibungen voller Fehler. Und ich vermisse auf eurer Seite Menschen, die mir und meiner Zeit mit der notwendigen Wertschätzung begegnen. Ihr wollt, dass ich künftig jede Woche 40 Stunden lang loyal das erledige, was ihr allein nicht schafft. Ihr seid diejenigen, die nicht allein klarkommen. Ein bisschen mehr Demut gegenüber euren Bewerbern würde euch gut stehen.

Ich bin seit mehreren Monaten aktiv auf der Suche nach einem neuen Job. Ich habe Bewerbungen rausgeschickt, hatte demensprechend viele Kontakte mit Unternehmen, Agenturen und Headhuntern. Ich hatte einige Vorstellungsgespräche. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, sind völlig unterschiedlich. Unterschiedlich mies. Ich bleibe regelmäßig fassungslos zurück, weil ich einfach nicht glauben kann, wie mit mir und mit meiner Zeit umgegangen wird. Da ich sicher nicht die einzige qualifizierte Bewerberin in ganz Deutschland bin, die derartige Erfahrungen macht, werde ich meine lustigen / schlimmen / unglaublichen Geschichten ab jetzt mit euch teilen.

Was das soll? Ich möchte nicht glauben, dass mit mir etwas nicht stimmt, weil ich es trotz intensiver Bemühungen nicht geschafft habe, innerhalb der zwei Monate meiner Kündigungsfrist einen neuen Job zu finden. Ich möchte meine Ansprüche an einen Job nicht herunterschrauben, nur um das Prädikat „arbeitslos“ möglichst schnell ablegen zu können. Ich möchte nicht als „unqualifiziert“ abgestempelt werden. Ich möchte viel lieber die andere Seite der Medaille beleuchten und zeigen, dass mit ganz vielen Unternehmen etwas nicht stimmt. Und ich möchte allen Mut machen, die in der gleichen Situation sind wie ich:
Mit uns ist alles in Ordnung. Wir haben bloß zurzeit keinen Job.

Also: Meine Anekdoten aus der Bewerberwelt demnächst hier, in diesem Theater.

P.S.: Mir geht es nicht darum, einzelne Personen oder Unternehmen anzuschwärzen, sondern darum, meine Situation an sich zu beschreiben. Darum werde ich natürlich keine Namen nennen – weder von Personen noch von Unternehmen. Für die Echtheit der Geschichten garantiere ich aber.

P.P.S.: Wer mir im Gegenzug seine Bewerbergeschichte(n) erzählen möchte, kann das gerne tun. Ich werde bestimmt antworten – ich hab ja gerade viel Zeit…

P.P.P.S.: Den Titel für den Artikel habe ich in Anlehnung an einen uralten Song von Knochenfabrik gewählt: „Obdachlos und trotzdem sexy“.

Der Sumpf

Ein neuer Katzenbach für mich – ein alter Katzenbach für John Katzenbach. „Der Sumpf“ erschien schon 1992; im Original unter dem Titel „Just Cause“. Ich habe ihn jetzt erst gelesen. Beziehungsweise: Gehört. Als Hörbuch. Ungekürzt. Gelesen von Uve Teschner.

An die blumige Sprache war ich nach „Der Psychiater“ schon gewöhnt. So zu schreiben ist ganz offensichtlich keine neue Fähigkeit sondern viel mehr eine lang trainierte Gewohnheit des Autors. Woran ich mich tatsächlich erst gewöhnen musste war die Welt, in der die Menschen in diesem 1992 lebten: Völlig hinter dem Mond. Immer wieder beim Lesen dachte ich: „Voll unlogisch! Kann der doch einfach googeln!“ Nein, kann er 1992 eben nicht. Nicht im Internet und schon gar nicht auf dem Smartphone. Und: Nein. Mal eben eine SMS schicken kann er auch nicht.

