Archiv der Kategorie: Leseliste

Gelesen im Juli 2017

1) Carolin Emcke „Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF”
Carolin Emcke habe ich in diesem und im vergangenen Jahr auf der Republica gesehen/gehört. Ihre Ernsthaftigkeit in Kombination mit ihrem trockenen Humor und ihre Klugheit, die sie in einer so wunderbaren Sprache äußert, haben mich extrem beeindruckt. Was ich bisher nicht wusste: Sie ist die Patentochter von Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Herrhausen wurde 1989 von der Roten Armee Fraktion getötet. Es war einer der letzten Morde der RAF.

„Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF” erschien im Jahr 2008, also knapp zwei Jahrzehnte nach dem Mord, der noch immer nicht restlos aufgeklärt ist. Es handelt sich um eine Zusammenfassung von Gedanken, Fragmenten und Fragen, die sich im Laufe dieser Zeit in Emckes Kopf angesammelt haben. Und die sie nicht zur Ruhe kommen lassen – weil es keine Antworten auf ihre Fragen gibt. Das Schweigen der RAF zu ihren Taten empfindet sie als Fortsetzung des Terrors: „Wir verlieren unsere Souveränität mehr in unserer Antwort auf den Terror als durch den Akt des Terrors selbst.”

Ich habe etwas länger gebraucht, das Buch zu beenden, weil ich es immer wieder weggelegt habe. Nicht, weil ich es langweilig fand. Im Gegenteil: Ich musste immer wieder Pausen einlegen, um das Gelesene zu verarbeiten oder in der Geschichte der RAF zu recherchieren. Emckes Gedanken haben mir eine neue Perspektive eröffnet. Trotz Schmerz, Trauer und sicher auch Wut hält sie ein Plädoyer gegen Gewalt, wobei sie die Gewalt gegen die Täter einschließt, und für einen gesellschaftlichen Dialog, der den Opfern Antworten auf ihre Fragen und damit Zugang zu Trauer und Verarbeitung ermöglicht. Großartig und unbedingt lesenswert.

2) Paul Auster „4 3 2 1”
Oh weh … Wir starten am 1. Januar 1900 auf Ellis Island, wo Isaac Reznikoff als Ichabod Ferguson sein neues Leben beginnt, nachdem er Wochen zuvor seine Heimatstadt Minsk verlassen hat. 47 Jahre (oder 52 Seiten) später wird Ichabods Enkel Archibald Ferguson geboren, unser Protagonist, dessen Leben wir auf den folgenden 1.206 Seiten etwa 20 Jahre lang begleiten. Stimmt nicht ganz: Tatsächlich begleiten wir vier Versionen von Archibald, denn sein Geburtstag ist gleichzeitig der Tag, an dem die Weichen für vier mögliche Leben gestellt werden.

Auster verändert Kleinigkeiten in der Biographie der einzelnen Archies und lässt uns an den Auswirkungen dieser Veränderungen auf ihre Leben teilhaben. Dass man sich dafür ein wenig ausbreiten möchte, kann ich nachvollziehen. Aber gut 1.200 Seiten hätte es wirklich nicht gebraucht. Denn im Grunde passiert – nichts. Ich habe innerhalb eines Buchs vier Coming of Age-Romane gelesen und hatte Mühe, diese auseinanderzuhalten. Am Ende waren sich die einzelnen Archies viel zu ähnlich, als dass ich wirklich riesige Unterschiede hätte feststellen können.

Auster lässt die vier Archies immer abwechselnd auftauchen, heißt: wir bekommen ihre Leben Abschnittweise serviert. Ich hatte wirklich Mühe, mich zu erinnern, an welcher Stelle wir Archie 1,2, 3 und 4 jeweils verlassen hatten wenn sie plötzlich wieder auftauchten. Ein eher ermüdendes Leseerlebnis, das ich nur fortgesetzt habe, weil ich auf den großen Knall gewartet habe. Der kam dann auch, als ich das Buch schließlich wütend zuschlug, denn zum Schluss begeht Auster einen in meinen Augen unverzeihlichen Fehler: Er interpretiert sein eigenes Werk und erklärt mir, wie ich das alles zu verstehen hätte.

