Archiv der Kategorie: Thriller

Der Sumpf

Ein neuer Katzenbach für mich – ein alter Katzenbach für John Katzenbach. „Der Sumpf“ erschien schon 1992; im Original unter dem Titel „Just Cause“. Ich habe ihn jetzt erst gelesen. Beziehungsweise: Gehört. Als Hörbuch. Ungekürzt. Gelesen von Uve Teschner.

An die blumige Sprache war ich nach „Der Psychiater“ schon gewöhnt. So zu schreiben ist ganz offensichtlich keine neue Fähigkeit sondern viel mehr eine lang trainierte Gewohnheit des Autors. Woran ich mich tatsächlich erst gewöhnen musste war die Welt, in der die Menschen in diesem 1992 lebten: Völlig hinter dem Mond. Immer wieder beim Lesen dachte ich: „Voll unlogisch! Kann der doch einfach googeln!“ Nein, kann er 1992 eben nicht. Nicht im Internet und schon gar nicht auf dem Smartphone. Und: Nein. Mal eben eine SMS schicken kann er auch nicht.

Es dauerte also einige Zeit bis ich verstand, wieso die Nachricht aus der Todeszelle, die den ganzen Fall ins Rollen bringt, ganz klassisch per Post auf dem Schreibtisch des Reporters Matt Cowart landet: Es gibt im Grunde keinen anderen Weg der Nachrichtenübermittlung. Hat man das einmal verstanden, ist der Rest gar nicht mehr so kompliziert: Robert Earl Ferguson wurde zum Tode verurteilt, weil er ein elfjähriges Mädchen brutal ermordet haben soll. Für Richter und Jury ist er eindeutig schuldig. Für Ferguson, seines Zeichens Afroamerikaner, stellt sich die Geschichte anders dar. Er sieht sich als Opfer von Rassismus und Korruption.

Matt besucht Ferguson in der Todeszelle und erfährt, dass das Geständnis, das für die Verurteilung gesorgt hat, aus Ferguson herausgeprügelt wurde. Damit nicht genug: In der Nachbarszelle im Todestrakt sitzt Blair Sullivan, ebenfalls zum Tode verurteilt. Er ist ein geständiger Massenmörder, der ebenfalls auf seine Hinrichtung wartet. Und er behauptet, auch den Mord begangen zu haben, für den Ferguson nun im Todestrakt sitzt. Matt nimmt sich der Sache an, schreibt einen Artikel, bekommt den Pulitzer Preis und wird als Held gefeiert, nachdem er es mit Hilfe seines Artikels schafft, denn Fall Ferguson neu aufzurollen. Wer mehr Inhalt will, muss ab jetzt selbst lesen. Entweder im Roman selbst oder bei Wikipedia.

„Der Sumpf“ war mein letzter Katzenbach. Die Story war ganz ok, aber sie hätte deutlich verkürzt werden können. Ich habe mich oft gelangweilt. Die langatmige Einführung jedes einzelnen Charakters fand ich schon bei „Der Psychiater“ grenzwertig. Diesmal ging sie mir so tierisch auf den Keks, dass ich das nicht noch einmal mitmachen möchte. Vor allem, weil Katzenbach bei sich selbst klaut. Moth heißt diesmal Matt, Andrea, genannt Andy die versucht, eine Vergewaltigung zu verarbeiten, heißt diesmal Andrea, genannt Andy und versucht, eine Vergewaltigung zu verarbeiten. Und überhaupt: Das Thema Selbstjustiz ist auch diesmal wieder ganz weit vorn.

Mein Fazit: Katzenbach hat durchaus seine Qualitäten. Ich weiß sie allerdings nicht zu schätzen. Darum lautet mein Urteil: Langweilig. Kann man lesen. Mehr von ihm muss aber nicht sein.

Der Psychiater

Es war ein Audible Newsletter, der mich auf „Der Psychiater“ von John Katzenbach aufmerksam gemacht hat. Ich habe die Inhaltsangabe kurz überflogen und beschlossen, dem Herrn, der schon seit vielen vielen Jahren Thriller schreibt, eine Chance zu geben. Außerdem mag ich Uve Teschner, der das Hörbuch liest, ganz gern. Beziehungsweise seine Stimme.

