Archiv der Kategorie: Anekdoten einer Bewerberin

Von Pedro Szekely from Los Angeles, USA - Bolivian Flamingos, CC BY-SA 2.0

Anekdote 5#: Das verrückteste Bewerbungsgespräch EVER. Oder: Wie ich ein Flamingo wurde

Von Pedro Szekely from Los Angeles, USA - Bolivian Flamingos, CC BY-SA 2.0
Von Pedro Szekely from Los Angeles, USA – Bolivian Flamingos, CC BY-SA 2.0

Es ist jetzt eine ganze Weile her, dass ich angekündigt habe, euch die verrückteste (sympathisch verrückt) meiner Bewerber-Stories zu erzählen. Dafür wollte ich warten, bis meine Probezeit rum ist. Dass ich in der Zwischenzeit überhaupt nichts mehr schreibe – damit hatte ich selbst nicht gerechnet. Aber gut. Hier bin ich wieder und hier kommt mit etwas Verspätung die versprochene Geschichte. Diesmal wird es schwer, die Beteiligten geheim zu halten. Ich bin sicher, der ein oder andere wird sich oder den ein oder anderen hier wiedererkennen. Ich nenne trotzdem keine Klarnamen. Los geht’s:

Im Juni 2015 entdecke ich die Stellenausschreibung einer Werbeagentur. Die Agentur – nennen wir sie W. – kenne und mag ich, zwei Jahre zuvor hatte ich es schon einmal dort versucht. Damals hatte es nicht geklappt. Trotzdem habe ich W. in guter Erinnerung behalten. Gleichzeitig mit meiner Entdeckung macht mein lieber Freund A. mich auf eben diese Stelle aufmerksam. Er weiß, dass ich auf Jobsuche bin und schickt mir immer mal wieder Links zu interessanten Stellen. A. rät mir, ihn bei der Bewerbung als Referenz anzugeben. Der Geschäftsführer von W. und er kennen sich von früher. Kann ja nicht schaden, denke ich. Meine Bewerbung schicke ich direkt an den Geschäftsführer M. Mit Hinweis auf meinen guten Freund A.

Eine Stunde nach dem Absenden meiner Bewerbung habe ich einen neuen Follower auf Twitter: den Geschäftsführer von W. Das verunsichert mich irgendwie. Die Tatsache, dass ich paranoid bin bedeutet schließlich nicht, dass sie mich nicht wirklich verfolgen. Hier nun der Beweis. Ich habe keine Ahnung, wie so schnell eine Verbindung zwischen meinem echten Namen und meinem Twitter Account hergestellt werden kann. Eigentlich gibt es da keine Verbindung. Dachte ich zumindest. Wie dem auch sei: Einen Tag später erhalte ich schon eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bei W.

Ich bereite mich ausführlich vor und bin ein bisschen aufgeregt. Stelle und Agentur klingen nach einer Traumkombination. Ich gehe sogar so weit, zum Gespräch ein Kleid in der CI-Farbe des Unternehmens anzuziehen. Ich Streberin. Mein Termin ist um 15 Uhr. Bereits um 14.35 drücke ich mich vor dem Gebäude herum. Nach zwei Runden um den Block entschließe ich mich, einfach schon mal zu klingeln. Es ist zu heiß draußen. Lieber bin ich viel zu früh da als vollkommen verschwitzt. Um 14:45 werde ich total freundlich und herzlich von S. empfangen und in einen Konferenzraum geführt. Die Kollegen, die dort gerade ein Meeting haben, werden kurzerhand rausgeschmissen. (Falls ihr mitlest und euch daran erinnert: Sorry, Leute!) Im Raum steht ein großer Flamingo. Das gefällt mir. Ich mag so schräge Vögel.

Dann folgt die Getränkeauswahl. Ich entscheide mich für ein Wasser. S. ist enttäuscht: „Du, wir haben aber total viel anderes Zeug hier! Willst du nicht was anderes? Zum Beispiel Fritz Cola. Da haben wir die normale und light. Oder Limo von Proviant. Willst du vielleicht Apfel, Orange, Zitrone … Oder warte mal: Magst du LemonAid? Da haben wir auch ganz viele Sorten da!“ Um ihm eine Freude zu machen, wechsle ich von Wasser zu LemonAid. Die grüne. „Oh, die grüne haben wir nicht.“ Na gut, irgendeine andere. Die bekomme ich gebracht. S. geht raus und gibt F. die Klinke in die Hand. Es ist erst 14.50 Uhr aber das Vorstellungsgespräch geht offenbar direkt los.

F. ist ein total sympathischer Vogel, den ich auf Anhieb mag. Ich nenne kurz meinen Namen und da fängt er schon an zu plaudern: Wir müssten noch auf den Geschäftsführer M. warten, der käme gleich. In der Zwischenzeit wolle F. mir aber schon einmal etwas über W. erzählen. Das macht er dann auch. Ich lausche atemlos und warte auf einen guten Moment, um einzuhaken und entweder eine schlaue Frage zu stellen oder etwas anderes Intelligentes beizutragen. Schließlich habe ich mich ganz ausführlich auf das Unternehmen und das Gespräch vorbereitet und möchte jede Chance nutzen, hier zu glänzen. Ich finde aber keine geeignete Lücke. Also weiter zuhören, lächeln, zustimmend nicken.

