Archiv der Kategorie: Belletristik

Spieltrieb

Heute habe ich zum ersten Mal nach gut zwei Jahren wieder das Bedürfnis, einem gerade beendeten Roman ein paar Zeilen zu spendieren. Ich habe in der Vergangenheit sehr viel gelesen. Und es war auch sehr viel Gutes dabei. Aber nichts davon hat den Drang ausgelöst, meine Gedanken mit jemandem zu teilen. „Spieltrieb” von Juli Zeh hat mich umgehauen. Und das will raus. Wie so oft ist es weniger die Handlung als vielmehr die verwendete Sprache, die mich fasziniert und – achtung, Wortspiel! – sprachlos zurücklässt. Ich weiß gar nicht so recht, was ich jetzt sagen soll.

Juli Zeh, „Spieltrieb“

Ich habe ein paar Tage mit Ada, Alev und Smutek verbracht. Alles spannende und ungewöhnliche Charaktere, die Zeh glaubhaft konstruiert. Das Spiel, das die drei miteinander treiben, hat mich zunächst nur am Rande interessiert. Mich haben die Dialoge gefesselt, welche die Protagonisten miteinander geführt haben. Dass das Spiel einen sich zurzeit vollziehenden gesellschaftlichen Wandel aufzeigt und mir meine eigene Kleinbürgerlichkeit vor Augen führt, ist mir erst am Ende klar geworden, als Ada ihr flammendes Plädoyer hält. Hier ein Auszug:

“Der ideale Mensch ein geistig-sittliches Wesen? Nicht isoliert und selbstherrlich? Gebunden an und bezogen auf die Gemeinschaft? […] Wir wollen keine Gemeinschaft. Wir wollen unsere Ruhe. Nennen Sie es isoliert. Nennen Sie es selbstherrlich. Wir sind der banalen und kleinkrämerischen Reglementierungen müde, die uns bei Strafe zwingen, ein Licht an unser Fahrrad zu schrauben, mit dem Rauchen bis zum sechzehnten Lebensjahr zu warten und unsere Autos für zwei Euro pro Stunde in ein Kästchen zu stellen, das irgendjemand fein säuberlich auf den Boden gemalt hat, während wenige Flugstunden entfernt ganze Welten verbrennen, vertrocknen, ersaufen, explodieren, verbluten.” (S. 551)

Ich habe das Buch erst vor einer halben Stunde zugeschlagen und habe jetzt schon das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Vielleicht lese ich es noch einmal. Vielleicht widme ich mich aber auch erst einmal ein paar anderen Romanen von Juli Zeh. Da gibt es ja schon ein paar. Zum Beispiel „Unter Leuten”, das ich ebenfalls empfehlen kann. Dieser Roman war im November des vergangenen Jahres mein Einstieg in Zehs Werk. Auf meinem Nachttisch liegen „Nullzeit” und „Corpus Delicti” bereit. Ich bin gespannt.

Gleis 4

Nach all den Krimis und Thrillern war es mal wieder Zeit für einen Roman. „Gleis 4“ von Franz Hohler ist mir wie so oft ganz zufällig in die Hände gefallen. Ich habe die ersten Seiten gelesen und beschlossen, den Roman mitzunehmen. Ich habe es nicht bereut.

„Darf ich Ihren Koffer tragen?“ Mit diesem Satz fängt alles an. Eigentlich eine nette Geste, denn Isabelle sollte ihren schweren Koffer wirklich nicht selbst die Treppe hochtragen. Aus gesundheitlichen Gründen. Der Mann, der ihr freundlicherweise behilflich ist, offenbar auch nicht: Oben auf Gleis 4 angekommen kippt er um und ist tot.

Isabelle ist eigentlich auf dem Weg in den Urlaub. Daran ist nach dem tragischen Zwischenfall am Bahnhof aber nicht mehr zu denken. Stattdessen begibt sie sich auf die Suche nach der Vergangenheit des Mannes. Dabei hilft ihr sein Handy, das sie aus Versehen eingesteckt hat und das bald darauf zu klingeln anfängt. Und die Witwe des Verstorbenen, die aus Kanada anreist, um seine Angelegenheiten zu regeln.