Wir treffen Timothy „Moth“ Warner, seineszeichens Alkoholiker. Er ist 24 Jahre alt, studiert Geschichte und hat mit seiner Familie gebrochen. Nicht ganz, denn es gibt da noch seinen Onkel. Dieser ist Psychiater – daher der Titel – und der einzige Verbündete, den Moth so hat. Onkel Ed begleitet Moth durch seinen Entzug und zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Er nimmt eine wichtige Rollen im Leben von Moth ein, der ihn als seinen Rettungsanker in einem ansonsten hoffnungslosen Leben sieht. All das lernen wir gleich zu Beginn, innerhalb der ersten – ich schätze mal: 100 Hörbuchminuten.

Einschub: Diese Zeitangabe ist ein subtiler Hinweis auf den Erzählstil des Autors. Mir ist schnell klar geworden, wie er die Laufzeit seiner Hörbücher erreicht: Durch ausführliche Einführungen seiner Charaktere. Und ausschweifende Ausführungen über deren Hobbies, Vergangenheit, Vorlieben, Interessen, Freunde, Berufe, … Das ist jetzt aber nur eine Feststellung. Genervt hat es mich nicht. Wir hatten ein langes Wochenende und ich hatte Zeit, also: Alles im grünen Bereich.

Nachdem wir also nun gelernt haben, wie wichtig Ed für Moth ist, verschwindet Ed auch schon wieder von der Bildfläche. Moth findet ihn tot in seiner Praxis. Kopfschuss. Die Polizei diagnostiziert einen glasklaren Selbstmord. So glasklar, dass sie sich nicht mal die Mühe macht, die Schusshand des Toten auf die berühmten Schmauchspuren hin zu untersuchen. Moth diagnostiziert einen glasklaren Mord. So glasklar, dass er selbst die Ermittlungen aufnimmt und für den Fall, dass die Polizei ihm weiterhin nicht glaubt, sogar einen Akt der Selbstjustiz für das Ende (= das Aufspüren des Mörders) einplant.

Bei den Ermittlungen bekommt Moth Unterstützung von Andrea, genannt „Andy“. Sie war seine erste große Liebe. Andy leidet zurzeit selbst: Sie versucht, eine Vergewaltigung und eine Abtreibung zu verarbeiten, wird dabei von Schuldgefühlen zerfressen und ist am Ende ihrer Kräfte. Ähnlich geht es der Staatsanwältin, die sich nach anfänglicher Weigerung an der Suche nach dem Mörder beteiligt: Moth kennt sie aus der Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Beide Frauen werden ebenso intensiv eingeführt wie zuvor Moth und Ed. Wir Leser / Zuhörer wissen also eine ganze Menge über sie. Eine ganze Menge mehr, als sie gegenseitig von sich wissen – denn von der Vergewaltigung, der Abtreibung, den inneren Kämpfen erzählen sie niemandem.

So richtig Spannung aufkommen wollte bei mir nicht. Ich hatte einfach zu viele Infos. Der einzige Gedanke, der mich die ganze Zeit umgetrieben hat, war: Warum fragst du nicht XY nach Z? Dann weißt du doch Bescheid! Das heißt: Katzenbach gibt dem Leser / Zuhörer sämtliche Puzzleteile, die für die Lösung des Falls benötigt werden, schon ziemlich früh (relativ früh – wenn man die ausschweifenden Ausführungen bedenkt; da muss man ja erst mal durch) an die Hand. Wir kennen nun die Lösung und beobachten die Protagonisten dabei, wie sie versuchen, ihre eigenen Puzzleteile irgendwo anzulegen. Und lernen ein weiteres Mal: Kommunikation ist wichtig. Und bekommen den Beweis, dass Luhman recht hatte, als er sagte: Kommunikation ist unwahrscheinlich. Mehr verrate ich nicht.

„Der Psychiater“ ist nicht umwerfend, aber sehr unterhaltsam. Ich habe mich nicht gelangweilt und war auch nicht genervt. Darum habe ich auch schon den nächsten Katzenbach heruntergeladen. Also, Fazit: Ja, kann man lesen. Ganz brauchbar.

Die Toten am Lyngbysee

Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in Kopenhagen. Er hinterlässt stark geschminkte Frauenleichen auf einer Bank am Lyngbysee. Kommissarin Rebekka Holm ermittelt  – und tappt lange im Dunkeln. Wie gewohnt legt Julie Hastrup viele Spuren und führt den Leser immer wieder auf falsche Fährten. Gleichzeitig verwendet sie viel Zeit darauf, Rebekkas Privat- und Berufsleben zu beleuchten. Für meinen Geschmack bekommen Rebekkas übliche Beziehungsprobleme und die Rangeleien im Team um eine Beförderung viel zu viel Raum in der Geschichte. Spannung kann so nicht richtig aufkommen.