Um 15.10 geht die Tür auf. M. kommt herein. In der Hand hält er – eine Flasche LemonAid. Die grüne. Natürlich. Er begrüßt mich total freundlich und ist mir gleich sympathisch. Vor allem, als er mich auf meine LemonAid anspricht: „Ah, du hast LemonAid bekommen. Ich hätte dir ja zu einer grünen geraten. Die ist wirklich toll. Trinke ich am liebsten!“ Ich sage kurz Hallo und meinen Namen und dann geht es auch schon weiter. M. übernimmt nahtlos, die beiden sind offenbar ein eingespieltes Team: „Ich weiß nicht, was F. dir schon erzählt hat. Ich erzähle dir jetzt erst einmal etwas über W.“ Es folgt ein Monolog über W., der mir irgendwie bekannt vorkommt … F. klinkt sich immer wieder ein: „Genau. Das hab ich ihr auch gerade erzählt.“ Das hält M. nicht davon ab, munter weiter zu erzählen.

Zur Sicherheit
Zur Sicherheit

Ich werde langsam nervös. Die Stelle, um die ich mich beworben habe, beinhaltet Führungsverantwortung. Wenn ich da jetzt stumm wie ein Fisch sitze und kein Wort sage – das wirkt doch total unsicher und entspricht auch überhaupt nicht meinem Naturell. Man kennt mich allgemein als Plaudertasche. Aber auch in M.s Erzählung finde ich einfach keine Möglichkeit, einzuhaken. Plötzlich fällt mir auch auf, dass wir an einem extrem hochwertigen Holztisch sitzen und alle außer mir Untersetzer unter ihren Gläsern haben. So Gummidinger die aussehen wie Disketten. Neben ‚Mist, ich muss auch mal was sagen!’ werde ich jetzt wegen des Tisches zusätzlich nervös: ‚Kacke, was ist, wenn mein Glas Ränder auf dem Holz hinterlässt?’ Ich bin total angespannt und werfe immer wieder verstohlene Blicke auf meine Uhr während ich überlege, wie ich unauffällig so einen Untersetzer von der Tischmitte zu mir rüberziehen kann.

Endlich: M. klappt seinen Laptop auf. „Jetzt möchte ich …“, er klickt ein bisschen herum und ich beende in Gedanken seinen Satz: ‚… etwas über dich erfahren.’ Vermutlich hat er gerade meinen Lebenslauf aufgerufen. Ich bereite mich auf meinen Einsatz vor. Pustekuchen. Sein Satz endet wie folgt: „… dir die Liste unserer Kunden vorlesen.“ Ich klappe innerlich zusammen, als er das wirklich tut. Es ist 15.36 Uhr und ich habe noch immer kein einziges Wort gesagt. Gegen 15.39 Uhr dann doch noch die Überleitung: „Erzähl doch mal etwas über dich.“ Endlich! Ich beginne mit einem Hinweis auf die Empfehlung durch meinen Freund A. Blöde Idee. Ganz blöde Idee …

„Ja, Mia, da muss ich dich gleich mal unterbrechen“, haut M. mitten in meinen allerersten Satz rein. Er wendet sich an F.: „Ich kenne A. von früher. Du weißt ja gar nicht, wer das ist …“ Und plötzlich dreht sich das Gespräch um meinen guten Freund A. Ich hab ihn echt gern, aber das hier soll doch meine Show sein! Inzwischen ist jede Minute kostbar, denn der Termin geht offiziell nur bis 16 Uhr. Na gut, die letzten Minuten werden dann doch noch irgendwie zu einem richtigen Gespräch. Ich bekomme einen Redeanteil, kann ein bisschen über mich erzählen und ein paar Fragen stellen. Um 16.10 Uhr allerdings stellt M. erschreckt fest, dass er seit 10 Minuten schon einen anderen Termin hat. Er muss ganz hektisch aufbrechen.

„Pass auf, Mia. Ich schreibe dir gleich eine Mail mit ein paar Fragen zu Einstiegstermin und Gehaltsvorstellung und so weiter, das machen wir dann einfach schriftlich“, ruft M. beim Hinausgehen über die Schulter. Und schon ist er weg. F. nimmt sich ein bisschen mehr Zeit für die Verabschiedung. Aber schließlich stehe ich vor der Tür und weiß nicht recht, was ich von dem Gespräch halten soll. Das war alles so verrückt, dass ich mich erst mal sortieren muss. Was mich am meisten wundert: Ich habe überhaupt kein schlechtes Gefühl. W. gefällt mir trotz – oder gerade wegen? – dieser beiden schrägen Vögel (und des Flamingos) total gut.

Ich lasse das Gespräch revue passieren: Ich kam kaum zu Wort. Ja. Aber auch nur, weil die beiden so begeistert über W. erzählt haben. Ich konnte spüren, wie sehr sie dem Laden verbunden sind und wie viel er ihnen bedeutet. Das war ansteckend und ich habe Lust, ein Teil dieses besonderen Kosmos zu werden. In der Retrospektive muss ich anerkennend sagen: Die beiden haben ihre Sache an diesem Tag verdammt gut gemacht. Ich allerdings bleibe zurück mit der Frage, ob ich denn überhaupt irgendeinen Eindruck hinterlassen habe.

