Die Frau auf der Treppe

Hm. Der neueste Erguss von Bernhard Schlink ist überhaupt nicht meins. Er ging mir sogar tierisch auf den Keks. Das mag an der Stimme von Charles Brauer gelegen haben, dem ehemaligen Tatort-Kollegen von Manfred Krug (ich habe „Die Frau auf der Treppe“ als Hörbuch konsumiert). Vielleicht fand ich auch einfach die Geschichte blöde. Oder die Protagonisten. Oder es kam einfach alles zusammen.

Ich mochte den Ich-Erzähler zum Beispiel überhaupt nicht. Ein älterer Jurist. Unemotional, überlegt, steif, völlig humorlos und – vor allem, was seine erste große Liebe angeht – total naiv. Er erzählt uns von eben dieser großen Liebe, die inzwischen 40 Jahre zurückliegt. Irene. Er lernt sie in jungen Jahren kennen, weil ihr Mann und ihr neuer Lebensabschnittgefährte miteinander um ein Bild – und gleichzeitig um Irene – streiten. Irene ist auf dem Bild dargestellt. Beide Männer wollen sie. Auf die eine oder andere Art. Unseren Ich-Erzähler schalten sie als Rechtsbeistand ein.

Long Story short: Der Ich-Erzähler verliebt sich furchtbar in Irene. Sie klaut das Bild und verlässt alle drei Männer. Sie taucht unter und erst 40 Jahre später wieder auf. In einer verlassenen Bucht, wo sie in einem halb verfallenen Haus so eine Art Einsiedlerleben führt. Das Bild, das 40 Jahre lang mit ihr verschollen war, wird in der Art Gallery von Sidney ausgestellt und führt somit die Herren zu Irene (die genau das mit der Ausstellung des Bildes erreichen wollte) und damit alle wieder zusammen. Irene ist inzwischen todkrank und hat nicht mehr viel Zeit. Ihre letzten Wochen / Tage will sie nutzen, um – ja. Um was zu tun? Keine Ahnung.

Ich finde diese Zusammenkunft furchtbar konstruiert. Vermutlich geht es darum, aufzuzeigen, wie der Ich-Erzähler sich wandelt. Von diesem unemotionalen, überlegten, stocksteifen, humorlosen und naiven Anwalt hin zu einem Menschen, der kritisch auf sein Leben zurückblickt und plötzlich Gefühle entwickelt und ständig heult. Erinnerte mich stark an die Entwicklung, die Homo Faber durchmacht. Aber nicht annähernd so gut. Braucht es dafür so eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte? Hm… Ok, die brauchte es bei Homo Faber ja auch. Trotzdem war mir der sehr viel lieber.

Ich mochte sie alle nicht: Den Maler nicht, den Ehemann nicht, Irene nicht, den Anwalt nicht. Alle unsympathisch. Alle humorlos. Alle gealtert ohne sich entwickelt zu haben. Die plötzliche Entwicklung des Anwalts innerhalb weniger Tage empfinde ich darum als unglaubwürdig. Achtung, Spoiler-Alarm: Irene verschwindet am Ende einfach. Vermutlich ist sie ertrunken, aber ihre Leiche wird nicht gefunden. Es kann also sein, dass sie, ihrer schweren Krankheit zum Trotz, doch noch lebt. Das macht mir Angst. Ich hoffe, Schlink kommt nicht auf die Idee, eine Fortsetzung zu schreiben. Mein Fazit: So überhaupt gar nicht lesenswert. Nein.