„Die Toten am Lyngbysee“ ist der vierte und bisher letzte Band der Reihe um Kommissarin Holm. Ich kann dafür zwar nur ein „ganz nett“ vergeben. Sollte ein fünfter Band erscheinen werde ich allerdings nicht zögern und den auch lesen.

Todessommer

In „Todessommer“ löst Rebekka Holm ihren dritten Fall. Diesmal macht ein Kindermörder Kopenhagen unsicher. Zufällig ist Rebekkas Ausbilder aus ihrer Zeit beim FBI gerade auf großer Europatour – und der ist auf Fälle von Kindesentführung und Kindermord spezialisiert. Er unterstützt Rebekka tatkräftig bei ihrer Arbeit, die sie schließlich in die eigenen Reihen verlegen muss: Es sieht so aus, als könnte einer der Kollegen der Täter sein.

Die Autorin legt viele Spuren, bringt viele Verdächtige ins Spiel und lässt uns viel am Privatleben der Ermittler teilhaben. Diesmal allerdings zu viel für meinen Geschmack. Ich mag Rebekka noch immer und ich werde sie auch bei ihrem nächsten Fall begleiten. Aber ich bin sehr skeptisch und nicht mehr ganz so euphorisch wie zu Beginn.

Blut für Blut

Rebekka Holm hat ihren Job gewechselt: Sie hat die Mobile Spezialeinheit der dänischen Kripo verlassen, die sie in „Vergeltung“ nach Ringkøbing geschickt hat. Jetzt arbeitet sie im Ermittlerteam der Kopenhagener Mordkommission. In „Blut für Blut“, ihrem zweiten Fall, treffen wir sie mitten in den Ermittlungen im Fall eines Serienvergewaltigers an (als Mitarbeiterin der MORD-Kommission? Na gut…). Aber eine Leiche lässt nicht lange auf sich warten: Die bekannte Sozialarbeiterin Kissy Schack wird brutal ermordet aufgefunden. Rebekka wird sofort von den Ermittlungen in Sachen Serienvergewaltiger abgezogen und stattdessen auf den Mord angesetzt.

Kissy Schack wird von einem Gärtner mit seinem Rasenmäher überfahren. Bisschen eklig gleich zu Beginn, aber auch für jemanden mit meinen Nerven gut aushaltbar. Der Gärtner ist aber nicht der Mörder. Er hat vielmehr Kissys Leiche überfahren. Rebekka ermittelt gemeinsam mit ihrem neuen Kollegen Reza Aghajan. Die beiden sind noch nicht lange ein Team, aber es zeichnet sich bereits ab, dass sie zusammenwachsen werden. Sie passen gut zueinander und verstehen sich hervorragend.

Das gilt natürlich nicht für das gesamte Team der Mordkommission. Rebekka ist noch neu und muss sich bei ihren Kollegen erst beweisen. In einigen Fällen scheint das aber aussichtslos. Somit bleibt Rebekka weiterhin diejenige, die überall aneckt, sich mit fast jedem streitet und unpopuläre Meinungen und Ansichten vertritt. Für mich heißt das: Sie bleibt sich treu. Und das gefällt mir. Und Rebekka wäre nicht Rebekka, wenn sie die Ermittlungen im Fall des Serienvergewaltigers von heute auf morgen links liegen lassen könnte. Sie steckt ihre Energie in die Mordermittlungen und kümmert sich gleichzeitig um den anderen Fall.

Wie auch im ersten Teil verzichtet Julie Hastrup auf allzu detaillierte Beschreibungen von Gewalt und blutrünstiger Brutalität. Stattdessen konzentriert sie sich auf Verhöre, Verstrickungen und Charaktere. Wir erfahren wieder sehr viel über das Privatleben von Rebekka und Co. Irgendwie scheint Hastrup subtil an einem wachsenden Alkoholproblem der Protagonistin zu arbeiten. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Vielleicht sind die Passagen über Rebekkas Privatleben hin und wieder etwas langatmig ausgefallen. Ich kann das aber verzeihen und freue mich schon sehr auf den dritten Fall. Fazit also auch diesmal: Absolut lesenswert.

