Anekdote #1: Die Sache mit der Augenhöhe

Die Sache mit der Augenhöhe.
Die Sache mit der Augenhöhe.

Ich wollte mir ein bisschen Zeit lassen mit meiner ersten Bewerberstory. Aber nachdem meine Ankündigung vorgestern so hohe Wellen geschlagen hat (danke an dieser Stelle für all eure Nachrichten, Kommentare, Likes, Klicks, Shares, Favs, Sonstiges – you made my day!), habe ich beschlossen, den Schwung mitzunehmen und gleich loszulegen. Wie angekündigt werde ich keine Namen nennen – weder von Unternehmen noch von Personen. Und um euch die Recherche so schwer wie möglich zu machen, werde ich auch die Städte verschweigen und die Titel der Positionen, auf die ich mich jeweils beworben habe, unterschlagen. Los geht’s:

Im März 2015 bewerbe ich mich bei der renommierten PR-Agentur XY (ca. 350 Mitarbeiter, Teil einer großen Gruppe). Die Jobbeschreibung klingt super, eine Reaktion erfolgt prompt: HR ruft mich zwei Tage nach meiner Bewerbung an. „Frau Colt, wir haben uns Ihren Lebenslauf angeschaut und finden, dass Sie nicht ganz auf diese Stelle passen, weil Sie keine Erfahrung in der Healthcare-Branche mitbringen (das stimmt, Anm.). Dafür haben wir eine andere Stelle, gleicher Jobtitel, auf die Sie passen. Wenn Sie flexibel sind, würden wir Sie gerne zu einem Gespräch für diese Stelle einladen.“ Das Engagement beeindruckt mich – und ich sage erfreut zu. Der Termin wird auf Mitte April festgesetzt.

Die Sache mit dem Healthcare-Bereich lässt mir allerdings keine Ruhe. Auf so eine Stelle hätte ich mich nicht beworben, weil mir wirklich die Erfahrung fehlt – und ich kann mich nicht erinnern, etwas von Healthcare gelesen zu haben. Ein Blick in die XY Jobbörse zeigt: Es sind zwei Stellen mit dem gleichen Jobtitel ausgeschrieben. Eine mit Healthcare, eine ohne, beide stehen direkt untereinander. Die Spezifizierung findet sich erst im letzten Satz der Anzeige, ansonsten sind die Jobbeschreibungen identisch. Ich habe offenbar die eine Anzeige gelesen und mich fälschlicherweise auf die andere beworben. Ist ja noch mal gut gegangen: Die HR-Kollegen haben meinen Fehler ausgebügelt. Danach kann ich den Satz in der Einladungsmail „Abschließend möchten wir Sie noch darauf hinweisen, dass die anfallenden Fahrtkosten für das Vorstellungsgespräch durch XY nicht übernommen werden können.“ etwas besser wegstecken.

Ich bereite mich auf das Gespräch vor und stelle fest, dass mir XY immer besser gefällt. Einige der Kunden, die dort betreut werden, finden sich auch in meinem Portfolio. Andere stammen zumindest aus Branchen, in denen ich viel Erfahrung habe. Die Arbeitsweise sagt mir zu. Ich schaue mir Projekte und Kampagnen an, durchforste W&V und Horizont nach News, grase die sozialen Medien ab, lese die Lebensläufe der Gesprächsteilnehmer auf Xing – was man halt so tut wenn man es ernst meint. Die Frage: „Warum wollen Sie unbedingt zu uns?“ kann ich aus dem Handgelenk beantworten. (Pro-Tipp: Auf diese Frage immer besonders gut vorbereiten!)

Dann ist es so weit. Ich werde von Frau A am Empfang abgeholt, die mir sagt, dass Herr B nicht am Gespräch teilnehmen wird, sie dafür aber Herrn C dazugeholt hätte. Der käme gleich, er wäre noch in einem anderen Termin. Im Meeting-Raum legt sie meinen Lebenslauf auf den Tisch und beginnt, darin zu lesen. Plötzlich ein überraschter Ausruf: „Ach! Sie haben ja ALPHA (Fantasiename, Anm.) beraten! Da arbeitet mein Mann!“ ALPHA ist so ziemlich das erste, was in meinem Lebenslauf steht. Für mich klingt das, als hätte sie bis zu diesem Moment noch nicht einen einzigen Blick darauf geworfen. Dieser Verdacht soll sich während des Gesprächs erhärten.

Wir plaudern nett bis Herr C kommt und sich vorstellt: „Ich bin hier, weil ich in meiner Abteilung eine ähnliche Stelle besetzen möchte wie Frau A. Da geht es um den Bereich Healthcare und da wollte ich schauen, ob Sie vielleicht besser zu uns passen, Frau Colt.“ Ich versuche, mich nicht am Wasser zu verschlucken und sage: „Aha, ja, das klingt interessant für mich… Suchen Sie jemanden, der schon Erfahrung in dem Bereich hat?“ – „Auf jeden Fall. Healthcare ist kein Bereich, in den man sich mal eben einarbeitet. Und Sie haben sich auf eine Senior-Position beworben. Da erwarten wir einiges an Erfahrung.“ Frau Colt nickt, lächelt und denkt sich ihren Teil: Kommunikation in einer Kommunikations-Agentur. Unwahrscheinlich.