Ich kann 4 3 2 1 nicht empfehlen, das war wirklich langweilig. Wer aber trotzdem gern reinschauen möchte, dem empfehle ich, wie folgt vorzugehen: den 1. Abschnitt auf Seite 11 lesen – hier betritt Archies Großvater Ellis Island – um dann gleich zu Seite 1.250 vorzublättern und mit dem „alten Witz” zu beginnen. Auf Seite 1.255 hat man dann alles verstanden. Wer möchte, kann dann noch die letzten drei Seiten anhängen. Aber das ist freiwillig. Geht in jeder Bahnhofsbuchhandlung.

Den anderen Titeln widme ich weniger Zeilen:

3) Fjodor Dostojewski „Verbrechen und Strafe”
Mein zweiter Versuch, nachdem ich vor 7 Jahren auf Seite 350 aufgegeben habe. Ja, kann man machen. Ist halt ein Klassiker. Aber ich brauche jetzt nicht noch mehr Dostojewski.

4) Eva Almstädt „Dunkler Abgrund”
Ein Sommerkrimi aus der Serie um die Kommissarin Pia Korritki, der deutlich kürzer ausfällt als die anderen Folgen. Hat zur Folge (hehe), dass der Leser an der Lösung des Falls im Grunde nicht beteiligt wird. Wir erfahren alles in einem Gespräch zwischen Korritki und ihren Kollegen am Ende des Krimis, in dem die Kommissarin ihre Gedankengänge darlegt. Fazit: Verzichtbar. Vielleicht noch wichtig für die folgenden Folgen (hehe), dass Korritkis Schwester jetzt verheiratet ist.

5) Michael Kraske „Vorhofflimmern”
Paar zieht mit Teenager-Sohn von Hamburg aufs ostdeutsche Land, Sohn ist links, wird von rechten angegriffen, Polizei tut nichts. Ich dachte, in diesem Roman soll es um rechte Gruppierungen auf dem ostdeutschen Land gehen. Am Ende war es vor allem die Geschichte einer quälend nervigen Beziehungskiste, welche die Seiten gefüllt hat. Und nicht mal gut geschrieben. Kann ich nicht empfehlen.

6) Mark Roderick „Tränen aus Blut – Post Mortem I”
7) „Zeit der Asche – Post Mortem II”
8) „Tage des Zorns – Post Mortem III”
Eine Trilogie, die mich ganz gut unterhalten hat: Profi-Killer und Interpol-Agentin ermitteln im selben Fall, beide werden immer wieder persönlich involviert. An der ein oder anderen Stelle unrealistisch, aber das ist ok. Ich mochte die Protagonisten und hab gern Zeit mit ihnen verbracht. Schade, dass die Serie nicht weitergeführt wird.

Übrigens: Entweder hat der Autor ein schlechtes Gedächtnis ODER er schreibt für Menschen mit schlechtem Gedächtnis. Oder einfach für Leser, die ihre Bücher immer wieder weglegen und später weiterlesen. Jedenfalls liefert Roderick alle paar Seiten kurze Zusammenfassungen des bisher Geschehenen. Aber auf eine ganz gute Art, nervt also nicht.

9) Craig Malkin „Der Narzissten-Test”
10) Jochen Peichl „Warum es auch gut ist, Narzisst zu sein”
Ich packe die beiden Titel zusammen, weil ich sie aus dem selben Grund gelesen habe: Narzissmus ist zurzeit in aller Munde, aber die Betrachtungsweise ist mir zu einseitig. Narzissten werden fast ausschließlich als Täter dargestellt, die Spaß daran haben, ihre Mitmenschen zu manipulieren und ihnen zu schaden. Bücher/Aufsätze/Artikel zum Thema widmen sich hauptsächlich der „Opfer-Sicht”: Wie kann ich mich erfolgreich gegen Narzissten durchsetzen? Wie entferne ich diese schrecklichen Menschen wieder aus meinem Leben? und so weiter.