Vom Lieben und Sterben

Hauptkommissar Claudius Zorn und sein Kollege / Assistent Schröder haben mal wieder für mich ermittelt. Und ich glaube fast, dass sie das zum letzten Mal getan haben. Ich hab ja schon in der Rezension zu „Tod und Regen“ behauptet, dass Stephan Ludwig ein guter Autor ist. In „Vom Lieben und Sterben“ hat er bewiesen, dass ich Recht habe. Er schafft es mit wenigen Worten, ganz viel zu sagen und jede Menge Kopfkino loszutreten. Bei mir zumindest. Treue Leser dieses Blogs wissen inzwischen, dass ich zart besaitet bin. Mir war das einfach ne Spur zu heftig.

Es fängt alles ganz harmlos an: Zorn und Schröder ermitteln. Es gibt eine Einbruchserie in einer Schrebergartensiedlung. Keine große Herausforderung. Dementsprechend engagiert ist Zorn. Es geht ihm ohnehin nicht gut, weil er Malina sehr vermisst. Das will er natürlich nicht zugeben. Er ist ja ein echter Mann, hart im Nehmen, nichts haut ihn um. Also: Zorn ist vollends damit beschäftigt, sich nichts anmerken zu lassen. Und darum muss Schröder die Schrebergartengeschichte übernehmen.

Der Fall wird schnell geklärt. Eine Gruppe von gelangweilten Jugendlichen steckt dahinter. Plötzlich gibt es einen Mord und einer der Jungs aus der Gruppe ist tot. Und er bleibt nicht die einzige Leiche. Bis kurz vor Schluss bleibt unklar, wer hinter den Morden steckt. Schließlich kommt es zu einem gnadenlosen Finish (so was wollte ich schon immer mal schreiben…). Wie gesagt: Mir war das eine Spur zu heftig. Zu sadistisch. Zu viel Gewalt. Ich mag Zorn und Schröder sehr gern, aber ich glaube, die nächsten Fälle müssen sie ohne mich lösen. Sonst kann ich nicht mehr schlafen.

Fazit: Absolut lesenswert – wenn man das aushält.

P.S.: Und ich kündige jetzt schon mal an, dass ich Kommentare, in denen sich über mich und meine schwachen Nerven amüsiert wird, auf keinen Fall zulassen werde. (Als wenn ich nicht auf jeden Kommentar angewiesen wäre…)

Vergeltung

Ich habe da noch jemanden entdeckt: Rebekka Holm, Sonderermittlerin aus Kopenhagen. Ihr erster Fall „Vergeltung“ führt sie in die Kleinstadt Ringkøbing. Zufälligerweise der Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Und der Ort, an den sie eigentlich nie wieder zurückkehren wollte. Damit ist klar, dass uns Julie Hastrup im ersten Band der Serie gleich zwei Fälle serviert: Den um das ermordete 22jährige Mädchen Anna, dessen Ermittlungen Rebekka leitet. Und den um das Aufdecken der Vergangenheit von Rebekka. Was ist passiert – warum wollte sie nicht mehr zurückkehren?

Ja, das Privatleben der Ermittlerin inklusive Liebesleben und Romanzen nimmt einen sehr großen Teil der Handlung ein. Da Rebekka mir sehr sympathisch ist, freue ich mich darüber, so viel über sie zu erfahren. Sie macht einen guten Job, hat Ambitionen und Träume. Sie lässt sich nicht einschüchtern, ist unbequem und sich nicht zu schade dafür, sich mit ihren Fragen immer wieder zum Affen zu machen. Ihr Ermittlungsstil ist intuitiv, und damit eckt sie häufig an: „Ich habe das Gefühl, dass wir auf der falschen Fährte sind.“ Oder: „Ich spüre, dass XY der ist, den wir suchen!“ Damit geht sie ihren Kollegen gehörig auf den Geist. Mir allerdings nicht. Ich finde sie durchweg glaubwürdig und wie gesagt äußerst sympathisch.

Inhaltlich will ich gar nicht so viel über den Fall verraten. Nur das: Ich fand ihn spannend. Er durchläuft mehrere Wendungen, die für mich so nicht vorhersehbar waren. Außerdem ist er hervorragend geeignet für Personen, die so zart besaitet sind wie ich. Die Geschichte bleibt nahezu unblutig und Hastrup verliert sich nicht in Beschreibungen von grausamen Details, die dem Opfer angetan werden. Mein Fazit: Absolut lesenswert. Ich werde mir sofort den zweiten Fall zu Gemüte führen.