Ich fand die Geschichte herrlich unaufgeregt und trotzdem fesselnd. Zwischen Isabelle und der Witwe des Verstorbenen entspinnt sich eine warmherzige Freundschaft, die beide Frauen so nicht erwartet haben. Das fand ich sehr berührend. Ein wenig seltsam und im Grunde überflüssig fand ich die Ausflüge in Richtung Vodoo-Zauber. Die brauchte es meiner Meinung nach nicht. Dafür entschädigt hat mich das Ende: Nach dem ganzen Vodoo brauchte ich keine unrealistischen Zufälle – und die gab es auch nicht. Zum Glück.

Mein Fazit lautet dementsprechend: Auf jeden Fall lesenswert.

Ich wünsche mir, dass endlich mal was Schönes passiert

Trixi von Bülow "Ich wünsche mir, dass endlich mal was Schönes passiert"
Trixi von Bülow „Ich wünsche mir, dass endlich mal was Schönes passiert“

Der Buchtitel und ein vielversprechender Anfang haben meine Kaufentscheidung beeinflusst. Im Prolog von „Ich wünsche mir, dass endlich mal was Schönes passiert“ sitzt die Ich-Erzählerin, Friederike Berger, mit ihrer Freundin Johanna am Meer. Sie spürt mit großer Erleichterung, dass endlich einmal Stille in ihrem Kopf herrscht – und beschreibt damit einen Zustand, den ich mir selbst oft herbeiwünsche. In der Retrospektive erfahren wir, was denn alles dazu geführt hat, dass „Fritzi“ diese Auszeit am Meer benötigt. Und danach was im Anschluss daran passiert.

Ich habe schon während der ersten 60 Seiten eifrig Leseempfehlungen ausgesprochen, weil ich begeistert war und mich festgelesen hatte. Im Laufe der Lektüre ging meine Begeisterungskurve allerdings steil nach unten. Trixi von Bülow hat durchaus gute Momente. Sie hat einen guten Stil – allerdings nur zeitweise. Die Geschichte ist ansprechend und hat mich berührt – allerdings nur am Anfang. Und zwischendrin noch ein zwei Mal ganz kurz. Der Rest hätte auch in einem Romanheftchen vom Bahnhof stehen können.

Ebenso ging es mir mit Fritzi. Hin und wieder fand ich sie toll. 40 Jahre alt, geschieden, eine Tochter, gute Freunde. Eigentlich ganz selbstbewusst im Job – sie ist Lektorin – aber immer wieder völlig verunsichert von den normalen Dingen des Alltags. Das fand ich sympathisch. Eine Identifikationsfläche. Bis sie mit ihren 40 Jahren auf so einen 29-jährigen Surflehrer hereinfällt, der alles flachlegt, was nur lange genug stillhält. Wobei: Sie fällt mehr auf sich selbst und ihre Phantasie herein, denn der Typ macht ihr eigentlich keine großen Hoffnungen. Also: Ganz nüchtern und nicht verliebt von außen betrachtet zumindest war die Sache völlig klar. Wie auch immer. Sie benimmt sich wie eine 15-jährige und der Junge bricht ihr das Herz.

Nach dieser gescheiterten Affäre stürzt sie sich in die nächste Beziehung, die ebenfalls zum Scheitern verurteilt ist. Diesmal mit einem 64-jährigen mehr väterlichen Typ. An dieser Stelle bekommen wir Leser für meinen Geschmack viel zu viele Informationen über den Einsatz von Viagra und Ähnlichem. Das sollte die Geschichte wohl humoristisch auflockern, hat mich aber nur genervt. Ich habe tapfer weitergelesen bis schließlich das kam, was kommen musste: Fritzis Erkenntnis. Die Erkenntnis dessen, was eigentlich wichtig ist im Leben und was man alles loslassen kann und wer für das eigene Glück verantwortlich ist und wie man sein Leben führen kann, um unabhängig, sich selbst treu und froh zu sein (und zu bleiben). Und dass man Männern nicht hinterherlaufen soll. Und an der Stelle, an der Fritzi dann alles loslässt und alles beherzigt, was sie erkannt hat, stellt sich was von ganz alleine ein? Na? Richtig geraten! Das Glück. In Form eines Mannes. Natürlich.