M. schreibt mir tatsächlich am gleichen Abend die versprochene Mail. All die sachlichen/geschäftlichen Fragen, die sonst wie Stimmungstöter im Vorstellungsgespräch wirken, haben wir komplett aus dem Gespräch rausgehalten. Sicher unfreiwillig. Aber die Wirkung ist gar nicht so übel. Ich schreibe eine Antwort-Mail, nenne meine Rahmenbedingungen, meine Gehaltsvorstellung. Dabei muss ich mich nicht zwingen, selbstbewusst Augenkontakt zu halten, um nicht unsicher zu wirken und gleichzeitig jede Gefühlsregung meines Gegenübers flugs interpretieren zu können: ‚Hab ich zu viel gefordert? Liege ich genau richtig? Oder gar völlig drunter – ich Trottel?‘ Alles ganz easy diesmal. Ich klicke auf senden. Und dann warte ich ab.

Es dauert ein bisschen länger als angekündigt, bis ich wieder von W. höre. S. schreibt mir. Er entschuldigt sich für die längere Wartezeit und schlägt mir einen Termin für ein zweites Gespräch vor. Damit hatte ich gar nicht mehr gerechnet. Erfreut sage ich zu. Am Morgen des Gesprächs bin ich im Wald, um eine Runde zu laufen. Als ich die Musik einschalten und loslaufen will, erreicht mich eine E-Mail von M. Ich beschließe, sie lieber sofort zu lesen. Vielleicht soll ich früher kommen oder gar nicht oder sonst was … Ich lese folgenden Text:

„Hallo Mia,
hatte S. jetzt heute einen Termin mit Dir festgemacht? Bin mir nicht sicher … Könntest Du immer noch heute vorbeikommen? Bei mir im Kalender steht ein Termin von 14-15 Uhr. Wenn unser Angebot für Dich immer noch interessant sein sollte, würden wir uns freuen, wenn Du zeitnah bei W. anfängst.
Bis später! M.“

Was soll ich sagen? Diese (sorry: verrückte) Mail erreichte mich am 19. August 2015. Keine zwei Wochen später, am 1. September, hatte ich meinen ersten Arbeitstag bei W. Manchmal geht’s eben ganz schnell. Meine Probezeit ist inzwischen rum und es sind viele weitere verrückte Dinge passiert. Ich bin noch immer dort. Trotz oder wegen dieser Verrücktheiten? Vielleicht beides. W. ist einfach furchtbar liebenswert und ich bin froh, heute ein Teil dieses Kosmos zu sein. Ein Flamingo. Denn der große pinke Vogel im Konferenzraum – das hab ich später erfahren – ist das Wappentier des Kölner Standorts von W. Am Ende sind wir nämlich alle ziemlich schräge Vögel.

P.S.: Das Rätsel mit dem Twitter Account habe ich nicht lösen können. M. hat behauptet, dass es ein komischer (verrückter?) Zufall gewesen sein muss, dass er unmittelbar nach meiner Bewerbung zu meinem Follower wurde – er hatte zumindest nicht aktiv nach mir gesucht.

Das war’s jetzt erst mal – eine Bilanz

Ist jetzt wieder von der Straße weg: Mia Colt
Ist jetzt wieder von der Straße weg: Mia Colt.

Es ist ein bisschen still um mich und meine Bewerberstories geworden. Das liegt nicht daran, dass ich keine Geschichten mehr in der Schublade hätte, sondern vielmehr an meinem neuen Job. Es war auch wirklich leichtsinnig von mir, mich so intensiv zu bewerben. Seit dem 1. September stehe ich wieder in Lohn und Brot und hab nicht mehr viel Zeit zum Schreiben. Ich hätte gleich auf Halde produzieren sollen. Stoff genug gibt es ja. Übrigens war mein Facebook Posting, in dem ich auf meinen unterschriebenen Arbeitsvertrag hingewiesen habe, mein erfolgreichstes Facebook Posting ever. Die meisten meiner Freunde sind offenbar froh darüber, dass ich jetzt endlich wieder von der Straße weg bin.

Was macht man nach einer so aufregenden Phase im Leben? Man blickt zurück und zieht einen Schlussstrich. Unter diesem Schlussstrich steht dann, wie viele Kubikmeter Kabel auf dem Weg zum Ziel verlegt, wie viele Liter Glühbirnen pro schlafloser Nacht reingeschraubt und wie viele Messerspitzen Gummibärchen vor dem Computer sitzend gegessen wurden. Oder so ähnlich. Ihr kennt das ja. Ich habe das auch mal gemacht: Eine Bilanz über meine Bewerbungen und die unterschiedlichen Reaktionen darauf. Damit ihr das ganze besser einordnen könnt, hier einmal die Rahmenbedingungen:

Ich habe im März 2015 angefangen, mich um einen neuen Job zu bewerben. Ende Mai wurde ich betriebsbedingt gekündigt. Ab dem 1. Juni war ich freigestellt und vom 1. bis 31. August war ich arbeitslos. Die folgenden Angaben beziehen sich also auf einen Zeitraum von sechs Monaten.