Peichl und Malkin nehmen eine andere Perspektive ein. Sie beschreiben, was einen Menschen überhaupt zu einem Narzissten macht und verdeutlichen, dass narzisstisches Verhalten mit Blick auf die jeweilige Biografie nachvollziehbar ist. Dabei halten beide keine Plädoyers für Narzissmus. Sie verdeutlichen aber, dass Veränderungen möglich, wenn auch schwierig und anstrengend sind.

Ich kann beide Titel empfehlen; am besten erst Malkin und dann Peichl lesen weil Peichl sich (unter anderem) auf Malkin bezieht.

Gelesen im Juni 2017

1) „Der Lauf der Liebe“ von Alain de Botton

Als langjährige Fänin von Alain de Botton war ich natürlich voreingenommen, aber „Der Lauf der Liebe“ ist wirklich gut. Normalerweise enden Liebesgeschichten, wenn zwei Menschen sich – manchmal nach vielen Irrungen und Wirrungen – endlich gefunden und füreinander entschieden haben. In den meisten Fällen markiert dieser Punkt in einer Geschichte das so genannte „Happy End“. Danach folgen Alltag und Routine, die es zu gestalten gilt. Daran wollen wir normalerweise nicht teilhaben und darum enden die Geschichten mit dem Happy End. In de Bottons Geschichte von Rabih und Kirsten schauen wir uns aber genau diesen Part an: Was bedeutet es eigentlich, sich (immer wieder aufs Neue) füreinander zu entscheiden? Der Autor wechselt in der ihm eigenen Manier die Perspektive zwischen Erzähler und Analytiker und ich habe am Ende verstanden, dass selbst ein im Ikea stattfindender Streit über die Auswahl der richtigen Gläser ein richtungsweisendes Ereignis in einer Beziehung sein kann, das es zu meistern gilt. Ich kann die Lektüre jedem empfehlen, der etwas über zwischenmenschliche Beziehungen lernen möchte – egal, ob Single oder in einer Partnerschaft.

2) „Into the Water“ von Paula Hawkins

Nachdem ich im Juni 2015 mit einiger Begeisterung „Girl on the Train“ gelesen habe, war ich gespannt auf den neuen Erguss von Paula Hawkins. Was soll ich sagen? Ich wurde ganz gut unterhalten, aber begeistert bin ich diesmal nicht. Was mich seinerzeit an „Girl on the Train“ so fasziniert hat war die Tatsache, dass ich die Protagonistin mit ihren Alkoholexzessen, ihrem Hang zum Stalken ihres Exfreundes und ihren peinlichen Aktionen im Suff eigentlich hätte furchtbar finden müssen. Aber ich fühlte mich mit ihr verbunden. In „Into the Water“ versucht die Autorin diesen Trick erneut, aber er funktioniert bei mir nicht mehr so gut. Die Geschichte von Julia, die versucht, den Tod ihrer Schwester Nel aufzuklären, ist sehr konstruiert. Die vielen Zeitsprünge empfand ich als verwirrend. Am Ende gibt es eine Wendung, die mich wirklich überrascht hat. Das kann aber einfach daran liegen, dass ich beim Lesen nicht richtig aufmerksam war. Fazit: Trotz tiefem Wasser nur seichte Unterhaltung (sorry, der musste sein).

3) „Schwarzwasser“ von Andreas Föhr

Der siebte Fall für Wallner und Kreuthner – darauf hatte ich mich schon lange gefreut! Und ich wurde nicht enttäuscht. Alles ist wie immer: Leichen-Leo stolpert über einen Toten, Großvater Manfred hängt irgendwie mit drin (bzw. am Tatort rum), Wallner versucht, seriöse Arbeit zu machen und ermittelt – während die komischen Vögel um ihn herum so viel Mist bauen, dass der Fall eigentlich gar nicht aufgeklärt werden dürfte. Wird er dann aber doch (sorry, Spoiler). Ob trotz oder wegen des ganzen Mists, der da gebaut wird, ist fraglich. Aber das macht die Wallner-Kreuthner-Serie aus. Ich finde die Geschichte um den Toten, den es eigentlich gar nicht geben darf, grandios konstruiert. Die vielen Wendungen sind überraschend, auf ihre Art an den Haaren herbeigezogen aber in sich stimmig. Ich hab wieder viel über Kreuthner gelacht. Große Begeisterung auf meiner Seite. Nachdem ich im vergangenen Jahr Andreas Föhrs „Eisenberg“, seines Zeichens Auftakt einer neuen Serie des Autors um eine Anwältin, entnervt weggelegt habe, weil das wirklich so unglaublich großer Murks ist, kann ich nun aber nicht beurteilen, ob Schwarzwasser wirklich so gut ist oder ob ich einfach große Fänin von Michael Schwarzmaier bin. Schwarzmaier ist der Sprecher, der die Geschichten um Wallner und Kreuthner so unendlich gut vorliest (ich habe sämtliche Fälle der beiden als Hörbuch konsumiert). Von der Lektüre von „Eisenberg“ möchte ich an dieser Stelle dringend abraten.