In meiner eigenen Retrospektive kann ich nur schwer verstehen, wie ich anfänglich so begeistert sein konnte von einem Roman, der sich am Ende als seichte Frauenliteratur (sorry) mit extrem schwachem weil heftig an den Haaren herbeigezerrtem Happy End entpuppt hat (für das sich die Autorin im Nachwort auch noch rechtfertigt). Eine Leseempfehlung kann ich nicht mehr aussprechen.

Die Betäubung

"Die Betäubung", Anna Enquist
„Die Betäubung“, Anna Enquist

Das Buch ist mir mehr zufällig in die Hände gefallen. Ich war eigentlich schon auf dem Weg zum Ausgang der Buchhandlung, enttäuscht darüber, keinen neuen Lesestoff gefunden zu haben. Es war einmal mehr der Anfang des Klappentextes, der mich angesprochen hat: „Die einen stürzen sich in die Arbeit, um sich abzulenken, andere verlieren den Boden unter den Füßen. Können wir den Verlust eines geliebten Menschen wirklich jemals verwinden?“ Eine Frage, die mich dieses Jahr selbst umtreibt. Vielleicht war es ein wenig die Hoffnung, endlich eine Antwort zu bekommen. Auf jeden Fall hab ich nicht groß weitergelesen, sondern bin gleich zur Kasse marschiert.

Wir lernen Drik de Jong kennen, einen Psychotherapeuten, dessen Frau wenige Monate zuvor nach schwerer Krankheit gestorben ist. Und wir treffen Driks Schwester Suzan, Anästhesistin, welche die beiden durch die Zeit des Abschiednehmens begleitet hat. Suzan ist verheiratet mit Peter, seines Zeichens der beste Freund von Drik und Psychiater. Die Berufe der drei sind entscheidend für die Handlung, darum erwähne ich sie. Drik hat aufgehört zu arbeiten, während seine Frau im Sterben lag. Jetzt, ein paar Monate nach ihrem Tod, nimmt er seine Arbeit wieder auf: Er behandelt den Psychologiestudenten Allard, der von Peter sozusagen an ihn überwiesen wurde. Für eine Lehrtherapie.

Allard sorgt für reichlich Unruhe. Vermutlich kann er nichts dafür. Aber er ist mir so was von unsympathisch, dass ich ihm gern die Schuld für das Auseinanderbrechen der einzelnen Personen geben möchte und ihm tatsächlich einen gewissen Vorsatz unterstelle. Allard bringt zunächst Drik an den Rand der Verzweiflung: Er kommt einfach nicht an ihn heran. Immer, wenn Drik glaubt, etwas verstanden zu haben und ihm näher zu kommen, macht Allard wieder dicht. Im Laufe der Therapie beschließt Allard, seinen Job zu wechseln. Er möchte plötzlich nicht mehr Psychiater sondern Anästhesist werden und landet – natürlich – in der Abteilung von Suzan. Mit der er ein Verhältnis beginnt. Es ist nicht ganz klar, ob Allard weiß, in welchem Verhältnis Drik und Suzan zueinander stehen. Wie gesagt: Ich neige dazu, ihm einen Vorsatz zu unterstellen. Vielleicht ist es sein perfider Plan, die Familie auseinanderzureißen?

Als Allard in der Therapie von seinem Verhältnis zu Suzan erzählt, wäre das der Moment (oder: einer der vielen Momente) für Drik, die Behandlung abzubrechen. Er ist schließlich befangen. Stattdessen beschließt er, Allard weiter zu behandeln und lieber Suzan und ihren Mann Peter zu meiden, um nicht zwischen die Stühle zu geraten. Ab hier können wir regelrecht dabei zulesen, wie Drik mehr und mehr vereinsamt und ein waschechtes Alkoholproblem entwickelt. Auch Suzan, deren Perspektive wir Leser immer wieder einnehmen, verzweifelt mehr und mehr. Sie weiß, dass ihr heimliches Verhältnis mit einem Schutzbefohlenen nicht in Ordnung ist – sie ist Allards als Mentorin zugeteilt. Und dann zieht sich ihr Bruder von ihr zurück und sie versteht (im Gegensatz zu uns Lesern) nicht, wieso.