30 Bewerbungen verschickt
28 Eingangsbestätigungen erhalten
2 Bewerbungen blieben völlig ohne Reaktion (trotz Nachfrage)
7 Rohrkrepierer (nach Eingangsbestätigung nie mehr was gehört (trotz Nachfrage))
12 Absagen irgendwann nach der Eingangsbestätigung
9 Einladungen zu Vorstellungsgesprächen
2 Absagen von mir (beide vor dem Vorstellungsgespräch)
7 geführte Vorstellungsgespräche
0 Absagen von Unternehmen nach dem Gespräch
1 Gespräch komplett ohne Feedback (trotz Nachfrage, ist jetzt über 2 Monate her)
6 Einladungen zu Zweitgesprächen
6 geführte Zweitgespräche
0 Absagen von Unternehmen nach dem Zweitgespräch
2 konkrete Jobangebote nach dem Zweitgespräch (eins hab ich angenommen, eins abgesagt)
4 Zweitgespräche komplett ohne Feedback (trotz Nachfrage; alle 2 Monate oder länger her)

14 Unternehmen haben an irgendeiner Stelle im Bewerbungsprozess ohne ein erklärendes Wort den Kontakt zu mir abgebrochen. Das sind fast 50 Prozent der von mir angeschriebenen Firmen. Für euch heißt das: Wenn ihr einen neuen Job sucht, solltet ihr mindestens zwei Bewerbungen rausschicken. Es ist nämlich davon auszugehen, dass eine davon einfach im Sande verlaufen wird. Für die Zeit dazwischen braucht ihr ein dickes Fell. Das beweisen nicht nur meine eigenen Stories, sondern auch die ganzen Geschichten, die ihr in den Kommentaren hinzugefügt habt. Da ist echt krasser Shit dabei, Leute! Zuerst hab ich mich darüber gefreut, nicht die Einzige zu sein, der so etwas passiert. Aber bei einigen der Geschichten konnte ich nur mit dem Kopf schütteln. Das sind Erfahrungen, die niemand machen sollte.

                                                       

Mir war es wichtig, jetzt den oben erwähnten Schlussstrich unter diese Lebensphase zu ziehen, denn ich möchte mich mit voller Kraft in meine neuen Aufgaben stürzen. Aber es ist nur ein Schlussstrich, kein Schlusswort. Denn, wie gesagt: Ich hab noch ein paar Stories in der Schublade. Die verrückteste (sympathisch verrückt) erzähle ich dann in sechs Monaten. Nach meiner Probezeit.

Anekdote #4: Customer Experience im Bewerbungsprozess. Oder: Gebt euch doch ein bisschen Mühe!

Customer Experience bezieht sich auf jeden Touchpoint
Customer Experience bezieht sich auf jeden Touchpoint

Neulich bewerbe ich mich beim Personalmarketing-Dienstleister „NoName“. Nicht, um in deren Pool aufgenommen zu werden. Es geht um eine Stelle bei NoName selbst. Die Aufgabenbeschreibung klingt interessant, das Unternehmen wirkt schon aufgrund der ungewöhnlich / lässig formulierten Stellenanzeige sympathisch. In der Anzeige wird fröhlich geduzt und die lockere Atmosphäre im Unternehmen gepriesen. Das passiert häufig, und als Bewerberin bin ich dann ebenso häufig verunsichert: Duze ich in meinem Anschreiben zurück oder bleibe ich beim förmlichen Sie? Nach einem Blick auf die Website, die dann doch ein bisschen spießig aussieht, entscheide ich mich in diesem konkreten Fall für eine halbspießige Variante: Ich sieze, benutze aber den Vornamen der für die Stelle verantwortlichen Person.

Eine ganze Weile lang höre ich gar nichts; ich bekomme noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Gerade von einem Personalmarketing-Dienstleister habe ich mir da etwas anderes versprochen, aber gut. Nach einem Monat dann klingelt mein Telefon: Frau Y von NoName ist dran. Sie ist freundlich, sehr förmlich, siezt mich (!) bei Verwendung meines Nachnamens (!) und freut sich über meine Bewerbung: „Frau Colt, wir haben großes Interesse an Ihnen. Aufgrund Ihres Lebenslaufs haben wir aber eine andere Stelle für Sie im Sinn.“ Sie beschreibt mir den Job ausführlich und legt dar, warum sie glaubt, dass ich richtig gut darauf passe. Die Stelle klingt wirklich interessant. Am Ende des Telefonats sind wir uns einig: Meine Bewerbungsunterlagen werden für die andere Stelle berücksichtigt.

Die Geschichte heute ist schnell erzählt: Einen weiteren Monat später bekomme ich eine Absage für beide Stellen. Offenbar habe ich doch nicht so gut gepasst. Ich bin ein bisschen enttäuscht. Nach dem ausführlichen Telefonat hatte ich zumindest mit einer Einladung zu einem Gespräch gerechnet. Aber okay, vermutlich sind in der Zwischenzeit Bewerbungen von Menschen eingegangen, die noch besser auf die Stelle passen. Kein Beinbruch. Ich möchte diesen Fall vielmehr als Beispiel (ein Beispiel von vielen) für die Inkonsistenz in der Bewerberansprache heranziehen. Nach der locker flockigen Stellenanzeige liest sich die Absage von NoName nämlich wie folgt: „Sehr geehrte Frau Colt, nach sorgfältiger Prüfung Ihrer Unterlagen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass […]“ Wie passt das zusammen?

