Gelesen im Juni 2017

1) „Der Lauf der Liebe“ von Alain de Botton

Als langjährige Fänin von Alain de Botton war ich natürlich voreingenommen, aber „Der Lauf der Liebe“ ist wirklich gut. Normalerweise enden Liebesgeschichten, wenn zwei Menschen sich – manchmal nach vielen Irrungen und Wirrungen – endlich gefunden und füreinander entschieden haben. In den meisten Fällen markiert dieser Punkt in einer Geschichte das so genannte „Happy End“. Danach folgen Alltag und Routine, die es zu gestalten gilt. Daran wollen wir normalerweise nicht teilhaben und darum enden die Geschichten mit dem Happy End. In de Bottons Geschichte von Rabih und Kirsten schauen wir uns aber genau diesen Part an: Was bedeutet es eigentlich, sich (immer wieder aufs Neue) füreinander zu entscheiden? Der Autor wechselt in der ihm eigenen Manier die Perspektive zwischen Erzähler und Analytiker und ich habe am Ende verstanden, dass selbst ein im Ikea stattfindender Streit über die Auswahl der richtigen Gläser ein richtungsweisendes Ereignis in einer Beziehung sein kann, das es zu meistern gilt. Ich kann die Lektüre jedem empfehlen, der etwas über zwischenmenschliche Beziehungen lernen möchte – egal, ob Single oder in einer Partnerschaft.

2) „Into the Water“ von Paula Hawkins

Nachdem ich im Juni 2015 mit einiger Begeisterung „Girl on the Train“ gelesen habe, war ich gespannt auf den neuen Erguss von Paula Hawkins. Was soll ich sagen? Ich wurde ganz gut unterhalten, aber begeistert bin ich diesmal nicht. Was mich seinerzeit an „Girl on the Train“ so fasziniert hat war die Tatsache, dass ich die Protagonistin mit ihren Alkoholexzessen, ihrem Hang zum Stalken ihres Exfreundes und ihren peinlichen Aktionen im Suff eigentlich hätte furchtbar finden müssen. Aber ich fühlte mich mit ihr verbunden. In „Into the Water“ versucht die Autorin diesen Trick erneut, aber er funktioniert bei mir nicht mehr so gut. Die Geschichte von Julia, die versucht, den Tod ihrer Schwester Nel aufzuklären, ist sehr konstruiert. Die vielen Zeitsprünge empfand ich als verwirrend. Am Ende gibt es eine Wendung, die mich wirklich überrascht hat. Das kann aber einfach daran liegen, dass ich beim Lesen nicht richtig aufmerksam war. Fazit: Trotz tiefem Wasser nur seichte Unterhaltung (sorry, der musste sein).

3) „Schwarzwasser“ von Andreas Föhr

Der siebte Fall für Wallner und Kreuthner – darauf hatte ich mich schon lange gefreut! Und ich wurde nicht enttäuscht. Alles ist wie immer: Leichen-Leo stolpert über einen Toten, Großvater Manfred hängt irgendwie mit drin (bzw. am Tatort rum), Wallner versucht, seriöse Arbeit zu machen und ermittelt – während die komischen Vögel um ihn herum so viel Mist bauen, dass der Fall eigentlich gar nicht aufgeklärt werden dürfte. Wird er dann aber doch (sorry, Spoiler). Ob trotz oder wegen des ganzen Mists, der da gebaut wird, ist fraglich. Aber das macht die Wallner-Kreuthner-Serie aus. Ich finde die Geschichte um den Toten, den es eigentlich gar nicht geben darf, grandios konstruiert. Die vielen Wendungen sind überraschend, auf ihre Art an den Haaren herbeigezogen aber in sich stimmig. Ich hab wieder viel über Kreuthner gelacht. Große Begeisterung auf meiner Seite. Nachdem ich im vergangenen Jahr Andreas Föhrs „Eisenberg“, seines Zeichens Auftakt einer neuen Serie des Autors um eine Anwältin, entnervt weggelegt habe, weil das wirklich so unglaublich großer Murks ist, kann ich nun aber nicht beurteilen, ob Schwarzwasser wirklich so gut ist oder ob ich einfach große Fänin von Michael Schwarzmaier bin. Schwarzmaier ist der Sprecher, der die Geschichten um Wallner und Kreuthner so unendlich gut vorliest (ich habe sämtliche Fälle der beiden als Hörbuch konsumiert). Von der Lektüre von „Eisenberg“ möchte ich an dieser Stelle dringend abraten.