Engelsgrube

Ich habe es nach der Lektüre von „Kalter Grund“ angekündigt: Ich will mehr Zeit mit Frau Korittki verbringen. Das habe ich gleich getan. „Engelsgrube“ ist der zweite Fall der Kommissarin aus der Feder von Eva Almstädt.

Das Verhältnis der Kommissarin zu ihren Kollegen hat sich entwickelt. Das war abzusehen und wird konsequent weiter umgesetzt. Offenbar hatte ich daran gezweifelt. Dafür, dass ich Unrecht hatte, gibt’s Pluspunkte von mir. Ich habe meine Zeit auch diesmal wieder sehr gern mit Pia und ihren Kollegen verbracht.

Allerdings finde ich den zweiten Fall irgendwie… Äh… Seltsam. Achtung, Spoiler-Alarm: Ein Haufen verwöhnter Menschen, denen Freitags langweilig ist, begeht Auftragsmorde. Ist doch klar: Freitags ist halt nichts los in diesem Lübeck. Was sonst soll man also sont machen?

Egal. Ich habe die Geschichte trotzdem verschlungen und freue mich schon auf die nächste. Darum will ich auch gar nicht mehr Zeit mit dem Schreiben verbringen. Lieber gleich weiterlesen. Mein Fazit: Lesenswert.

Tod und Regen

Die Kommissare Zorn und Schröder sind mir bei einem gemeinsamen Frühstück von einer Freundin empfohlen worden. Als sie kurz aufs Klo verschwunden ist, habe ich die Gelegenheit genutzt, ihr Buch geschnappt und zu lesen angefangen. Die drei Minuten haben genügt, um mich zu überzeugen. „Tod und Regen“ ist der erste Fall der beiden, der von Stephan Ludwig dokumentiert wird. Der war auch mein Einstieg in die Reihe.

Ich finde vor allem die beiden Protagonisten herrlich. Kommissar Zorn, außen hart und innen ganz weich. Extrem gutaussehend, Schlag bei den Frauen, glücklicher Single – ein Traumtyp. Denkt man. Gleichzeitig ist er ausgesprochen arbeitsscheu, sitzt die meiste Zeit rauchend herum, ist aggressiv, ungerecht, unfreundlich und scheucht seinen Assistenten Schröder (eigentlich ein Kollege) herum. Da wir Leser immer wieder Einblicke in Zorns Kopf bekommen wird er all seinen schlechten Eigenschaften zum Trotz nicht unsympathisch. Wir erfahren immer, was er wirklich denkt und wie unfähig er ist, seine wahren Gedanken zu äußern. Er will halt nicht weich wirken. Der Vogel.

Außerdem wird Zorn für seine seltsamen Anwandlungen und seine Arroganz immer wieder vom Leben bestraft. Zum Beispiel im Schwimmbad, als er dem „dicken Schröder“ (sein Spitzname für den etwas übergewichtigen Kollegen) ganz jovial erklärt, er müsse sich keine Sorgen machen, wenn er beim Schwimmen nicht mithalten könne. Er, Zorn, würde sich darüber schon nicht lustig machen. Schröder macht sich auch keine Sorgen, sondern hängt Zorn ganz locker ab und lässt ihn reichlich blöd dastehen. „Das sollten wir öfter machen!“ sagt Schröder. ‚Ganz sicher nicht…“, denkt Zorn.

Wie im Schwimmbad wird Schröder häufig unterschätzt. Von Zorn, vom Leser, von den anderen Kollegen, von den Verbrechern. Schröder lässt nur im äußersten Notfall durchblicken, was er wirklich drauf hat. Ich habe mich jedes Mal über diese Momenten gefreut. Schröder ist dadurch unglaublich sympathisch und es wird deutlich, dass er gar nicht so devot ist, wie ich zunächst vermutet habe. Er weiß sehr genau, was er tut, wenn er Zorns Befehle widerspruchslos ausführt.