So viele Unternehmen geben sich hip und cool, indem sie lässige Stellenausschreibungen formulieren. Potenzielle Bewerber werden geduzt. Der Kicker, die Playstation und der immervolle Getränkekühlschrank im Kultursozialraum werden hervorgehoben. Ebenso wie die lockere Atmosphäre und fehlende Hierarchien (btw: gerade letzteres klingt unglaubwürdig bei einer Stellenanzeige, in der auf Führungsverantwortung und tolle Aufstiegsmöglichkeiten in einem gut organisierten Team hingewiesen wird). Die Ernüchterung kommt schnell, oft schon mit der automatisierten Eingangsbestätigung des Bewerbertools (mit dem man aufgrund der furchtbaren Usability lange gekämpft hat…), in der es dann heißt: „Sehr geehrte Damen und Herren, …“ – häufig noch nicht einmal personalisiert. Dazu Schlusssätze wie aus einem Maschinengewehr: „Hinweis: Diese Nachricht wurde automatisch generiert. Eine Antwort ist nicht möglich.“

Auch immer wieder geil sind die Absender-Adressen dieser automatisierten Mails, die noch nicht einmal den Firmennamen enthalten. Da steht dann in meinem Mailprogramm einfach „Personal“, „Recruiting“, „No-Reply“, „Bewerbungseingang“, „Recruitment“ oder – mein absoluter Favorit in meinem Bewerbungsordner: „(Kein Absender)“. Exakt so, mit der Klammer drum. Ich habe sogar schon Eingangsbestätigungen komplett ohne Signatur erhalten; also auch in der Mail selbst findet sich kein Hinweis darauf, welches Unternehmen da den Eingang meiner Bewerbung bestätigt. Natürlich konnte ich aufgrund des Jobtitels jeweils rekonstruieren, auf welche Bewerbung mir da geantwortet wurde. Aber trotzdem bleibe ich bei so was mit einer Frage zurück, die da lautet: Leute, geht’s noch?

In den Texten dieser automatisierten Mails finden sich dann immer mal wieder Fehler oder / und völlig unpassende Formulierungen. Mir hat mal ein Programmierer erklärt, dass es sich dabei meist um Dummie-Texte handelt, die ähnlich wie „Lorem Ipsum“ in einem Wireframe / Design eingesetzt werden. Die Programmierer der Bewerbertools gehen davon aus, dass das jeweilige Unternehmen den Text ohnehin noch einmal überarbeitet und geben sich keine Mühe beim Formulieren. Nachvollziehbar und völlig okay. Den Text nicht zu überarbeiten ist dann allerdings so, als würde ich eine Bewerbung eins zu eins aus einem Buch abtippen und als Absender „Ulrike Mustermann“ schreiben: Ein Armutszeugnis für das jeweilige Unternehmen.

Ich möchte an dieser Stelle einen meiner absoluten Favoriten in Sachen „automatisierte Eingangsbestätigung“ zum Besten geben:

Hallo Mia Colt,

vielen Dank für Ihre Bewerbung für die Position als XYZ (m/w) (von mir geändert, Anm.) und Ihr damit verbundenes Interesse an unserer Agenturnetzwerk.

Es gehen noch immer Bewerbungen auf die ausgeschriebene Stelle ein. Da wir alle Bewerbungsunterlagen umfassend prüfen möchten, bitten wir Sie um Verständnis, dass wir noch etwas

Zeit benötigen bis Sie eine konkrete Stellungnahme von uns erhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr HR-Team

Konkrete Stellungnahme? Ich bin doch keine Journalistin, die sich mit einer offiziellen Anfrage an die Pressestelle wendet. Ich bewerbe mich um einen Job bei – ja, bei wem denn eigentlich? Das ist der komplette Mailtext (inkl. der Fehler), es gibt keine Signatur. Und der Absender dieser Mail ist „noreply@recruitmail.com“. Offenbar nutzt das Unternehmen, bei dem ich mich beworben habe, nicht nur ein Bewerbertool. Das Tool ist zusätzlich bei irgendeinem Dienstleister gehostet. Und ich frage mich: Wer hat denn jetzt eigentlich meine ganzen persönlichen / privaten Daten bekommen? Adresse, Geburtsdatum, Zeugnisse, Bewertungen, Werdegang – wer auch immer am anderen Ende sitzt, kennt jetzt mein ganzes Leben und hat all diese Daten auf seinem Server liegen. Das ist natürlich immer so, man geht in Vorleistung, wenn man sich irgendwo bewirbt. Aber so eine Antwortmail ist nicht gerade fördernd in Sachen Vertrauensbildung. Da kann ich gleich Nacktfotos auf Facebook posten…

Zurück zum Thema: All diese Dinge sind Hinweise darauf, wie wertschätzend in einem Unternehmen mit Bewerbern umgegangen und wie viel Aufmerksamkeit dem Bewerberprozess gewidmet wird. Ich übertreibe? Hm. Unternehmen bemühen immer wieder das Buzzword „Customer Experience“ als das höchste Ziel, das es zu erreichen gilt. Dabei geht es um eine durchgängig einheitliche Erfahrung mit dem jeweiligen Unternehmen – an JEDEM Touchpoint (um ein weiteres Buzzword zu bemühen). Für die Erreichung dieses Ziels wird viel Geld in die Hand genommen. Ich weiß das, ich habe selbst als Beraterin in Sachen Customer Experience gearbeitet.

Für den folgenden Tipp nehme ich keinen Pfennig Honorar:

Liebe Unternehmen, benutzt ruhig eure Bewerbertools, automatisiert eure Prozesse, macht euch das Leben leichter, es ist alles gut. Aber nehmt euch ein zwei Tage mehr Zeit beim Aufsetzen und Einrichten dieser Tools. Macht Testläufe, macht selbst Erfahrungen mit der Usability, schaut euch an, wie die Eingangsbestätigung in eurem eigenen Posteingang aussieht, lest die Texte (normalerweise geht doch jeder Tweet vor dem Absetzen durch 30 Hände), gleicht all das mit euren Vorgaben ab und überlegt dann, ob das zu dem Bild passt, das ihr nach außen abgeben wollt.