Allard richtet noch sehr viel mehr an (auch hier wird meine eindeutige Schuldzuweisung wieder deutlich). Aber ich möchte nichts davon verraten; die Überraschungseffekte sind wichtig für die Handlung. Wahrscheinlich ist er nur eine verletzte und verzweifelte Seele. Er verdient eher mein Mitgefühl. Aber mit ihm geht es mir wie mit Gargamel: Den konnte ich als Kind einfach nicht ertragen. Ich wollte bloß den Schlümpfen zuschauen, wie sie in ihrem Dorf leben und Spaß haben. Der Blödmann mit seiner fiesen Katze sollte sie in Ruhe lassen. Das gleiche denke ich von Allard: Wieso lässt er nicht einfach alle in Ruhe?

Ich habe ziemlich lange für das Buch gebraucht und war zwischendurch immer wieder versucht, es nicht zu beenden, sondern wegzulegen. Tatsächlich war es schwere Kost. Zum einen durch die Handlung, die vielleicht doch zu nah an mir dran war. Zum anderen durch die plastischen Schilderungen der Operationen. Ich bin da ein wenig zart besaitet und hab das ein oder andere Mal ganze Passagen übersprungen, weil ich die detaillierten Infos zum Beispiel über die Entfernung einer Gallenblase einfach nicht aushalten konnte.

Im Epilog habe ich erfahren, dass Anna Enquist, die Autorin, selbst Psychiaterin ist. Die Arbeit von Drik und Peter konnte sie dementsprechend gut beschreiben. Für ihr Buch hat sie an dem Projekt „Schriftsteller auf der Abteilung“ teilgenommen und eine ganze Weile in der Anästhesie verbracht. Dort konnte sie den Ärzten genau auf die Finger schauen. Wir bekommen also einen realistischen Blick hinter die Kulissen der Arbeit von Therapeuten und Ärzten. Das fand ich hochinteressant und überhaupt nicht langweilig – die Informationen sind nicht einfach schulmeisterlich eingestreut („Guck mal, was ich alles weiß!“) sondern tatsächlich ein wesentlicher Teil der Handlung. Manchmal halt ein wenig zu detailliert für meine Nerven.

Die Geschichte lässt mich bedrückt und desillusioniert zurück. Aber ich bin froh, sie gelesen zu haben, weil sie mich wirklich berührt und bewegt hat. Ich kann für „Die Betäubung“ auf jeden Fall eine Leseempfehlung aussprechen.

Die Frau auf der Treppe

Hm. Der neueste Erguss von Bernhard Schlink ist überhaupt nicht meins. Er ging mir sogar tierisch auf den Keks. Das mag an der Stimme von Charles Brauer gelegen haben, dem ehemaligen Tatort-Kollegen von Manfred Krug (ich habe „Die Frau auf der Treppe“ als Hörbuch konsumiert). Vielleicht fand ich auch einfach die Geschichte blöde. Oder die Protagonisten. Oder es kam einfach alles zusammen.

Ich mochte den Ich-Erzähler zum Beispiel überhaupt nicht. Ein älterer Jurist. Unemotional, überlegt, steif, völlig humorlos und – vor allem, was seine erste große Liebe angeht – total naiv. Er erzählt uns von eben dieser großen Liebe, die inzwischen 40 Jahre zurückliegt. Irene. Er lernt sie in jungen Jahren kennen, weil ihr Mann und ihr neuer Lebensabschnittgefährte miteinander um ein Bild – und gleichzeitig um Irene – streiten. Irene ist auf dem Bild dargestellt. Beide Männer wollen sie. Auf die eine oder andere Art. Unseren Ich-Erzähler schalten sie als Rechtsbeistand ein.

Long Story short: Der Ich-Erzähler verliebt sich furchtbar in Irene. Sie klaut das Bild und verlässt alle drei Männer. Sie taucht unter und erst 40 Jahre später wieder auf. In einer verlassenen Bucht, wo sie in einem halb verfallenen Haus so eine Art Einsiedlerleben führt. Das Bild, das 40 Jahre lang mit ihr verschollen war, wird in der Art Gallery von Sidney ausgestellt und führt somit die Herren zu Irene (die genau das mit der Ausstellung des Bildes erreichen wollte) und damit alle wieder zusammen. Irene ist inzwischen todkrank und hat nicht mehr viel Zeit. Ihre letzten Wochen / Tage will sie nutzen, um – ja. Um was zu tun? Keine Ahnung.