Es dauerte also einige Zeit bis ich verstand, wieso die Nachricht aus der Todeszelle, die den ganzen Fall ins Rollen bringt, ganz klassisch per Post auf dem Schreibtisch des Reporters Matt Cowart landet: Es gibt im Grunde keinen anderen Weg der Nachrichtenübermittlung. Hat man das einmal verstanden, ist der Rest gar nicht mehr so kompliziert: Robert Earl Ferguson wurde zum Tode verurteilt, weil er ein elfjähriges Mädchen brutal ermordet haben soll. Für Richter und Jury ist er eindeutig schuldig. Für Ferguson, seines Zeichens Afroamerikaner, stellt sich die Geschichte anders dar. Er sieht sich als Opfer von Rassismus und Korruption.

Matt besucht Ferguson in der Todeszelle und erfährt, dass das Geständnis, das für die Verurteilung gesorgt hat, aus Ferguson herausgeprügelt wurde. Damit nicht genug: In der Nachbarszelle im Todestrakt sitzt Blair Sullivan, ebenfalls zum Tode verurteilt. Er ist ein geständiger Massenmörder, der ebenfalls auf seine Hinrichtung wartet. Und er behauptet, auch den Mord begangen zu haben, für den Ferguson nun im Todestrakt sitzt. Matt nimmt sich der Sache an, schreibt einen Artikel, bekommt den Pulitzer Preis und wird als Held gefeiert, nachdem er es mit Hilfe seines Artikels schafft, denn Fall Ferguson neu aufzurollen. Wer mehr Inhalt will, muss ab jetzt selbst lesen. Entweder im Roman selbst oder bei Wikipedia.

„Der Sumpf“ war mein letzter Katzenbach. Die Story war ganz ok, aber sie hätte deutlich verkürzt werden können. Ich habe mich oft gelangweilt. Die langatmige Einführung jedes einzelnen Charakters fand ich schon bei „Der Psychiater“ grenzwertig. Diesmal ging sie mir so tierisch auf den Keks, dass ich das nicht noch einmal mitmachen möchte. Vor allem, weil Katzenbach bei sich selbst klaut. Moth heißt diesmal Matt, Andrea, genannt Andy die versucht, eine Vergewaltigung zu verarbeiten, heißt diesmal Andrea, genannt Andy und versucht, eine Vergewaltigung zu verarbeiten. Und überhaupt: Das Thema Selbstjustiz ist auch diesmal wieder ganz weit vorn.

Mein Fazit: Katzenbach hat durchaus seine Qualitäten. Ich weiß sie allerdings nicht zu schätzen. Darum lautet mein Urteil: Langweilig. Kann man lesen. Mehr von ihm muss aber nicht sein.

Der Psychiater

Es war ein Audible Newsletter, der mich auf „Der Psychiater“ von John Katzenbach aufmerksam gemacht hat. Ich habe die Inhaltsangabe kurz überflogen und beschlossen, dem Herrn, der schon seit vielen vielen Jahren Thriller schreibt, eine Chance zu geben. Außerdem mag ich Uve Teschner, der das Hörbuch liest, ganz gern. Beziehungsweise seine Stimme.

Wir treffen Timothy „Moth“ Warner, seineszeichens Alkoholiker. Er ist 24 Jahre alt, studiert Geschichte und hat mit seiner Familie gebrochen. Nicht ganz, denn es gibt da noch seinen Onkel. Dieser ist Psychiater – daher der Titel – und der einzige Verbündete, den Moth so hat. Onkel Ed begleitet Moth durch seinen Entzug und zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Er nimmt eine wichtige Rollen im Leben von Moth ein, der ihn als seinen Rettungsanker in einem ansonsten hoffnungslosen Leben sieht. All das lernen wir gleich zu Beginn, innerhalb der ersten – ich schätze mal: 100 Hörbuchminuten.

Einschub: Diese Zeitangabe ist ein subtiler Hinweis auf den Erzählstil des Autors. Mir ist schnell klar geworden, wie er die Laufzeit seiner Hörbücher erreicht: Durch ausführliche Einführungen seiner Charaktere. Und ausschweifende Ausführungen über deren Hobbies, Vergangenheit, Vorlieben, Interessen, Freunde, Berufe, … Das ist jetzt aber nur eine Feststellung. Genervt hat es mich nicht. Wir hatten ein langes Wochenende und ich hatte Zeit, also: Alles im grünen Bereich.