Begreift den Bewerbungsprozess als das, was er ist: als Touchpoint. Ein Touchpoint, der genauso zum Profil des Unternehmens gehört wie der Point of Sale, die Website, der Auftritt im Social Web, die verwendete Sprache und so weiter. Wer Mitarbeiter sucht, die als Markenbotschafter in die Welt hinausgehen, hat schon hier die Chance, diese Menschen mit der eigenen Corporate Identity anzustecken und im eigenen Corporate Design zu färben. Es ist ganz leicht. Und es bewirkt ganz viel, versprochen.

Anekdote #3: „Ach, Sie wollen Feedback?“

Mein Feedback an die Dingens GmbH.
Mein Feedback an die Dingens GmbH.

Vor einer Weile ruft mich ein Headhunter an, der mich auf Xing entdeckt hat, nennen wir ihn Herr F. Er beschreibt eine interessante Stelle, auf die ich gut passen würde. Er schickt mir die Stellenanzeige und bittet mich, ihm meinen Lebenslauf zu schicken. Ich schaue mir die Stellenanzeige an. In der Mail nennt Herr F auch das Unternehmen, um das es geht: Die inhabergeführte Kommunikationsagentur „Dingens GmbH“(*), ca. 30 Mitarbeiter. Der Name weckt vage Erinnerungen in mir. Ich durchsuche meinen Rechner und finde die Verbindung: Im Februar 2010 hatte ich mich dort schon einmal beworben.

Damals wurde ich zu einem Gespräch eingeladen, das meiner Meinung nach ganz gut gelaufen ist. Aber da kann man sich ja leicht vertun (keine Ironie, Anm.). Manchmal sagt man dummes Zeug, schießt sich ins Aus und merkt es überhaupt nicht. Also: Ich gebe keine Garantie dafür, dass es 2010 wirklich gut gelaufen ist. Allerdings überhaupt nicht gut gelaufen – und daran erinnere ich mich sehr gut – ist die Kommunikation mit dieser Kommunikationsagentur. Das hatten wir ja schon. Das Motto „Use what you sell“ legen Agenturen immer nur ihren Kunden ans Herz. Ich habe damals kein Feedback von der Dingens GmbH bekommen. Nach dem Gespräch habe ich trotz zweimaliger Nachfrage (telefonisch („Ach, das dauert noch!“) und per Mail (keine Antwort)) nie wieder von denen gehört.

Ich rufe Herrn F an und erzähle ihm davon. Er findet das nicht kritisch, ich müsse mir da keine Sorgen machen, die hätten das bestimmt schon vergessen. Das ist hochinteressant: Er denkt sofort, dass ich den Fehler bei mir sehe. Die Tatsache, dass ich das Verhalten der Dingens GmbH sehr wohl kritisch finde und mir Sorgen darüber mache, wie man dort mit Bewerbern umgeht, versteht er glaube ich überhaupt nicht. F verspricht mir, das Thema bei der Agentur anzusprechen. Nach ein paar Tagen kommt dann eine Einladung zu einem Gespräch. Bei der Agentur wisse man nicht, was 2010 schief gelaufen sei. Ich würde also „quasi ohne Vorgeschichte“ (O-Ton Herr F) starten können. Seit dem vergangenen Termin hätte sich ja auch einiges in meinem Lebenslauf getan und ich sei inzwischen sicher sehr viel interessanter für die Dingens GmbH als damals. Das ist schon wieder hochinteressant: Offenbar denkt er nicht nur, dass ich den Fehler bei mir sehe, sondern dass der Fehler tatsächlich bei mir liegt. Ich war damals einfach nicht interessant genug. Auf die aktuelle Stelle würde ich jedenfalls ausgezeichnet passen und man möchte mich kennenlernen.

Ich habe in der Zwischenzeit recherchiert und festgestellt, dass ich mir nach wie vor vorstellen kann, bei der Dingens GmbH anzufangen. Kundenstamm, Arbeitsweise und Projekte klingen toll, die Bewertungen auf Kununu sind auch gut. Was auch immer damals passiert ist: Ich bin bereit, das zu vergessen und noch einmal neu anzufangen. Die Agentur „quasi ohne Vorgeschichte“ starten zu lassen. Ich gehe also zu dem Gespräch und finde mich im gleichen Raum wieder wie schon Jahre zuvor. Auch einen der drei Gesprächsteilnehmer kenne ich noch vom ersten Gespräch. Er startet auch gleich mit „Frau Colt, Sie waren ja schon einmal hier“. Also rede ich kurz darüber, wie es sich damals angefühlt hat, einfach keine Antwort zu bekommen. Ich mache deutlich, dass ich mich seinerzeit sehr geärgert habe. Man äußert Verständnis: Das sei ja auch absolut nicht in Ordnung und keinesfalls der Normalfall bei der Dingens GmbH.

Der Rest des Gesprächs läuft sehr professionell. Wir reden über die Agentur, über mich, über die Stelle, über die Kunden, über die Projekte, über den Kickertisch im Vorraum (ich spiele vorne, Anm.) … Ich fühle mich wohl dort und denke: „Ja, hier kann man es wirklich aushalten.“ Beim Abschied bekomme ich das Versprechen, innerhalb von vier Wochen (es gab irgendeinen plausiblen Grund für den langen Zeitraum, den weiß ich aber nicht mehr, Anm.) ein Feedback zum Gespräch zu erhalten: „Wir melden uns in den kommenden vier Wochen bei Ihnen.“ Aufgrund unserer Vorgeschichte gehe ich fest davon aus, dass diese Frist penibel eingehalten werden wird. Ich Trottel.