Ich finde diese Zusammenkunft furchtbar konstruiert. Vermutlich geht es darum, aufzuzeigen, wie der Ich-Erzähler sich wandelt. Von diesem unemotionalen, überlegten, stocksteifen, humorlosen und naiven Anwalt hin zu einem Menschen, der kritisch auf sein Leben zurückblickt und plötzlich Gefühle entwickelt und ständig heult. Erinnerte mich stark an die Entwicklung, die Homo Faber durchmacht. Aber nicht annähernd so gut. Braucht es dafür so eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte? Hm… Ok, die brauchte es bei Homo Faber ja auch. Trotzdem war mir der sehr viel lieber.

Ich mochte sie alle nicht: Den Maler nicht, den Ehemann nicht, Irene nicht, den Anwalt nicht. Alle unsympathisch. Alle humorlos. Alle gealtert ohne sich entwickelt zu haben. Die plötzliche Entwicklung des Anwalts innerhalb weniger Tage empfinde ich darum als unglaubwürdig. Achtung, Spoiler-Alarm: Irene verschwindet am Ende einfach. Vermutlich ist sie ertrunken, aber ihre Leiche wird nicht gefunden. Es kann also sein, dass sie, ihrer schweren Krankheit zum Trotz, doch noch lebt. Das macht mir Angst. Ich hoffe, Schlink kommt nicht auf die Idee, eine Fortsetzung zu schreiben. Mein Fazit: So überhaupt gar nicht lesenswert. Nein.

Die Dilettanten

Ich hab nicht lange durchgehalten. „Die Dilettanten“ von Michael Hingston ist so dilettantisch geschrieben, dass ich es nach wenigen Kapiteln weggelegt habe. Der Klappentext klang ganz gut, die Geschichte interessant: Eine Studentenzeitung wird durch die Einführung einer Gratiszeitung bedroht. Ich hab vermutet, dass es um die nicht aufhaltbaren Veränderung der Medienwelt geht, die Entwicklung von (Medien-)Konsumenten zu Prosumenten und so weiter. Vielleicht geht es auch genau darum. Aber das werde ich wohl niemals herausfinden.

Der Schreibstil ging mir tierisch auf den Keks. Der Autor schien mit jedem Satz auf der Jagd nach einem Like, Fav oder einer anderen Zustimmungsbekundung zu sein. Ich hätte ihm kein Like oder Fav gegeben. Und auch keine andere Zustimmungsbekundung. Vielleicht bin ich einfach zu alt für das Buch. Aber damit kann ich leben. Wenn jung sein heißt, dass ich meine Zeit mit Dilettanten verbringen muss, dann bin ich lieber alt.

Mein Fazit: Leider nein, leider gar nicht. Nicht lesenswert.

Das Versteck

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„Das Versteck“, David Finck

„Das Versteck“ von David Finck lässt mich ratlos zurück. Ich bin unsicher: Habe ich nicht alles verstanden, weil ich nicht richtig zugelesen habe – oder ist das Ende einfach offen? Ich habe sehr langsam und aufmerksam gelesen, weil ich kein Wort verpassen wollte. Der Schreibstil von Finck hat mich nachhaltig beeindruckt. Viele Sätze habe ich sogar zweimal gelesen. Vielleicht ist hier passiert, was mir auch bei Rainald Goetz so häufig passiert ist: Weil ich ganz verliebt in die schöne Sprache war, habe ich die Handlung kaum beachtet und immer nur Schlüsselsätze wahrgenommen. Mein Versuch einer Zusammenfassung der Handlung wird vermutlich kläglich scheitern… Ich versuch’s trotzdem mal.