4) „Ihr einziges Kind“ von Barbara Wendelken

„Ihr einziges Kind“ ist mein dritter Martinsfehn-Krimi, nachdem ich Noola van Heerden und Renke Nordmann im Mai bei der Aufklärung ihrer ersten beiden Fälle begleitet habe. Den Auftakt der Serie fand ich einigermaßen misslungen, weil mir die Protagonisten so auf den Sack gegangen sind. Der zweite Teil gefiel mir schon besser. Der dritte schließlich war ganz ok. Ich fände nur gut, wenn die Autorin ihre Vorliebe für bescheuerte Namen ablegte … Egal. Es geht um Cord und Silvana Cassjen, die eigentlich überglücklich sein müssten, nachdem ihr kleiner Sohn Casper gesund auf die Welt gekommen und als Stammhalter für das Familienerbe fix eingeplant ist. Allerdings leidet Silvana an einer Wochenbettpsychose (davon hatte ich bisher noch nichts gehört) und wittert überall Gefahren. Cord wird erschossen (kein Spoiler, passiert gleich zu Beginn), Silvana und der kleine Casper verschwinden und Großmutter Margit, Herrscherin über das Familienvermögen, versucht, die Ermittlungen in Gang zu bringen – da Noola und Renke ihrer Ansicht nach nicht aus den Pötten kommen (eine Sichtweise, die sich im Übrigen mit meiner deckt). Die Geschichte nimmt ein paar unerwartete Wendungen, die ich ganz gut fand, genau wie die Auflösung am Ende. Insgesamt hätte die Autorin uns allen aber viel Zeit sparen können, wenn sie nicht ganz so viele Leute so ausführlich eingeführt hätte. An den Dialogen sollte sie auch noch feilen. Ich bin nicht sicher, ob ich mich noch mal mit Noola und Renke auf die Tätersuche begeben werde. Die beiden gingen mir einmal mehr gehörig auf den Sack. Tatsächlich sieht es so aus, als wären sie jetzt ein Paar geworden … Also: eingeschränkte Leseempfehlung.

5) „Bruderlüge“ von Kristina Ohlsson

Mit „Bruderlüge“ setzt Ohlsson die Geschichte um Martin Benner fort, die in „Schwesterherz“ (hab ich letzten Monat gelesen) ihren Anfang nahm. Hm. Ich wollte ja weiterlesen, nachdem ich nun schon den Anfang der Geschichte kannte. Aber beeindruckt von der Auflösung bin ich nicht. Was ich im ersten Teil schon geahnt habe, wird im zweiten Teil bestätigt: Benner ist privat in die Geschichte involviert. Nein, das ist kein Spoiler, sondern die einzig logische Begründung dafür, dass Bobby Tell im ersten Teil an seine Tür geklopft und ihn um Hilfe gebeten hat. Alles andere wäre großer Quatsch. Na ja, aber großer Quatsch ist trotzdem dabei, denn die Art und Weise, wie Benner involviert ist, finde ich völlig daneben … Ich bin froh, dass ich jetzt durch bin. Auch wenn das am Ende nur bedeutet, zu wissen, dass ich nichts verpasst hätte wenn ich mir den zweiten Teil gespart hätte. Fazit: Ja, kann man schon lesen. Vielleicht, um das Sommerloch zu füllen.

