Anekdote #2: Ernüchterung

Bewerbung: eine Achterbahnfahrt zwischen Zuversicht und Ernüchterung.
Bewerbung: eine Achterbahnfahrt zwischen Zuversicht und Ernüchterung.

Ich habe es angekündigt: Zu meiner Geschichte mit der PR-Agentur XY gibt es eine Fortsetzung. Hier kommt sie.

Nach dem ernüchternden Abschied von Frau A und Herrn C sitze ich im Zug nach Hause und überlege, was ich jetzt machen soll. Ich würde den beiden unglaublich gern sagen, wie sehr ich mich geärgert habe. Sie waren wie mehrfach betont die ganze Zeit freundlich und sympathisch. Das ändert aber nichts daran, dass sie leichtfertig meine Zeit verschwendet haben. Diese Respektlosigkeit ärgert mich maßlos. Um nichts über’s Knie zu brechen entscheide ich mich dazu, meinen Ärger in einer Mail zu formulieren, diese aber – zunächst – nicht abzuschicken. Innerhalb einer Woche wollen sie sich mit Feedback melden. Das will ich abwarten, bevor ich meinem Ärger Luft mache. Und vor allem will ich erst mal wieder runterkommen und die Sache mit ein wenig Abstand noch einmal betrachten.

Exakt eine Woche nach dem Termin ruft HR bei mir an – tatsächlich. Das hatte ich nicht erwartet. Die Dame am Telefon ist sehr freundlich und erklärt folgendes: „Sie hatten letzte Woche das Gespräch mit Frau A und Herrn C. Die beiden haben Ihnen ja schon im Gespräch gesagt, dass Sie nicht so gut auf die Stelle passen, auf die Sie sich beworben haben, weil Ihnen die Erfahrung in disziplinarischer Führung fehlt.“ – Äh… WAS? Über das Thema Führung hatten wir überhaupt nicht gesprochen! Die wollten mich nicht, weil ich zu digital bin. Weil es mir inzwischen völlig egal ist, warum ich die Absage bekomme, sage ich einfach: „Ja, richtig.“ Die HR-Dame setzt wieder an: „Allerdings haben Sie die beiden sehr beeindruckt. Darum möchten wir Sie zu einem zweiten Gespräch einladen. Wir haben keine konkrete Stelle für Sie im Sinn, aber wir möchten schauen, ob wir nicht eine für Sie schaffen können.“

Damit habe ich nun als letztes gerechnet. Umso mehr freue ich mich darüber, dass ich die Mail mit meinem Feedback zum Gespräch nicht abgeschickt habe. Frau A und Herr C haben zwar eine schlechte Figur im Gespräch gemacht, die Arbeit von XY hat mir aber grundsätzlich gefallen und darum bin ich weiterhin nicht abgeneigt, dort anzufangen. Ich bekomme eine Einladung zu einem Gespräch mit dem Managing Director persönlich, Herrn D. Natürlich nicht ohne den erneuten Hinweis darauf, dass meine Fahrtkosten nicht erstattet werden können. Ich bereite mich auf das Gespräch vor und nehme mir vor, das Thema „schlechte Gesprächsvorbereitung“ bei Gelegenheit anzuschneiden. Ich übe sogar, die Angelegenheit möglichst sachlich vorzutragen – ich will ja nicht wie eine beleidigte Leberwurst erscheinen oder zickig wirken.

Herr D holt mich gut gelaunt am Empfang ab. Er ist locker und freundlich, ich finde ihn sehr sympathisch. Seine erste Frage auf dem Weg zu seinem Büro lautet: „Und, was haben Frau A und Herr C für einen Eindruck auf Sie gemacht?“ Hm. Der Büroflur ist nun wirklich nicht das richtige Terrain für dieses Thema. Und der Zeitpunkt ist taktisch äußerst unklug, wir sind in der Smalltalk-Phase. Also erst mal kein Wort von meinem Ärger, lieber abwarten. Herr D hat sich tatsächlich auf mich vorbereitet und wir haben ein sehr gutes Gespräch. Er stellt Fragen, hört zu, macht sich Notizen und überlegt, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte. Es steht eine große Beauftragung von einem Unternehmen aus, das ich aus diversen Projekten gut kenne.