Nachdem wir also nun gelernt haben, wie wichtig Ed für Moth ist, verschwindet Ed auch schon wieder von der Bildfläche. Moth findet ihn tot in seiner Praxis. Kopfschuss. Die Polizei diagnostiziert einen glasklaren Selbstmord. So glasklar, dass sie sich nicht mal die Mühe macht, die Schusshand des Toten auf die berühmten Schmauchspuren hin zu untersuchen. Moth diagnostiziert einen glasklaren Mord. So glasklar, dass er selbst die Ermittlungen aufnimmt und für den Fall, dass die Polizei ihm weiterhin nicht glaubt, sogar einen Akt der Selbstjustiz für das Ende (= das Aufspüren des Mörders) einplant.

Bei den Ermittlungen bekommt Moth Unterstützung von Andrea, genannt „Andy“. Sie war seine erste große Liebe. Andy leidet zurzeit selbst: Sie versucht, eine Vergewaltigung und eine Abtreibung zu verarbeiten, wird dabei von Schuldgefühlen zerfressen und ist am Ende ihrer Kräfte. Ähnlich geht es der Staatsanwältin, die sich nach anfänglicher Weigerung an der Suche nach dem Mörder beteiligt: Moth kennt sie aus der Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Beide Frauen werden ebenso intensiv eingeführt wie zuvor Moth und Ed. Wir Leser / Zuhörer wissen also eine ganze Menge über sie. Eine ganze Menge mehr, als sie gegenseitig von sich wissen – denn von der Vergewaltigung, der Abtreibung, den inneren Kämpfen erzählen sie niemandem.

So richtig Spannung aufkommen wollte bei mir nicht. Ich hatte einfach zu viele Infos. Der einzige Gedanke, der mich die ganze Zeit umgetrieben hat, war: Warum fragst du nicht XY nach Z? Dann weißt du doch Bescheid! Das heißt: Katzenbach gibt dem Leser / Zuhörer sämtliche Puzzleteile, die für die Lösung des Falls benötigt werden, schon ziemlich früh (relativ früh – wenn man die ausschweifenden Ausführungen bedenkt; da muss man ja erst mal durch) an die Hand. Wir kennen nun die Lösung und beobachten die Protagonisten dabei, wie sie versuchen, ihre eigenen Puzzleteile irgendwo anzulegen. Und lernen ein weiteres Mal: Kommunikation ist wichtig. Und bekommen den Beweis, dass Luhman recht hatte, als er sagte: Kommunikation ist unwahrscheinlich. Mehr verrate ich nicht.

„Der Psychiater“ ist nicht umwerfend, aber sehr unterhaltsam. Ich habe mich nicht gelangweilt und war auch nicht genervt. Darum habe ich auch schon den nächsten Katzenbach heruntergeladen. Also, Fazit: Ja, kann man lesen. Ganz brauchbar.

Tödlicher Mittsommer

Bei meiner Suche nach einer neuen Krimiserie bin ich auf „Tödlicher Mittsommer“ von Viveca Sten gestoßen. Es handelt sich hierbei um den ersten Fall für Kommissar Thomas Andreasson. Und meinetwegen kann es gerne der letzte bleiben. Damit habe ich natürlich mein Fazit vorgezogen: Ich halte diesen Schund für absolut nicht lesenswert. Aber Sten zeigt mit ihrem literarischen Erguss, wie wichtig so ein Spoiler manchmal sein kann. In ihrem Fall hätte ein Fazit gleich zu Beginn mir die quälende Lektüre eines schlecht geschriebenen und zusätzlich schlecht übersetzten Krimis erspart. Wem dieser Input von mir schon reicht, kann an dieser Stelle aufhören zu lesen und auf den Kauf des Buchs verzichten. Wer mehr Details möchte, möge hier weiterlesen.