Die erste Bitte an mich lautet wie üblich: „Erzählen Sie etwas über sich.“ Während ich das mache, hört keiner zu. Beide lesen geschäftig in meinem Lebenslauf und unterstreichen Textstellen. Hier muss ich kurz ausholen, das wird gleich wichtig: Ich habe Online-Redakteur studiert. Ich habe ein Volontariat in einer Online-Redaktion absolviert. Ich habe berufsbegleitend Leadership in digitaler Kommunikation studiert, während ich in einem großen Konzern das Intranet betreut und sonstigen digitalen Kram gemacht habe. Ich habe die letzten fünf Jahre in einer Digitalagentur gearbeitet, die nach ihrer Umfirmierung das Wort „digital“ auch im Namen trägt (beide Gesprächsteilnehmer sagen mir übrigens, dass sie noch nie von dieser Agentur gehört hätten – hier hätte Google helfen können, Anm.). Sämtliche in meinem Lebenslauf aufgeführten Projekte sind digital. In a Nutshell: Ich bin durch und durch digital. Und das alles steht in meinem Lebenslauf.

Als ich schweige (ich bin fertig mit „etwas über mich erzählen“, Anm.) blicken beide erschreckt auf. Keine Rückfragen. Herr C fasst sich als erster und stellt mir folgende Frage: „Mich interessiert, ob Sie sich auf das Gespräch vorbereitet haben. Erzählen Sie mal: Was wissen Sie über uns?“ Fast entgleisen meine Gesichtszüge. Ich bekomme Lust, mein iPhone auszupacken, die XY Website aufzurufen und ihnen ihren „Über uns“-Text, der da sicher irgendwo zu finden ist, vorzulesen. Aber ich beherrsche mich. Die beiden sind völlig unvorbereitet aber sympathisch und sehr freundlich, sage ich mir, und ich finde XY noch immer gut.

Wir unterhalten uns eine Stunde lang, stellen uns gegenseitig Fragen. Die Healthcare-Stelle ist schnell vom Tisch, aber die andere steht ja noch aus. Meine letzte Frage lautet: „Was haben Sie denn jetzt für einen Eindruck – glauben Sie, ich passe auf die Stelle?“ Die Antwort von Frau A haut mich um: „Ich habe den Eindruck, dass Sie eher digital geprägt sind. (ACH WAS!!! Anm.) Wir suchen jemanden, der sich extrem gut in den klassischen Kommunikationskanälen auskennt.“ Nun gut. Die letzte Stunde hätten wir alle sinnvoller verbringen können.

Wir haben uns dann voneinander verabschiedet. Aber: Es gibt einen Teil II zu dieser Geschichte.

Es wird ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass ein Bewerber sich auf ein Vorstellungsgespräch vorbereitet. Und das ist auch richtig so – alles andere macht keinen Sinn. Ich bin allerdings der Meinung, dass so ein Gespräch auf Augenhöhe stattfinden muss. Dazu muss sich die andere Seite auch vorbereiten. Mit der Selbstverständlichkeit, wie die beiden sich nicht auf mich vorbereitet, von mir aber Vorbereitung erwartet haben, haben sie ein deutliches Gefälle geschaffen. Die beiden haben mich in die Rolle der Bittstellerin gedrängt, ganz nach dem Motto: „Sie, Frau Colt, wollen schließlich etwas von uns.“ Ich verstehe Recruiting anders. Die wollen doch auch etwas von mir – oder nicht?

10 Gedanken zu „Anekdote #1: Die Sache mit der Augenhöhe“

  1. Unfassbar unprofessionell. Das sind Beispiele bei denen ich mir denke, Burn Out kann es eigentlich gar nicht geben, so larifari wie die meisten arbeiten. Die beiden scheinen auf alle Fälle zu viel Zeit zu haben.

  2. Die korrekte Antwort auf die Frage „Warum wollen Sie unbedingt zu uns?“ ist übrigens:

    Das ist ja ein Zufall, ich wollte grade Sie fragen, warum Sie unbedingt wollen, dass ich die Stelle besetze. Es haben sich ja sicher noch andere beworben, aber ich scheine Sie zu faszinieren. Erzählen Sie mir doch bitte (gern ausführlich), was mich so anziehend und perfekt macht. Ganz ehrlich, ich hör mir das immer wieder gern an!

    Arbeitsmarktteilnehmer auf Augenhöhe, my ass ….

  3. Ja, das ist natürlich nett. Man reist natürlich gerne in eine fremde Stadt und zahlt die Kosten, einfach weil die Recruiter vorher zu faul waren, das Resume zu lesen.

  4. Aber noch was zu Augehöhe:

    Als Freiberuflerin habe ich zwar keine direkten Bewerbungsprobleme, kann aber heitere Headhuntergeschichten beitragen. Headhunter bekommen, wenn sie einen Freiberufler vermitteln, ja nicht gerade wenig Geld. Sie sind also Dienstleister, sowohl für die Firmen, denen sie Exerne vermitteln, als auch für Freiberufler.