Der erste Fall der beiden ist ziemlich blutrünstig und ich habe ein paar Mal überlegt, nicht weiterzulesen, weil ich es nicht aushalten konnte. Das liegt wohl am Schreibstil von Stephan Ludwig. Der Mann hat’s drauf. Eigentlich erzählt er gar nicht so viel von den schrecklichen Dingen, die so passieren. Er lässt sehr viel Raum für meine Phantasie. Das versuchen ja viele Autoren. Aber den wenigsten gelingt es. Mein Fazit: Lesenswert. Ich werde mir gleich den zweiten Fall der beiden besorgen und weiterlesen.

Das Mädchen, das verstummte

Hjorth & Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte
Hjorth & Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte

Ich habe ungeduldig auf dieses Buch gewartet. Schon seit November 2013. Um die Vorfreude hoch zu halten, habe ich mich gezwungen, mit dem Lesen bis zu meinem Urlaub zu warten. Ich habe also vom 15. Oktober an 24 lange Tage auf das Buch gestarrt, bis ich endlich die Folie aufgerissen und mit dem Lesen begonnen habe. Und dann – dann war ich nach 3 Abenden durch. Jetzt heißt es wieder: Warten. Aber diesmal nicht ganz so ungeduldig, denn irgendwie war das alles zwar „ziemlich gut“. Meinen Enthusiasmus vom letzten Jahr kann ich jetzt aber nicht mehr nachvollziehen.

Vielleicht lag es ein wenig am Cliffhanger, den es am Ende des dritten Bandes gegeben hat: Durch einen Türspion wurde ein Schuss direkt ins Auge von Ursula abgefeuert. Die Frage, was nun mit ihr ist, hat mich ein Jahr lang schwer beschäftigt. Die Aufklärung im vierten Band erfolgt nebenbei und völlig unspektakulär. Da habe ich etwas anderes erwartet. Mehr. Nun ja, ich will hier nicht spoilern. Wer wissen will, was mit Ursula ist, kann mich gerne danach fragen. Zu Vanja allerdings möchte ich etwas sagen: Sie geht mir so was von auf den Keks! Übergriffig, selbstgerecht und besserwisserisch. Eine Unperson. Das soll wohl so.

Der Fall selbst ist höchst spektakulär: Eine komplette Familie wird ausgelöscht. Vater, Mutter, zwei Kinder. Alle nacheinander erschossen. Die Reichsmordkommission wird zu Hilfe gerufen, um dem Kommissar vor Ort, der ganz neu in seinem Job ist und unter scharfer Beobachtung steht, unter die Arme zu greifen. Das Team deckt dann auch ziemlich schnell ein entscheidendes Detail auf: Es gab eine Zeugin. Ein zehnjähriges Mädchen, das alles beobachtet hat und dann verschwunden ist. Das Mädchen wird gefunden. Es spricht aber nicht mehr. Dieser Umstand verhilft Sebastian Bergmann zu einer sinnvollen Aufgabe. Er ist ja Psychologe und hat mit Polizeiarbeit wenig am Hut. Er nähert sich dem Mädchen (und seiner Mutter) an und gewinnt ihr Vertrauen.

Wie immer gibt es viele Perspektivwechsel. Der Fall wird aus den Augen fast jedes Beteiligten betrachtet. Gäbe es einen Hund, der eine wichtige Rolle spielte, würde wohl auch ihm ein Kapitel gewidmet werden. Wir Leser bekommen dadurch häufig Vorsprünge, weil wir mehr wissen. Beziehungsweise zu wissen glauben, denn immer wieder handelt es sich um vermeintliche Vorsprünge und falsche oder falsch interpretierte Spuren. Sehr elegant. Die Reichsmordkommission holt jedes Mal schnell auf. Und schließlich gibt es einen Showdown, bei dem zumindest ich zugeben musste: Huch! Damit hatte ich dann doch nicht gerechnet.

Wie gesagt: Total vom Hocker gehauen hat mich das Ganze jetzt nicht. Aber das lag möglicherweise an meinen Erwartungen, die ein Jahr lang Zeit hatten, zu wachsen und jedes realistische Maß zu sprengen. Darum möchte ich trotzdem ein „richtig gut“ vergeben und werde auf jeden Fall den nächsten Band lesen. Einen kleinen Cliffhanger gab es auch diesmal und ich bin besorgt, was sich daraus entwickelt. Mein Fazit lautet also: Absolut lesenswert. Allerdings sollte ein Neuling der Serie bei Band 1 einsteigen. Die ganzen Verstrickungen und Beziehungen der einzelnen Ermittler untereinander sind sonst nur schwer bis gar nicht zu durchschauen.