Die vier Wochen verstreichen und ich höre gar nichts. Weder von Herrn F, noch von der Agentur. Nach sechs Wochen schreibe ich F eine Mail und frage nach dem Status. Er antwortet sofort: Er sei überrascht, dass die Agentur sich nicht bei mir gemeldet hätte. Das Feedback zum Gespräch war grundsätzlich positiv, aber bei der Dingens GmbH habe man sich dazu entschlossen, meine Bewerbung „nicht weiter zu verfolgen“. Das schließt wohl das Feedback an mich mit ein, oder was? Ich werde sauer. Mit einer Absage kann ich leben, nicht aber mit dem Arschlochs-Verhalten der Agentur. Wir haben eine Vorgeschichte, wir haben das Thema besprochen, ich habe deutlich gemacht, wie sehr ich mich damals geärgert habe – und man hat mir versprochen, dass es diesmal anders laufen würde! Ich verfasse eine Mail, in der ich meinem Ärger Luft mache. Diesmal nicht für die Schublade. Ich schreibe die drei Gesprächsteilnehmer in den Verteiler klicke auf „senden“:

„Hallo zusammen,

ich war zu einem Vorstellungsgespräch bei Ihnen; es ging um die Stelle XY. Inzwischen habe ich erfahren, dass Sie sich gegen eine Zusammenarbeit mit mir entschieden haben. Um diese Info zu bekommen, habe ich bei Herrn F nachfragen müssen.

Um gleich zur Sache zu kommen: Ich ärgere mich über Ihr Verhalten. Ich kann damit leben, dass Sie sich gegen mich entschieden haben. Das ist kein Problem. Aber dass Sie sich nicht bei mir gemeldet haben, um mir das zu sagen – genau wie bei unserem ersten Gespräch im März 2010 – das finde ich hochgradig unprofessionell. Vor allem, nachdem ich das Thema während unseres Termins angesprochen habe. Ich hatte Ihnen gesagt, dass ich zunächst gar keinen Termin mit Ihnen haben wollte, weil ich mich schon 2010 darüber geärgert habe, dass ich auch auf meine Nachfrage hin keine Reaktion von Ihnen bekommen habe. Nur der Zuspruch von Herrn F hat mich dazu gebracht, es noch einmal mit Ihnen zu versuchen. Und die Tatsache, dass die Aufgabenbeschreibung für die ausgeschriebene Stelle wirklich gut klang.

Sie waren zu dritt in dem Termin – und nicht einer von Ihnen hält es für nötig, mich kurz anzurufen oder wenigstens eine kurze Mail zu schreiben um mir mitzuteilen, dass Sie nicht mit mir zusammenarbeiten wollen? Oder Ihre Office Managerin darum zu bitten, das zu tun? Für so etwas gibt es doch Textbausteine! Ich weiß nicht, wie ich Ihr Verhalten interpretieren soll. Vielleicht ist hängt es mit mir persönlich zusammen, vielleicht ist es symptomatisch. Ich finde es respektlos. Genau wie Sie habe ich mir Zeit für den Termin genommen. Vielleicht sogar etwas mehr, denn ich hatte die Anreise aus Köln. Ich habe mir einen halben Urlaubstag für den Termin genommen. Ich habe mich auf das Gespräch vorbereitet. Darum habe ich doch zumindest eine Info verdient, nachdem Sie Ihre Entscheidung getroffen haben.

Vermutlich ist Ihnen egal, was ich von Ihrem Verhalten halte. Wir werden ja nicht zusammenarbeiten. Aber mir geht es besser, nachdem ich Dampf abgelassen habe. In diesem Sinne: Alles Gute.

Mia Colt“

Die Antwort kommt prompt, nicht mal einen Tag dauert es diesmal:

„Hallo Frau Colt, Vielen Dank für die Mail.

Erst einmal tut es uns leid, dass dieser negative Eindruck von uns entstanden ist. Doch eigentlich war mit Herrn F und seinem Kollegen G besprochen worden, die Kommunikation in der Regel über die Headhunter-Firma laufen zu lassen, nur bei einem Kandidaten lief das über uns, vermutlich gab es in Ihrem Fall ein Missverständnis. Ich habe dazu Herrn F kontaktiert und warte hier auf Feedback.

Ich hatte jedenfalls unser Feedback auf das Gespräch Herrn F zwei Tage nach unserem Gespräch schriftlich und dann noch mal mündlich mitgeteilt. Der Inhalt des Feedbacks war, dass wir einen guten, angenehmen, smarten Eindruck von Ihnen hatten, uns das grundsätzlich vorstellen können, aber ihr fachlicher Schwerpunkt mit Fokus auf Online/Social Media/IT-Projekten nicht das ist, was wir suchen. Dass wir uns aber vorstellen können, mit Ihnen für mögliche andere Aufgaben in Kontakt zu bleiben (was sich ja jetzt vermutlich erledigt hat…).

Uns ist bewusst, dass Sie hier Zeit und Mühen investiert haben und daher tat es uns um so mehr leid, dass die Kommunikation hier wieder nicht geklappt hat… Entschuldigung.