Im Zentrum der Handlung steht Bernhard Duder, ein mittelmäßiger und – dementsprechend unerwartet – erfolgreicher Anwalt. Er ist mit Gabriele verheiratet, seiner Traumfrau, mit der er fünf Jahre zuvor zusammengekommen ist. Der Startpunkt der Beziehung ist gleichzeitig der Abschied von Jonas Duder, Bernhards Bruder, der selbst in Gabriele verliebt ist. Als Jonas erfährt, dass Bernhard und Gabriele ein Paar sind, verschwindet er spurlos. Für Bernhard ist das ein schwerer Schlag. Die Brüder hatten ein extrem enges Verhältnis und irgendwie schien Jonas für Bernhard das Tor zur Welt zu sein. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit das belastende Gefühl, dass Bernhard sich entscheiden muss: Entweder, er bleibt mit Gabriele zusammen, die er sehr liebt, oder er trennt sich von ihr und bekommt dafür seinen Bruder Jonas zurück, den er offenbar sehr vermisst.

Bernhard leidet unter starken Minderwertigkeitskomplexen. Er kann sich nicht vorstellen, warum eine Frau wie Gabriele überhaupt mit ihm zusammen sein kann. „Er hielt sich für einen Klotz am Bein und obendrein für peinlich. Gabriele widersprach nicht. Sie gab ihm nicht etwa recht. Aber sie wusste, dass in den Verhandlungen eines Menschen mit sich selbst kein anderer eine Stimme besaß. Und sie vertraute darauf, dass die Zeit ihm langsam, aber sicher beweisen würde, was er partout nicht glauben wollte: dass sie gern mit ihm zusammenlebte.“ Mit diesen selbstzerstörerischen Gedanken ist er nicht allein. Immer wieder begegnet er Männern, die genauso denken. Die Lösung des Problems: Die jeweilige Frau verlassen; sie vom Ballast der eigenen Existenz befreien.

Der Schreibstil von Finck hat mich, wie schon gesagt, schwer beeindruckt. Das Ende der Geschichte hat mich verwirrt. Vielleicht lese ich sie irgendwann noch einmal. Aber nicht so bald. Mir ist das alles ganz schön nahe gegangen. Als nächstes brauche ich wieder etwas Aufmunterndes. Eine Empfehlung für „Das Versteck“ möchte ich trotzdem aussprechen. Wenn es mieser Scheiß wäre, hätte es mich nicht so berührt. Amen.

Das Seelenhaus

Ich hasse Hannah Kent. Sie ist doof.

Nein, natürlich nicht. Aber: Hannah Kent ist noch keine 30 Jahre alt und hat mit „Das Seelenhaus“ etwas in meinen Augen Großartiges geschaffen. Ich bin bloß neidisch. Und starte somit gleich mit einem Spoiler: Wer heute einen Verriss von mir erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden.

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Hannah Kent, „Das Seelenhaus“

Island 1828: Agnes Magnusdottir hat zwei Männer umgebracht und ist nun zum Tode verurteilt. Bis zur Vollstreckung des Urteils wird sie auf dem Kornsahof untergebracht, wo sie der Familie wie eine Magd im Haushalt helfen soll. Die Familie ist außer sich, hat aber keine Chance, als sich ihrem Schicksal zu fügen und die Mörderin aufzunehmen. Die Unterbringung ist von ganz oben angeordnet. Auch Agnes fügt sich ihrem Schicksal – kalt, verschlossen und scheinbar ungerührt. Der junge Pfarrvikar Toti, der auf Agnes’ ausdrücklichen Wunsch bis zu ihrer Hinrichtung ihr Beistand sein und ihr den Weg zu Gott zeigen soll, fügt sich ebenfalls. Eigentlich will er nicht. Aber er macht sich regelmäßig auf den langen und beschwerlichen Weg zum Kornsahof, um mit Agnes zu sprechen.

Während wir Agnes in der Gegenwart dabei begleiten, wie sie die letzten Monate vor ihrer Hinrichtung mit harter Arbeit auf dem Hof verbringt, erfahren wir immer mehr über ihre Vergangenheit. Sie erzählt Toti davon, wie sie aufgewachsen ist und fügt in inneren Monologen Details hinzu, die nur wir Leser erfahren. Dadurch habe ich mich ihr unheimlich nah gefühlt. Und beim Lesen schwebte eine schwarze Wolke über mir, denn die ganze Zeit war mir bedrückend klar: Hier wird es kein Happy End geben. Hier ist eine große Ungerechtigkeit im Gange. Da stimmt etwas nicht. Sie kann keine Mörderin sein.

