Die Betäubung

"Die Betäubung", Anna Enquist
„Die Betäubung“, Anna Enquist

Das Buch ist mir mehr zufällig in die Hände gefallen. Ich war eigentlich schon auf dem Weg zum Ausgang der Buchhandlung, enttäuscht darüber, keinen neuen Lesestoff gefunden zu haben. Es war einmal mehr der Anfang des Klappentextes, der mich angesprochen hat: „Die einen stürzen sich in die Arbeit, um sich abzulenken, andere verlieren den Boden unter den Füßen. Können wir den Verlust eines geliebten Menschen wirklich jemals verwinden?“ Eine Frage, die mich dieses Jahr selbst umtreibt. Vielleicht war es ein wenig die Hoffnung, endlich eine Antwort zu bekommen. Auf jeden Fall hab ich nicht groß weitergelesen, sondern bin gleich zur Kasse marschiert.

Wir lernen Drik de Jong kennen, einen Psychotherapeuten, dessen Frau wenige Monate zuvor nach schwerer Krankheit gestorben ist. Und wir treffen Driks Schwester Suzan, Anästhesistin, welche die beiden durch die Zeit des Abschiednehmens begleitet hat. Suzan ist verheiratet mit Peter, seines Zeichens der beste Freund von Drik und Psychiater. Die Berufe der drei sind entscheidend für die Handlung, darum erwähne ich sie. Drik hat aufgehört zu arbeiten, während seine Frau im Sterben lag. Jetzt, ein paar Monate nach ihrem Tod, nimmt er seine Arbeit wieder auf: Er behandelt den Psychologiestudenten Allard, der von Peter sozusagen an ihn überwiesen wurde. Für eine Lehrtherapie.

Allard sorgt für reichlich Unruhe. Vermutlich kann er nichts dafür. Aber er ist mir so was von unsympathisch, dass ich ihm gern die Schuld für das Auseinanderbrechen der einzelnen Personen geben möchte und ihm tatsächlich einen gewissen Vorsatz unterstelle. Allard bringt zunächst Drik an den Rand der Verzweiflung: Er kommt einfach nicht an ihn heran. Immer, wenn Drik glaubt, etwas verstanden zu haben und ihm näher zu kommen, macht Allard wieder dicht. Im Laufe der Therapie beschließt Allard, seinen Job zu wechseln. Er möchte plötzlich nicht mehr Psychiater sondern Anästhesist werden und landet – natürlich – in der Abteilung von Suzan. Mit der er ein Verhältnis beginnt. Es ist nicht ganz klar, ob Allard weiß, in welchem Verhältnis Drik und Suzan zueinander stehen. Wie gesagt: Ich neige dazu, ihm einen Vorsatz zu unterstellen. Vielleicht ist es sein perfider Plan, die Familie auseinanderzureißen?

Als Allard in der Therapie von seinem Verhältnis zu Suzan erzählt, wäre das der Moment (oder: einer der vielen Momente) für Drik, die Behandlung abzubrechen. Er ist schließlich befangen. Stattdessen beschließt er, Allard weiter zu behandeln und lieber Suzan und ihren Mann Peter zu meiden, um nicht zwischen die Stühle zu geraten. Ab hier können wir regelrecht dabei zulesen, wie Drik mehr und mehr vereinsamt und ein waschechtes Alkoholproblem entwickelt. Auch Suzan, deren Perspektive wir Leser immer wieder einnehmen, verzweifelt mehr und mehr. Sie weiß, dass ihr heimliches Verhältnis mit einem Schutzbefohlenen nicht in Ordnung ist – sie ist Allards als Mentorin zugeteilt. Und dann zieht sich ihr Bruder von ihr zurück und sie versteht (im Gegensatz zu uns Lesern) nicht, wieso.

Allard richtet noch sehr viel mehr an (auch hier wird meine eindeutige Schuldzuweisung wieder deutlich). Aber ich möchte nichts davon verraten; die Überraschungseffekte sind wichtig für die Handlung. Wahrscheinlich ist er nur eine verletzte und verzweifelte Seele. Er verdient eher mein Mitgefühl. Aber mit ihm geht es mir wie mit Gargamel: Den konnte ich als Kind einfach nicht ertragen. Ich wollte bloß den Schlümpfen zuschauen, wie sie in ihrem Dorf leben und Spaß haben. Der Blödmann mit seiner fiesen Katze sollte sie in Ruhe lassen. Das gleiche denke ich von Allard: Wieso lässt er nicht einfach alle in Ruhe?

Ich habe ziemlich lange für das Buch gebraucht und war zwischendurch immer wieder versucht, es nicht zu beenden, sondern wegzulegen. Tatsächlich war es schwere Kost. Zum einen durch die Handlung, die vielleicht doch zu nah an mir dran war. Zum anderen durch die plastischen Schilderungen der Operationen. Ich bin da ein wenig zart besaitet und hab das ein oder andere Mal ganze Passagen übersprungen, weil ich die detaillierten Infos zum Beispiel über die Entfernung einer Gallenblase einfach nicht aushalten konnte.

Im Epilog habe ich erfahren, dass Anna Enquist, die Autorin, selbst Psychiaterin ist. Die Arbeit von Drik und Peter konnte sie dementsprechend gut beschreiben. Für ihr Buch hat sie an dem Projekt „Schriftsteller auf der Abteilung“ teilgenommen und eine ganze Weile in der Anästhesie verbracht. Dort konnte sie den Ärzten genau auf die Finger schauen. Wir bekommen also einen realistischen Blick hinter die Kulissen der Arbeit von Therapeuten und Ärzten. Das fand ich hochinteressant und überhaupt nicht langweilig – die Informationen sind nicht einfach schulmeisterlich eingestreut („Guck mal, was ich alles weiß!“) sondern tatsächlich ein wesentlicher Teil der Handlung. Manchmal halt ein wenig zu detailliert für meine Nerven.

Die Geschichte lässt mich bedrückt und desillusioniert zurück. Aber ich bin froh, sie gelesen zu haben, weil sie mich wirklich berührt und bewegt hat. Ich kann für „Die Betäubung“ auf jeden Fall eine Leseempfehlung aussprechen.