6) „Ich bin böse“ von Ali Land

„Ich bin böse“ hat mich tatsächlich beeindruckt. Schon der Klappentext hat mich angefixt: Ein 15jähriges Mädchen, Tochter einer Serienmörderin, landet schwer traumatisiert in einer Pflegefamilie, nachdem sie der Polizei die entscheidenden Hinweise zur Ergreifung ihrer Mutter gegeben hat. Die Mutter hat mehrere Kinder entführt, in ihrer Wohnung gefangen gehalten, grausam gequält und schließlich umgebracht – und ihre Tochter Annie musste dabei zusehen. Nun wohnt Annie unter ihrem neuem Namen Millie bei ihrer Pflegefamilie. Pflegevater Mike ist Psychologe. Er bereitet Millie darauf vor, vor Gericht gegen ihre Mutter auszusagen. Dessen leibliche Tochter Phoebe wird nicht nur Millies Pflegeschwester, sondern auch ihre Klassenkameradin. Und ihr größter Albtraum, denn Phoebe hasst Millie vom ersten Moment an. Sie beginnt, Millie in der Schule zu mobben. Und dann wird Millie zu einem Albtraum, denn sie hat bei der Besten gelernt – und Phoebe hat sie unterschätzt. Ich war ständig hin- und hergerissen zwischen Empathie und Abscheu. Muss man Millie aufgrund ihrer Vergangenheit verzeihen? Ist ihr Verhalten nicht nachvollziehbar? In diesem Roman sind sämtliche Figuren vielschichtig, es gibt keine Heldin und keinen Helden, niemanden, der uneingeschränkt meine Zuneigung bekommen hat. Jeder scheint eine Hidden Agenda zu verfolgen. Die Geschichte ist immer wieder aufs Neue überraschend. Ich war die ganze Zeit über gefesselt und kann die Lektüre uneingeschränkt empfehlen.

7) „Glaube, Liebe, Tod“ von Peter Gallert und Jörg Reiter

Wieder ein Auftakt für eine neue Serie, diesmal um den Polizeiseelsorger Martin Bauer. Auch hier wieder positive Überraschung auf meiner Seite, denn Bauer war mir vom ersten Moment an unglaublich sympathisch. Er eckt aufgrund seiner unkonventionellen Art bei den Kollegen an, die ihn gleichzeitig genau dafür sehr schätzen – ein bekanntes Phänomen. Gleich zu Beginn versucht Bauer, einen Selbstmörder vor dem Sprung in den Tod zu bewahren. Der Mann, selbst Polizist, steht auf einer Dortmunder Brücke und will sich in die Tiefe stürzen. Bauer springt selbst – und lässt sich von dem lebensmüden Polizisten retten. Einen Tag später finden sie die Leiche des Polizisten; er soll sich mit einem Sprung von einem Parkhausdach das Leben genommen haben. Während der Fall für die Polizei abgeschlossen ist, lässt er Bauer keine Ruhe. Er kann nicht glauben, dass es sich um einen Selbstmord handelt. Darum beginnt er, auf eigene Faust zu ermitteln. Ein gutes Debut, ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

8) „Der Augensammler“ von Sebastian Fitzek

Leider nein, leider gar nicht! Über das erste Drittel bin ich nicht hinausgekommen. Ich bin ausgestiegen als klar wurde, dass sich sämtliche Ermittlungen auf die Visionen eines Mediums stützen – das ist mir zu schräg. Und zu einfach. Wann immer der Autor nicht weiterweiß, lässt er das Medium eine neue Spur spoilern oder was? Ein Lektor hätte dem Text auch gut getan. Ich kann „Der Augensammler“ niemandem empfehlen.

9) „Der Hirte“ von Ingar Johnsrud

Und nochmals: Leider nein, leider gar nicht. Dieser Autor versucht es mit Nazis und dem Ekelfaktor: ausführlich und detailreich beschreibt er die Auswirkungen von Bomben und Pocken und wissenschaftlichen Versuchen auf den menschlichen Körper und spannt einen Bogen ins Dritte Reich. Spannung kommt dabei nicht auf. Die Geschichte ist langweilig, die Charaktere substanzlos. Ich hab früh den Faden verloren, immer wieder versucht, reinzukommen und schließlich entnervt aufgegeben. Keine Empfehlung. Interessanterweise handelt es sich auch hierbei um den Auftakt zu einer Serie. Der Frühling scheint auch literaturtechnisch die Zeit des Neubeginns zu sein.

