Der Psychiater

Es war ein Audible Newsletter, der mich auf „Der Psychiater“ von John Katzenbach aufmerksam gemacht hat. Ich habe die Inhaltsangabe kurz überflogen und beschlossen, dem Herrn, der schon seit vielen vielen Jahren Thriller schreibt, eine Chance zu geben. Außerdem mag ich Uve Teschner, der das Hörbuch liest, ganz gern. Beziehungsweise seine Stimme.

Wir treffen Timothy „Moth“ Warner, seineszeichens Alkoholiker. Er ist 24 Jahre alt, studiert Geschichte und hat mit seiner Familie gebrochen. Nicht ganz, denn es gibt da noch seinen Onkel. Dieser ist Psychiater – daher der Titel – und der einzige Verbündete, den Moth so hat. Onkel Ed begleitet Moth durch seinen Entzug und zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Er nimmt eine wichtige Rollen im Leben von Moth ein, der ihn als seinen Rettungsanker in einem ansonsten hoffnungslosen Leben sieht. All das lernen wir gleich zu Beginn, innerhalb der ersten – ich schätze mal: 100 Hörbuchminuten.

Einschub: Diese Zeitangabe ist ein subtiler Hinweis auf den Erzählstil des Autors. Mir ist schnell klar geworden, wie er die Laufzeit seiner Hörbücher erreicht: Durch ausführliche Einführungen seiner Charaktere. Und ausschweifende Ausführungen über deren Hobbies, Vergangenheit, Vorlieben, Interessen, Freunde, Berufe, … Das ist jetzt aber nur eine Feststellung. Genervt hat es mich nicht. Wir hatten ein langes Wochenende und ich hatte Zeit, also: Alles im grünen Bereich.

Nachdem wir also nun gelernt haben, wie wichtig Ed für Moth ist, verschwindet Ed auch schon wieder von der Bildfläche. Moth findet ihn tot in seiner Praxis. Kopfschuss. Die Polizei diagnostiziert einen glasklaren Selbstmord. So glasklar, dass sie sich nicht mal die Mühe macht, die Schusshand des Toten auf die berühmten Schmauchspuren hin zu untersuchen. Moth diagnostiziert einen glasklaren Mord. So glasklar, dass er selbst die Ermittlungen aufnimmt und für den Fall, dass die Polizei ihm weiterhin nicht glaubt, sogar einen Akt der Selbstjustiz für das Ende (= das Aufspüren des Mörders) einplant.

Bei den Ermittlungen bekommt Moth Unterstützung von Andrea, genannt „Andy“. Sie war seine erste große Liebe. Andy leidet zurzeit selbst: Sie versucht, eine Vergewaltigung und eine Abtreibung zu verarbeiten, wird dabei von Schuldgefühlen zerfressen und ist am Ende ihrer Kräfte. Ähnlich geht es der Staatsanwältin, die sich nach anfänglicher Weigerung an der Suche nach dem Mörder beteiligt: Moth kennt sie aus der Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Beide Frauen werden ebenso intensiv eingeführt wie zuvor Moth und Ed. Wir Leser / Zuhörer wissen also eine ganze Menge über sie. Eine ganze Menge mehr, als sie gegenseitig von sich wissen – denn von der Vergewaltigung, der Abtreibung, den inneren Kämpfen erzählen sie niemandem.

So richtig Spannung aufkommen wollte bei mir nicht. Ich hatte einfach zu viele Infos. Der einzige Gedanke, der mich die ganze Zeit umgetrieben hat, war: Warum fragst du nicht XY nach Z? Dann weißt du doch Bescheid! Das heißt: Katzenbach gibt dem Leser / Zuhörer sämtliche Puzzleteile, die für die Lösung des Falls benötigt werden, schon ziemlich früh (relativ früh – wenn man die ausschweifenden Ausführungen bedenkt; da muss man ja erst mal durch) an die Hand. Wir kennen nun die Lösung und beobachten die Protagonisten dabei, wie sie versuchen, ihre eigenen Puzzleteile irgendwo anzulegen. Und lernen ein weiteres Mal: Kommunikation ist wichtig. Und bekommen den Beweis, dass Luhman recht hatte, als er sagte: Kommunikation ist unwahrscheinlich. Mehr verrate ich nicht.

„Der Psychiater“ ist nicht umwerfend, aber sehr unterhaltsam. Ich habe mich nicht gelangweilt und war auch nicht genervt. Darum habe ich auch schon den nächsten Katzenbach heruntergeladen. Also, Fazit: Ja, kann man lesen. Ganz brauchbar.

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