4) „Ihr einziges Kind“ von Barbara Wendelken

„Ihr einziges Kind“ ist mein dritter Martinsfehn-Krimi, nachdem ich Noola van Heerden und Renke Nordmann im Mai bei der Aufklärung ihrer ersten beiden Fälle begleitet habe. Den Auftakt der Serie fand ich einigermaßen misslungen, weil mir die Protagonisten so auf den Sack gegangen sind. Der zweite Teil gefiel mir schon besser. Der dritte schließlich war ganz ok. Ich fände nur gut, wenn die Autorin ihre Vorliebe für bescheuerte Namen ablegte … Egal. Es geht um Cord und Silvana Cassjen, die eigentlich überglücklich sein müssten, nachdem ihr kleiner Sohn Casper gesund auf die Welt gekommen und als Stammhalter für das Familienerbe fix eingeplant ist. Allerdings leidet Silvana an einer Wochenbettpsychose (davon hatte ich bisher noch nichts gehört) und wittert überall Gefahren. Cord wird erschossen (kein Spoiler, passiert gleich zu Beginn), Silvana und der kleine Casper verschwinden und Großmutter Margit, Herrscherin über das Familienvermögen, versucht, die Ermittlungen in Gang zu bringen – da Noola und Renke ihrer Ansicht nach nicht aus den Pötten kommen (eine Sichtweise, die sich im Übrigen mit meiner deckt). Die Geschichte nimmt ein paar unerwartete Wendungen, die ich ganz gut fand, genau wie die Auflösung am Ende. Insgesamt hätte die Autorin uns allen aber viel Zeit sparen können, wenn sie nicht ganz so viele Leute so ausführlich eingeführt hätte. An den Dialogen sollte sie auch noch feilen. Ich bin nicht sicher, ob ich mich noch mal mit Noola und Renke auf die Tätersuche begeben werde. Die beiden gingen mir einmal mehr gehörig auf den Sack. Tatsächlich sieht es so aus, als wären sie jetzt ein Paar geworden … Also: eingeschränkte Leseempfehlung.

5) „Bruderlüge“ von Kristina Ohlsson

Mit „Bruderlüge“ setzt Ohlsson die Geschichte um Martin Benner fort, die in „Schwesterherz“ (hab ich letzten Monat gelesen) ihren Anfang nahm. Hm. Ich wollte ja weiterlesen, nachdem ich nun schon den Anfang der Geschichte kannte. Aber beeindruckt von der Auflösung bin ich nicht. Was ich im ersten Teil schon geahnt habe, wird im zweiten Teil bestätigt: Benner ist privat in die Geschichte involviert. Nein, das ist kein Spoiler, sondern die einzig logische Begründung dafür, dass Bobby Tell im ersten Teil an seine Tür geklopft und ihn um Hilfe gebeten hat. Alles andere wäre großer Quatsch. Na ja, aber großer Quatsch ist trotzdem dabei, denn die Art und Weise, wie Benner involviert ist, finde ich völlig daneben … Ich bin froh, dass ich jetzt durch bin. Auch wenn das am Ende nur bedeutet, zu wissen, dass ich nichts verpasst hätte wenn ich mir den zweiten Teil gespart hätte. Fazit: Ja, kann man schon lesen. Vielleicht, um das Sommerloch zu füllen.