Gelesen im Mai 2017

1) „Das Dorf der Lügen“ von Barbara Wendelken

Der erste Martinsfehn-Krimi um das Duo Nola van Heeren und Renke Nordmann. Die Story war lame und konstruiert, die Ermittler gingen mir auf den Sack – erwachsene Menschen, die nicht dazu in der Lage sind, einen normalen Dialog miteinander zu führen, zwischen denen es aber unsagbar kribbelt … In mir kribbelte es auch ständig, ich wollte die beiden mit den Köpfen aneinanderknallen. Trotzdem habe ich nicht nur bis zum Ende durchgehalten, sondern die beiden auch gleich bei ihrem zweiten Fall begleitet. Ja, ich weiß.

2) „Im Grab schaust du nach oben“ von Jörg Maurer

Über ein Jahr habe ich auf den neuen Jennerwein gewartet – und ihn dann in einem Rutsch durchgelesen. Ich hab keine Minute bereut, im Gegenteil: Ich hätte langsamer lesen sollen. Maurer schafft es immer wieder, mich richtig zum Lachen zu bringen. Im Gegensatz zum Münsteraner Tatort geht das aber nicht auf Kosten der Handlung. Denn die ist hier geballt. Im schönen Kurort findet der G7-Gipfel statt, Globalisierungsgegner campen auf den Weiden und demonstrieren, während einer wirklich schönen Beerdigung wird höchster Alarm bei den amerikanischen Geheimdiensten ausgelöst, weil der siebte Böllerschuss ein Rohrkrepierer ist, und gegen Ende müssen wir uns von einem liebgewonnenen Charakter verabschieden. Eventuell sogar für immer. Großartig. Ich zähle schon die Tage bis nächstes Jahr!

3) „Nullzeit“ von Juli Zeh

Ich hatte ja angekündigt, dass Frau Zeh auf meinem Nachttisch liegt und gelesen werden möchte. Nullzeit ist eine sehr gut aufgebaute Geschichte um eine intrigante Person, die einen perfiden Plan verfolgt. Um mal ein paar Adjektive einzustreuen. Eine feine Lektüre für zwischendurch, hat mich jetzt aber nicht so umgehauen wie „Spieltrieb“ oder „Unter Leuten“.

4) „Corpus Delicti“ von Juli Zeh

Weiter ging es mit Frau Zeh. Corpus Delicti ist ein Blick in die Zukunft – und eigentlich mag ich keine Science Fiction. Schon gar nicht, wenn sie so offensichtlich als Gesellschaftskritik daherkommt mit Überwachungsstaat und gläserner Mensch und was weiß ich nicht alles. Schon nach ein paar Seiten hatte ich den Drang, das Buch wieder zuzuklappen. Hab ich dann aber doch nicht gemacht. Zum Glück, denn Corpus Delicti hinterlässt mich schwer beeindruckt. Die Charaktere entwickelt Frau Zeh glaubhaft, die Tragik der einzelnen Biografien hat mich berührt und die Geschichte nimmt immer wieder für mich völlig unerwartete aber trotzdem nachvollziehbare Wendungen. Sehr empfehlenswert also.

5) „Hasenjagd“ von Lars Kepler

Der sechste Fall für Joona Linna hat mich gar nicht überzeugt. Im Gegenteil: ich war genervt. Der Hasenmann, der Menschen tötet … Einfach nur albern.