In Schulbuchaufsatzmanier erklärt uns die Autorin, worum es geht – nämlich, dass auf der Schäreninsel Sandhamn eine Leiche angespült worden ist. Die liegt da jetzt am Strand, ein Tau um die Brust geknotet. Das Tau gibt Emittler Andreasson und seinem Team keinerlei Rätsel auf: Niemand findet es ungewöhnlich. Das ist seltsam, weil eben dieses Tau sehr viel Platz in der Erzählung erhält. Nun gut. Was für alle nach einem Unfall aussieht – der Mensch ist halt irgendwo über Bord gegangen und ertrunken (mit einem Tau um die Brust?!?) – entpuppt sich dann aber doch als Waschechter Kriminalfall: als nämlich eine zweite Leiche auf Sandhamn gefunden wird. Es ist die Leiche der Cousine des ersten Opfers. Mit ihr hatte der Kommissar kurz vor ihrem Tod noch gesprochen.

Langsam setzt sich die Ermittlung in Gang. Dilettantisch gehen sie vor – was aber daran liegen kann, dass die Autorin offensichtlich keine Ahnung von Polizeiarbeit hat. Sie scheint nicht einmal regelmäßig Krimis zu lesen. Es reicht schon, hin und wieder einen Tatort zu schauen, um die Handlung in der Luft zu zerreißen. Vielleicht ist es aber auch der bereits erwähnte schreckliche Schreibstil, der sie daran hindert, sich richtig auszudrücken. Ihr Lieblingsstilmittel ist übrigens der Cliffhanger. Wäre natürlich wirksamer, wenn die Handlung, die sie unterbricht, wirklich spannend wäre.

Apropos Handlung unterbrechen: Das passiert ständig. Und warum? Damit wir etwas über das schwere Schicksal von Thomas Andreasson erfahren. Der hat es wirklich schwer gehabt. Schlimm. Der Arme. Die andere Hälfte der Zeit erfahren wir etwas über seine beste Freundin Nora. Die ist von Beruf Bilderbuchmutter und nebenbei erfolgreiche Juristin bei einer Bank. Ihr Chef ist ein Arsch, darum will sie einen neuen Job. Weil aber auch ihr Mann ein Arsch ist wird das mit dem neuen Job wohl nichts werden. Nein, das erfahren wir nicht nebenbei. Das erfahren wir in aller Ausführlichkeit inklusive der dazugehörigen Auseinandersetzungen zwischen Gattin und Gatte.

Schließlich wird der Fall gelöst (sorry für den erneuten Spoiler – aber damit war ja zu rechnen). Und wie? Indem das alles entscheidende total wichtige den Fall lösende Indiz, das alle schon nach wenigen Seiten auf die richtige Fährte hätte führen können, erst ganz kurz vor Schluss gefunden wird. Immerhin von der Polizei. Allerdings an einer Stelle, an der sie schon gesucht hatte. Das alles entscheidende total wichtige den Fall lösende Indiz ist schlichtweg übersehen worden. Dabei war es nicht einmal gut versteckt. Das hat mir dann den Rest gegeben. Für mich gibt es keinen Grund, weiter Zeit mit Thomas Andreasson zu verbringen. Fazit: s.o.

Während die Welt schlief

Susan Abulhawa erzählt die Geschichte von vier Generationen einer Familie, die in Palästina lebt – und damit die Geschichte des Konflikts zwischen Palästina und Israel. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Amal. Sie kommt im Flüchtlingslager Jenin zur Welt und kennt ihre Heimat, aus der die Familie ein paar Jahre zuvor von den Zionisten vertrieben wurde, nur aus deren Erzählungen. Die Sehnsucht nach dieser Heimat und die Hoffnung auf Rückkehr, Versöhnung und Frieden prägen das Leben Amals und ihrer Familie. Wir begleiten Amal auf ihrem Weg, der sie von Jenin nach Jerusalem und schließlich in die USA führt. Wir dürfen ihre innige Freundschaft mit Huda miterleben, ihre Hochzeit, die Geburt ihrer Tochter Sara – und jede Menge bewegender Schicksalsschläge.