„Das Seelenhaus“ ist vielschichtig und tiefgründig. Es gibt viele Erzählstränge, die mich alle auf ihre Art gefesselt haben. Ich wollte die Entwicklung jeder einzelnen Person hautnah mitbekommen und jede wahrnehmbare Veränderung hat mich berührt. Die Geschichten der anderen: Pfarrvikar Toti, der starke Gefühle für Agnes entwickelt. Margret, die vom ersten Moment an zu verstehen scheint, dass es ihr am Ende das Herz brechen wird, wenn sie sich der verschlossenen Agnes annähert. Lauga, die hart an ihrer zur Schau gestellten Härte arbeiten muss. Steina, die naiv an das Gute in Agnes glaubt und sich von niemandem beeinflussen lässt. … Ich habe jede einzelne Geschichte aufgesogen wie ein Schwamm. Wobei sie mir überhaupt nicht einzeln vorkamen. Sie gehören untrennbar zusammen und fügen sich zu einem beeindruckenden Ganzen.

Ganz nebenbei habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie beschwerlich das Leben zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Island gewesen sein muss. Diese alltäglichen Dinge, über welche die Protagonisten ganz selbstverständlich sprechen – für mich unvorstellbare Zustände. (Hier bin ich vermutlich ein wenig naiv und verwöhnt. Stadtkind im 21. Jahrhundert halt…) Nehmen wir nun noch die Sprache hinzu, die mir immer wieder den Atem genommen und den Hals zugeschnürt hat – kein Scherz – und wir gelangen zu einem Fazit, das nicht anders lauten kann als: Lesebefehl.

Die Haischwimmerin

„Die Haischwimmerin“ von Heinrich Steinfest wurde mir von einem Buchhändler empfohlen, nachdem ich ihn nach Neuerscheinungen von Haas, Haderer und Maurer gefragt habe. „Ist denn der Steinfest auch so ein wenig… Bescheuert?“ hab ich ihn gefragt. Ein überzeugtes „JA.“ überzeugte mich davon, dem Herrn Steinfest eine Chance zu geben. Nach der Lektüre kann ich mich über mangelnde Bescheuertheit wirklich nicht beklagen.

Die Geschichte beginnt nett schrullig: Ivo Berg verliebt sich in Lilli Steinbeck. Ivo leidet zunächst unter einer merkwürdigen Krankheit, die dazu führt, dass er gegen Nachmittag seine Augen nicht mehr öffnen kann. Lilli hat einen guten Kleidungsstil und unverrückbare Ansichten, die sie kompromisslos durchsetzt. Die beiden kommen zusammen. Für Ivo das Glück seines Lebens. Aber: „Jeder Mensch stirbt zweimal. Bekanntermaßen am Ende seiner Jahre, aber auch irgendwann zwischendrin.“ Wir begleiten beide bei ihrem ersten Tod.

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Die Haischwimmerin

Die Beziehung endet. Lilli trägt eine Klingonennase als Erinnerung davon und Ivo wird Baumpfleger. Und DANN wird es komplett schräg… Ivo spricht nämlich die Sprache der Bäume und wird darum nach Ochotsk geschickt, um für eine Pharmafirma eine bestimmte Baumsorte zu finden und ein Exemplar nach Deutschland zu holen. Die „dahurische Lärche“, eine bislang unbekannte Varietät. Seine Suche nach dem Baum führt ihn in die unterirdische Stadt Toad’s Bread, eine gut organisierte Verbrecherrepublik. Dort ist auch Lilli unterwegs. Sie ist mittlerweile Meisterpolizistin und soll eine Mordserie in der unterirdischen Stadt aufklären.

Hm. Was soll ich sagen? Ich habe mir etwas Bescheuertes gewünscht. Ich habe etwas Bescheuertes bekommen. Das Lesen hat Spaß gemacht. Steinfest hat einen guten Stil und die Charaktere sind allesamt besonders und auf ihre Art auch besonders bescheuert (da ist neben Ivo und Lilli z.B. noch die taubstumme Suppenköchin, oder Professor Oborin, seineszeichens Mystiker – NICHT Magier! – vor allem aber Telefonspezialist, oder der moderne Samurai Kommissar Yamamoto, oder …).