6) „Die stille Braut“ von Barbara Wendelken

Ich hab ja schon gesagt, dass ich mir auch den zweiten Martinsfehn-Krimi um van Heerden und Nordmann angetan habe. Tatsächlich war der auch schon besser als der Erste. Die Protagonisten gingen mir zwar weiterhin mit ihren bescheuerten Streits und Meinungsverschiedenheiten auf den Keks, aber die Handlung war sehr viel spannender und besser aufgebaut. An einem Badesee wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Zurechtgemacht wie eine Braut. Nachdem die Identität der Frau geklärt ist, geht es los: ich bin von einer Falle in die nächste getappt. Die Autorin legt Spuren, löst sie wieder auf und hat mich immer wieder auf falsche Fährten geführt. Die Auflösung hat mich dann auch überrascht. Band drei liegt schon bereit. Wenn die beiden Ermittler allerdings ernsthaft ein richtiges Paar werden – dann weiß ich auch nicht weiter.

7) „Fundbüro“ von Siegfried Lenz

Der Roman ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und Warmherzigkeit, gegen das ewige Streben nach Erfolg und Aufstieg. Und das, ohne dabei polemisch oder sonstwie aufdringlich zu sein, mit einem ganz zarten Humor, der mich berührt hat. Ich durfte eine Handvoll sehr sympathischer Menschen eine zeitlang begleiten und habe jeden einzelnen von ihnen ins Herz geschlossen. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist das Fundbüro im Bahnhof, in dem unser Protagonist Henry Neff seine Arbeit aufnimmt. Er begegnet täglich Menschen, die etwas verloren haben, Menschen, die sich darüber freuen, den verlorenen Gegenstand zurückzubekommen, Menschen, die auf verrückte Art und Weise beweisen müssen, dass das Fundstück auch wirklich ihnen gehört. Und er findet Freundschaft, Loyalität und Solidarität. Am Ende hat das Wort „Verlierer“ eine ganz neue Bedeutung für mich bekommen. Schön.

8) „Schwesterherz“ von Kristina Ohlsson

Schwesterherz ist der erste Fall für Anwalt Martin Benner, ein schwedischer Thriller, der mich an eine amerikanische Detektiv-Story erinnert. Wir starten mit einem Interview: Benner sitzt einem Journalisten gegenüber, dem er eine heftige Geschichte erzählt, in die er von einem Klienten hineingezogen wurde. Benner soll die Unschuld von dessen Schwester Sara beweisen. Posthum, denn Sara hat sich das Leben genommen, nachdem sie nicht weniger als fünf Morde gestanden hat. Ich finde die Geschichte mit ihren Wendungen gut aufgebaut. Was mir nur echt auf den Keks ging, waren die ständigen Cliffhanger vor den Perspektivwechseln zwischen Interview und Ich-Erzählung, die wohl für eine gleichmäßige Spannungskurve sorgen sollen. Die Autorin bedient sich zum weiteren Spannungsaufbau zusätzlich der Holzhammermethode, indem sie zwischen Benner und dem Journalisten immer Dialoge wie: „Aber das ist ja schrecklich!“ – „Ja, aber es kommt noch viel schlimmer!“ oder: „Sie glauben, das war schon schlimm? Hah! Das war noch längst nicht alles! Warten Sie ab, was JETZT kommt!“ stattfinden lässt. Aber ansonsten schön kurzweilig. Ich denke, ich werde Benner auch bei seinem nächsten Fall begleiten.

9) „Federgrab“ von Samuel Bjork

Nach dem Hasenmann jetzt der Eulenmann … Das war echt zu viel für mich. Ähnlich wie Ohlsson braucht auch Bjork die Holzhammermethode, um mir klarzumachen, wie schrecklich brutal und grausam die Morde sind, denen ich in Federgrab beiwohnen darf. Dazu die beiden Ermittler, die sich seit ihrem letzten Auftritt in „Engelskalt“ null weiterentwickelt haben: Munch hat Kopfschmerzen, Mia säuft und nimmt Tabletten, die anderen bewundern die beiden, weil sie so großartige Ermittler sind (das weiß ich, weil der Autor es immer wieder – ganz subtil natürlich – einfließen lässt), niemand schläft … Nee. Das war nichts. Ach, fast vergessen: Trinkspiel-Alarm! Immer, wenn das Wort „abermals“ verwendet wird, könnte man einen Kurzen trinken – und stünde vermutlich nach ca. 40 Seiten am Rande einer heftigen Alkoholvergiftung.