Ich habe mich beim Lesen manchmal gefragt, ob es notwendig ist, dass die Familie wirklich in jedes Ereignis des Israel-Palästina-Konflikts zwischen 1948 und heute verwickelt wird, über das es einen eigenen Wikipedia-Beitrag gibt. Im Nachwort des Romans habe ich dann etwas über die Intention von Abulhawa erfahren: Es ging ihr beim Schreiben des Romans darum, einmal die palästinensische Sicht des Nahostkonflikts darzustellen. Somit ist natürlich klar, dass jedes dieser einschneidenden Ereignisse einen Platz in ihrem Roman bekommen hat.

Während wir aus Abulhawas Feder also die palästinensische Sicht der Dinge vermittelt bekommen, gibt die Autorin mit Hilfe aus den Medien zitierter Nachrichten die der Öffentlichkeit vermittelte Sicht wieder. Das ist ein verdammt gutes Stilmittel. Ich war jedes Mal aufs Neue von der kontrastierenden Darstellung erschüttert: Auf der einen Seite passiert Menschen, die ich über mehrere hundert Buchseiten kennengelernt und begleitet habe, etwas Abscheuliches (Enteignung, Folter, Mord, …). Ich bin ganz nah dran, jeder Anschlag bekommt einen persönlichen Anstrich und wird subjektiv von mir bewertet. Und auf der anderen Seite berichten die Medien, wie das ganze von außen aussieht. Nüchtern, sachlich, objektiv, weit weg und völlig unpersönlich.

Ich kann abschließend sagen: Die Geschichte um Amal und ihre Familie hat mich tief berührt und mein Interesse, mich mit dem Nahostkonflikt auseinanderzusetzen, neu geweckt. Immer wieder während des Lesens ist mir der Titel des Buches durch den Kopf gegangen, den ich für sehr passend halte. Wie kann die Welt schlafen während all das passiert? Wir sind über das Mittelmeer mit Israel / Palästina verbunden. Wir sind ganz nah dran. Unsere Geschichte ist so eng mit der Geschichte dieser Länder verbunden. Wie können wir die Augen verschließen?

Ihr ahnt schon, was jetzt kommt: „Während die Welt schlief“ ist absolut lesenswert. Lesebefehl!

Wer mehr über die Autorin erfahren möchte: Hier geht es zur Website zum Buch.

Gleis 4

Nach all den Krimis und Thrillern war es mal wieder Zeit für einen Roman. „Gleis 4“ von Franz Hohler ist mir wie so oft ganz zufällig in die Hände gefallen. Ich habe die ersten Seiten gelesen und beschlossen, den Roman mitzunehmen. Ich habe es nicht bereut.

„Darf ich Ihren Koffer tragen?“ Mit diesem Satz fängt alles an. Eigentlich eine nette Geste, denn Isabelle sollte ihren schweren Koffer wirklich nicht selbst die Treppe hochtragen. Aus gesundheitlichen Gründen. Der Mann, der ihr freundlicherweise behilflich ist, offenbar auch nicht: Oben auf Gleis 4 angekommen kippt er um und ist tot.

Isabelle ist eigentlich auf dem Weg in den Urlaub. Daran ist nach dem tragischen Zwischenfall am Bahnhof aber nicht mehr zu denken. Stattdessen begibt sie sich auf die Suche nach der Vergangenheit des Mannes. Dabei hilft ihr sein Handy, das sie aus Versehen eingesteckt hat und das bald darauf zu klingeln anfängt. Und die Witwe des Verstorbenen, die aus Kanada anreist, um seine Angelegenheiten zu regeln.