„Die Haischwimmerin“ ist der zweite Fall für Lilli Steinbeck und ich muss sagen: Ich verspüre kein Verlangen, mich jetzt ihrem ersten Fall zu widmen. Allerdings hat Steinfest noch andere Krimiserien geschrieben. Vielleicht versuche ich es als nächstes mit Markus Cheng. Fazit: Ein sehr netter Zeitvertreib, durchaus lesenswert.

The Circle

Au weia… Was für eine Frechheit, diesen Schrott in einem Atemzug mit Huxley und Orwell zu nennen! In Dave Eggers‘ „The Circle“ begleiten wir Mae Holland, eine junge Frau, die einen absoluten Traumjob im Circle (DAS Traumunternehmen) bekommt. Dort darf sie Kundenanfragen beantworten, und das macht sie auf geradezu unglaublich grandiose Weise – sie scheint ein wahres Naturtalent zu sein. Äh. Ja, genau. Sie sucht aus einem Q&A-Formular die passende Antwort zu Kundenanfragen und formuliert diese um, damit sie „menschlich“ klingen. Wahnsinn. Wie gesagt: Ein echter Traumjob.

Diese unreflektierte und kritiklose Mae, die mir schon nach wenigen Seiten tierisch auf den Keks ging, hält sich auf jeden Fall ob ihres Jobs für ein absolutes Glückskind. Gleichzeitig lässt sie sich ständig von ihren Vorgesetzten vorführen und rechtfertigt und entschuldigt sich in einer Tour dafür, dass sie nicht jede Sekunde ihrer Freizeit medienwirksam im Netz dokumentiert. Auf mich wirkt sie unglaublich hohl. Na ja. Sie ist gleichzeitig sehr flach. Da bleibt nicht viel Platz für Hohlräume. So jemanden zu erschaffen, ist schon eine Kunst für sich. Dazu möchte ich Dave Eggers dann doch gratulieren.

Immerhin konnte mir bei der Lektüre eine wichtige Erkenntnis noch einmal verdeutlicht werden: Mae wird von ihren Vorgesetzten und ihrer Umwelt dazu angehalten, wirklich alles öffentlich zu dokumentieren, was sie so treibt. Und möglichst viel von dem zu kommentieren, was ihre Umwelt so treibt. „Du magst Kayaks? Wieso schreibst du nichts darüber?“ Oder: „Dein Vater leidet unter MS? Die Community hat ein Recht, mehr darüber zu erfahren!“ Mae fügt sich und beginnt damit, ihr komplettes Leben öffentlich auszubreiten.

Durch dieses Verhalten bekommt sie mehr Relevanz, ausgedrückt in einem hohen Ranking auf so einer Circle internen Aktivitätsskala (an deren Bezeichnung ich mich gerade nicht erinnern kann). Tatsächlich bekommt sie bzw. ihr Leben durch dieses Verhalten immer weniger Relevanz – zumindest für mich. Es ist nicht möglich, durch Masse Bedeutung zu erzeugen. Denn wenn plötzlich alles wichtig ist, ist am Ende gar nichts mehr wichtig. Diese Erkenntnis ist mir nicht neu. Aber Dank Eggers und seiner für mich immer noch langweiliger werdenden Protagonistin (hätte ich nicht für möglich gehalten) ist sie für mich noch einmal um einiges klarer geworden.

Ich habe schließlich nicht bis zum Ende durchgehalten. Laut Kindle habe ich aber immerhin 66% geschafft (Asche auf mein Haupt). Wer weiß, ob die gute Mae am Ende doch noch eine Wandlung durchmacht – es ist mir egal. Noch ein Kritikpunkt: Ich habe „The Circle“ auf englisch gelesen. Die miese und einfallslose Sprache kann also nicht einer schlechten Übersetzung zur Last gelegt werden. Vermutlich hat es Eggers einfach nicht drauf. Fazit: Bitte nicht lesen. Reine Zeitverschwendung.