„Wenn dieses Projekt kommt, brauche ich genau so jemanden wie Sie. Das kann sich innerhalb der nächsten drei Wochen entscheiden, kann sich aber auch noch etwas verzögern.“ Das klingt gut. Und glaubwürdig – wie gesagt, ich kenn das Unternehmen, um das es geht. Lang angekündigte Beauftragungen können da von heute auf morgen kommen. Oder auch komplett ausbleiben. Wir verbleiben so, dass wir uns auf den „gängigen sozialen Kanälen vernetzen“ (O-Ton Herr D) und er sich bei mir meldet, sobald er Infos zu dem Projekt hat. „Sollte sich bei Ihnen in der Zwischenzeit etwas tun – ein anderes Jobangebot oder so – melden Sie sich bitte unbedingt bei mir“, sagt er noch. „Vielleicht können wir dann auch etwas beschleunigen.“ Er betont noch einmal, dass das Gespräch sehr positiv gelaufen ist und dass ich wirklich gut ins Unternehmen und in das Projekt passen würde.

Ich fühle mich richtig gut nach dem Gespräch – das sind doch tolle Aussichten! Tatsächlich vernetzen wir uns bei Xing und LinkedIn. Mehr passiert allerdings nicht. Ich höre nie wieder von ihm. Auf meine Mail, die ich ihm vor vier Wochen geschickt habe – ich sollte ihn ja benachrichtigen, wenn sich bei mir etwas tut – habe ich bis heute keine Antwort bekommen. Ich weiß aber, dass er sie gelesen hat. Schließlich hat er mein Profil seitdem nochmals besucht. Wenigstens eine Absage habe ich erwartet, nachdem ich zweimal angereist bin. Im Zweifel gibt es für so etwas auch Textbausteine. Aber das scheint eine überzogene Erwartung von mir zu sein.

3 Gedanken zu „Anekdote #2: Ernüchterung“

  1. Liebe Mia, das wird ja immer bunter… Ich hätte aber glaube ich die HR-Frau am Telefon mal gefragt, ob man sich die Fahrtkosten für die zweite Fahrt nicht zumindest teilen könnte. Und wenn ein paar Textbausteine gekommen wären, wärst Du wirklich weniger ernüchtert gewesen?

    1. Hallo Justin! Danke für deinen Kommentar. Das mit dem Fahrtkostenteilen ist zumindest eine Überlegung wert, könnte ich beim nächsten Mal ausprobieren. Es ist aber das erste Mal, dass ich überhaupt einen Hinweis darauf bekommen habe, dass die Fahrtkosten nicht übernommen werden. Ich habe sogar schon einmal eine Hotelübernachtung für ein Gespräch gezahlt bekommen, weil der Ort so schwer erreichbar war und es nur eine Zugverbindung pro Tag gab.

      Ja, ich wäre wohl auch ernüchtert gewesen, wenn ich per Xing ein paar Textbausteine als Antwort auf meine Frage bekommen hätte. Aber überhaupt keine Antwort zu bekommen finde ich zusätzlich respektlos.

      Lieben Gruß!
      Mia

  2. Das ist auch so eine Lektion die ich als Freiberuflerin auf die harte Tour gelernt habe:

    a) Projekte, die in der Planungsphase sind und sie schon mal Leute suchen, werden nie etwas. Nie.
    b) Projekte, die in der Planungsphase sind und die sich spannend und toll anhören, und man voll auf einer Wellenlänge mit den Machern liegt werden nie etwas. Nie.

    In meinen ersten zwei Jahren habe ich mir für solch tolle Projekte teils noch Kapazitäten freigehalten. Dann habe ich schnell gelernt, das man freundlich nickt, lächelt und das weniger tolle Projektangebot, das einen auf 6 Monate beschäftigt, annimmt.

    Projekte, die sich Donnerstags melden ob man Montags anfangen kann … aus denen wird was. Aber wenn man gerade noch im Projekt ist, haben die halt Pech. Egal wie toll es klingt-

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