Ich fand die Geschichte herrlich unaufgeregt und trotzdem fesselnd. Zwischen Isabelle und der Witwe des Verstorbenen entspinnt sich eine warmherzige Freundschaft, die beide Frauen so nicht erwartet haben. Das fand ich sehr berührend. Ein wenig seltsam und im Grunde überflüssig fand ich die Ausflüge in Richtung Vodoo-Zauber. Die brauchte es meiner Meinung nach nicht. Dafür entschädigt hat mich das Ende: Nach dem ganzen Vodoo brauchte ich keine unrealistischen Zufälle – und die gab es auch nicht. Zum Glück.

Mein Fazit lautet dementsprechend: Auf jeden Fall lesenswert.

Die Toten am Lyngbysee

Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in Kopenhagen. Er hinterlässt stark geschminkte Frauenleichen auf einer Bank am Lyngbysee. Kommissarin Rebekka Holm ermittelt  – und tappt lange im Dunkeln. Wie gewohnt legt Julie Hastrup viele Spuren und führt den Leser immer wieder auf falsche Fährten. Gleichzeitig verwendet sie viel Zeit darauf, Rebekkas Privat- und Berufsleben zu beleuchten. Für meinen Geschmack bekommen Rebekkas übliche Beziehungsprobleme und die Rangeleien im Team um eine Beförderung viel zu viel Raum in der Geschichte. Spannung kann so nicht richtig aufkommen.

„Die Toten am Lyngbysee“ ist der vierte und bisher letzte Band der Reihe um Kommissarin Holm. Ich kann dafür zwar nur ein „ganz nett“ vergeben. Sollte ein fünfter Band erscheinen werde ich allerdings nicht zögern und den auch lesen.

Todessommer

In „Todessommer“ löst Rebekka Holm ihren dritten Fall. Diesmal macht ein Kindermörder Kopenhagen unsicher. Zufällig ist Rebekkas Ausbilder aus ihrer Zeit beim FBI gerade auf großer Europatour – und der ist auf Fälle von Kindesentführung und Kindermord spezialisiert. Er unterstützt Rebekka tatkräftig bei ihrer Arbeit, die sie schließlich in die eigenen Reihen verlegen muss: Es sieht so aus, als könnte einer der Kollegen der Täter sein.

Die Autorin legt viele Spuren, bringt viele Verdächtige ins Spiel und lässt uns viel am Privatleben der Ermittler teilhaben. Diesmal allerdings zu viel für meinen Geschmack. Ich mag Rebekka noch immer und ich werde sie auch bei ihrem nächsten Fall begleiten. Aber ich bin sehr skeptisch und nicht mehr ganz so euphorisch wie zu Beginn.

Grablichter

Ich hatte „Blaues Gift“ kaum zugeklappt, da habe ich schon „Grablichter“ in der Hand gehalten. Auch der vierte Fall für Pia Korittki erhält meine Empfehlung: Lesenswert. Alles beginnt mit dem heimtückischen Mord an einer Journalistin. Oder mit einer Leiche ohne Kopf, die zufällig bei Probebohrungen gefunden wurde – und vermutlich schon 25 Jahre in ihrem Grab lag. Und so weiter und so weiter. Die Handlung von Krimis wiedergeben ist bekanntermaßen nicht mein Ding. Ich widme mich lieber dem nächsten Fall von Frau Korittki. Vorher aber verbringe ich ein wenig Zeit mit Rebekka Holm. Die will ich nicht vernachlässigen.

Blaues Gift

„Blaues Gift“ ist der dritte Fall für Pia Korittki. Sie ermittelt in einem Giftmord. Parallel dazu verschwindet ihre Schwägerin und lässt Pias Bruder und ihre Nichte zurück. Der Fall ist gut konstruiert. Ebenso die Überleitung zu Pias Privatleben und einem wohlgehüteten Familiengeheimnis, dem die Ermittlerin im Laufe der Handlung auf die Spur kommt.

Ich habe schon „Grablichter“ auf dem Nachttisch liegen, darum will ich gar nicht mehr schreiben. Wie schon bei „Kalter Grund“ und „Engelsgrube“ lautet mein Urteil für diesen Krimi: Lesenswert.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.