6) „Ich bin böse“ von Ali Land

„Ich bin böse“ hat mich tatsächlich beeindruckt. Schon der Klappentext hat mich angefixt: Ein 15jähriges Mädchen, Tochter einer Serienmörderin, landet schwer traumatisiert in einer Pflegefamilie, nachdem sie der Polizei die entscheidenden Hinweise zur Ergreifung ihrer Mutter gegeben hat. Die Mutter hat mehrere Kinder entführt, in ihrer Wohnung gefangen gehalten, grausam gequält und schließlich umgebracht – und ihre Tochter Annie musste dabei zusehen. Nun wohnt Annie unter ihrem neuem Namen Millie bei ihrer Pflegefamilie. Pflegevater Mike ist Psychologe. Er bereitet Millie darauf vor, vor Gericht gegen ihre Mutter auszusagen. Dessen leibliche Tochter Phoebe wird nicht nur Millies Pflegeschwester, sondern auch ihre Klassenkameradin. Und ihr größter Albtraum, denn Phoebe hasst Millie vom ersten Moment an. Sie beginnt, Millie in der Schule zu mobben. Und dann wird Millie zu einem Albtraum, denn sie hat bei der Besten gelernt – und Phoebe hat sie unterschätzt. Ich war ständig hin- und hergerissen zwischen Empathie und Abscheu. Muss man Millie aufgrund ihrer Vergangenheit verzeihen? Ist ihr Verhalten nicht nachvollziehbar? In diesem Roman sind sämtliche Figuren vielschichtig, es gibt keine Heldin und keinen Helden, niemanden, der uneingeschränkt meine Zuneigung bekommen hat. Jeder scheint eine Hidden Agenda zu verfolgen. Die Geschichte ist immer wieder aufs Neue überraschend. Ich war die ganze Zeit über gefesselt und kann die Lektüre uneingeschränkt empfehlen.

7) „Glaube, Liebe, Tod“ von Peter Gallert und Jörg Reiter

Wieder ein Auftakt für eine neue Serie, diesmal um den Polizeiseelsorger Martin Bauer. Auch hier wieder positive Überraschung auf meiner Seite, denn Bauer war mir vom ersten Moment an unglaublich sympathisch. Er eckt aufgrund seiner unkonventionellen Art bei den Kollegen an, die ihn gleichzeitig genau dafür sehr schätzen – ein bekanntes Phänomen. Gleich zu Beginn versucht Bauer, einen Selbstmörder vor dem Sprung in den Tod zu bewahren. Der Mann, selbst Polizist, steht auf einer Dortmunder Brücke und will sich in die Tiefe stürzen. Bauer springt selbst – und lässt sich von dem lebensmüden Polizisten retten. Einen Tag später finden sie die Leiche des Polizisten; er soll sich mit einem Sprung von einem Parkhausdach das Leben genommen haben. Während der Fall für die Polizei abgeschlossen ist, lässt er Bauer keine Ruhe. Er kann nicht glauben, dass es sich um einen Selbstmord handelt. Darum beginnt er, auf eigene Faust zu ermitteln. Ein gutes Debut, ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

8) „Der Augensammler“ von Sebastian Fitzek

Leider nein, leider gar nicht! Über das erste Drittel bin ich nicht hinausgekommen. Ich bin ausgestiegen als klar wurde, dass sich sämtliche Ermittlungen auf die Visionen eines Mediums stützen – das ist mir zu schräg. Und zu einfach. Wann immer der Autor nicht weiterweiß, lässt er das Medium eine neue Spur spoilern oder was? Ein Lektor hätte dem Text auch gut getan. Ich kann „Der Augensammler“ niemandem empfehlen.

9) „Der Hirte“ von Ingar Johnsrud

Und nochmals: Leider nein, leider gar nicht. Dieser Autor versucht es mit Nazis und dem Ekelfaktor: ausführlich und detailreich beschreibt er die Auswirkungen von Bomben und Pocken und wissenschaftlichen Versuchen auf den menschlichen Körper und spannt einen Bogen ins Dritte Reich. Spannung kommt dabei nicht auf. Die Geschichte ist langweilig, die Charaktere substanzlos. Ich hab früh den Faden verloren, immer wieder versucht, reinzukommen und schließlich entnervt aufgegeben. Keine Empfehlung. Interessanterweise handelt es sich auch hierbei um den Auftakt zu einer Serie. Der Frühling scheint auch literaturtechnisch die Zeit des Neubeginns zu sein.

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