    Als Freiberufler habe(hatte) ich ein Resume, bei einer weit genutzten Plattform mit vorgegebener Stuktur. Sich ein Tool zu basteln, das diese Infos extrahiert und in das eigene System einpflegt, ist ein geringes Problem. Nimmt man eben mal ein paar Euro in die Hand und zahlt einen Entwickler, der das scripted.

    In den Nachfrage-Spitzenzeiten bekam ich aber 3-4 Anfragen die Woche, wo Headhunter schrieben, ich möge doch bitte mal eben mein Resume in ihre hausinterne Wordvorlage dengeln. Ich hab dann immer auf die Zusammenarbeit verzichtet, denn wenn ich für deren Anteil auch noch ihre Arbeit übernehmen soll …

  5. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

  6. Jepp. Deckt sich mit meinen Erfahrungen der letzten 18 Monate (suche auch in der PR, tatsächlich eher klassisch 😉 ). Fazit: Augenhöhe gibt es nicht. Der Arbeitsmarkt der Branche ist komplett saturiert, insbesondere wenn man mit ordentlich Berufserfahrung daherkommt und faktisch nur eine (mindestens) Senior-Stelle Sinn ergibt. Auf Unternehmensseite ist es noch schlimmer. Das Gefälle ist real und ergibt sich bereits aus der Unmenge an Bewerbern auf jede auch nur halbwegs interessante Stelle. Die Hansels auf der anderen Tischseite können es sich (zumindest im Moment) schlichtweg leisten, sich wie von Dir beschrieben zu verhalten, weil es genug Hansels auf unserer Tischseite gibt, die den Job aller Respektlosigkeit zum Trotz trotzdem mit Kusshand nehmen. Dass sich damit die HR-Gemeinde langfristig einen Mords-Bärendienst erweist, wird sich sicher noch zeigen. Ich warte gespannt darauf.

    P.S.: Übrigens sehr unterhaltsam geschrieben, danke!

  7. Ich hatte vor kurzem ein ähnliches Erlebnis was mich staunend zurückgelassen hat.
    Eine Firma suchte einen Produktentwickler. Ich wurde zum Telefoninterview eingeladen. Die Dame am anderen Ende fragte mich warum ich mich denn in dieser Stelle sehen könnte ich hätte ja bisher keine Erfahrung in der Produktentwicklung. Daraufhin musste ich ihr erstmal erklären, dass ich ja wohl in der Produktentwicklung arbeite, allerdings in einer etwas anderen Branche und als Teil eines großen Ganzen (weil das bei den Produkten die wir entwickeln nicht anders geht, wie z.B. bei einem Auto, das entwickelt ja auch nicht einer allein). Das hat die Dame am anderen Ende aber nicht verstanden oder verstehen wollen, überhaupt konnte sie sich meine derzeitige Stelle nicht vorstellen. ??? Sie war übrigens selbst im Bereich Produktentwicklung tätig und nicht von HR.
    Im Laufe des Gesprächs kam dann heraus, dass die Dame gar keine Produktenwicklerin sucht, sondern einen Projektleiter. Das ist etwas ganz anderes und der Job hatte mit Produktenwicklung nix am Hut. Das wiederum wollte sie auch nicht verstehen.
    Nett war sie allerdings ;).
    Sie hatten natürlich kein Interesse an mir, was ich mir schon im ersten Moment dachte, als sie sagten ich hätte ja keine Erfahrung in der Richtung (zum Glück war es nur ein Telefoninterview!). Ich hatte aber auch kein Interesse mehr, nachdem ich wusste was für eine Stelle besetzt werden sollte. Mal abgesehen von einer komplizierten Vorgeschichte, die das Unternehmen schon unsympathisch machte. Laut Jobseiten im Internet suchen sie offensichtlich noch immer. Was mich nicht wundert…

    Es ist mir völlig unverständlich warum man sich auf ein Gespräch auf Unternehmensseite nicht vorbereitet, es wird ja auch von mir erwartet.

    Herzliche Grüße
    Lena

  8. Da hab ich auch noch ne Anekdote. Ich war bei einem Konzern eingeladen. Drei Personen, davon zwei Personaler, saßen da. Es war das zweite Gespräch, man hatte schon angekündigt, dass dieses auf Englisch stattfinden sollte, ich sollte zudem eine Präsentation vorbereiten. Nun saßen wir also da. Nur wechselte niemand von Deutsch auf Englisch. Okay, dachte ich, dann ich das mal. Habe also dann auf englisch präsentiert. Man stellte Zwischenfragen auf deutsch, die ich erst auf Englisch, dann auch auf Deutsch beantwortet habe. Au Mann.

    Im übrigen hat mir in meiner Zeit, als ich noch für Agenturen gearbeitet habe, eines bei der Jobsuche geholfen: Dass Agenturen untereinander gerne auch mal so richtig verkracht sind. Da sieht man es als Erfolg, wenn sich Mitarbeiter von der verhassten Konkurrenz bewerben! : )

    Mia, ich wünsch Dir was!! Halt die Ohren steif!!

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