Ihnen wünschen wir alles Gute“

Hach, schön. Ich hatte übrigens schon viele Bewerbungsgespräche, nach denen ich einfach überhaupt nichts mehr gehört habe. Wenn ich nachzähle, komme ich sicherlich auf zehn oder mehr. Das finde ich grundsätzlich – sorry – beschissen, aber ich habe mich fast schon daran gewöhnt und resigniert. In diesem speziellen Fall bekommt das Thema eine andere Dimension, weil wir es mit einem „Wiederholungstäter“ zu tun haben. Vielleicht liegt es am Ende doch an mir und meinem Wahnsinn, das gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten. Ich lasse das mal so stehen.

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(*) Wie angekündigt werde ich, um niemanden persönlich in die Pfanne zu hauen, in meinen Bewerberstories keine Namen nennen. Weder von Unternehmen und Personen noch von Städten. Auch die Titel der Jobs, auf die ich mich jeweils beworben habe, werde ich nicht nennen, um die Recherche zu erschweren.

Anekdote #2: Ernüchterung

Bewerbung: eine Achterbahnfahrt zwischen Zuversicht und Ernüchterung.
Bewerbung: eine Achterbahnfahrt zwischen Zuversicht und Ernüchterung.

Ich habe es angekündigt: Zu meiner Geschichte mit der PR-Agentur XY gibt es eine Fortsetzung. Hier kommt sie.

Nach dem ernüchternden Abschied von Frau A und Herrn C sitze ich im Zug nach Hause und überlege, was ich jetzt machen soll. Ich würde den beiden unglaublich gern sagen, wie sehr ich mich geärgert habe. Sie waren wie mehrfach betont die ganze Zeit freundlich und sympathisch. Das ändert aber nichts daran, dass sie leichtfertig meine Zeit verschwendet haben. Diese Respektlosigkeit ärgert mich maßlos. Um nichts über’s Knie zu brechen entscheide ich mich dazu, meinen Ärger in einer Mail zu formulieren, diese aber – zunächst – nicht abzuschicken. Innerhalb einer Woche wollen sie sich mit Feedback melden. Das will ich abwarten, bevor ich meinem Ärger Luft mache. Und vor allem will ich erst mal wieder runterkommen und die Sache mit ein wenig Abstand noch einmal betrachten.

Exakt eine Woche nach dem Termin ruft HR bei mir an – tatsächlich. Das hatte ich nicht erwartet. Die Dame am Telefon ist sehr freundlich und erklärt folgendes: „Sie hatten letzte Woche das Gespräch mit Frau A und Herrn C. Die beiden haben Ihnen ja schon im Gespräch gesagt, dass Sie nicht so gut auf die Stelle passen, auf die Sie sich beworben haben, weil Ihnen die Erfahrung in disziplinarischer Führung fehlt.“ – Äh… WAS? Über das Thema Führung hatten wir überhaupt nicht gesprochen! Die wollten mich nicht, weil ich zu digital bin. Weil es mir inzwischen völlig egal ist, warum ich die Absage bekomme, sage ich einfach: „Ja, richtig.“ Die HR-Dame setzt wieder an: „Allerdings haben Sie die beiden sehr beeindruckt. Darum möchten wir Sie zu einem zweiten Gespräch einladen. Wir haben keine konkrete Stelle für Sie im Sinn, aber wir möchten schauen, ob wir nicht eine für Sie schaffen können.“

Damit habe ich nun als letztes gerechnet. Umso mehr freue ich mich darüber, dass ich die Mail mit meinem Feedback zum Gespräch nicht abgeschickt habe. Frau A und Herr C haben zwar eine schlechte Figur im Gespräch gemacht, die Arbeit von XY hat mir aber grundsätzlich gefallen und darum bin ich weiterhin nicht abgeneigt, dort anzufangen. Ich bekomme eine Einladung zu einem Gespräch mit dem Managing Director persönlich, Herrn D. Natürlich nicht ohne den erneuten Hinweis darauf, dass meine Fahrtkosten nicht erstattet werden können. Ich bereite mich auf das Gespräch vor und nehme mir vor, das Thema „schlechte Gesprächsvorbereitung“ bei Gelegenheit anzuschneiden. Ich übe sogar, die Angelegenheit möglichst sachlich vorzutragen – ich will ja nicht wie eine beleidigte Leberwurst erscheinen oder zickig wirken.

Herr D holt mich gut gelaunt am Empfang ab. Er ist locker und freundlich, ich finde ihn sehr sympathisch. Seine erste Frage auf dem Weg zu seinem Büro lautet: „Und, was haben Frau A und Herr C für einen Eindruck auf Sie gemacht?“ Hm. Der Büroflur ist nun wirklich nicht das richtige Terrain für dieses Thema. Und der Zeitpunkt ist taktisch äußerst unklug, wir sind in der Smalltalk-Phase. Also erst mal kein Wort von meinem Ärger, lieber abwarten. Herr D hat sich tatsächlich auf mich vorbereitet und wir haben ein sehr gutes Gespräch. Er stellt Fragen, hört zu, macht sich Notizen und überlegt, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte. Es steht eine große Beauftragung von einem Unternehmen aus, das ich aus diversen Projekten gut kenne.

„Wenn dieses Projekt kommt, brauche ich genau so jemanden wie Sie. Das kann sich innerhalb der nächsten drei Wochen entscheiden, kann sich aber auch noch etwas verzögern.“ Das klingt gut. Und glaubwürdig – wie gesagt, ich kenn das Unternehmen, um das es geht. Lang angekündigte Beauftragungen können da von heute auf morgen kommen. Oder auch komplett ausbleiben. Wir verbleiben so, dass wir uns auf den „gängigen sozialen Kanälen vernetzen“ (O-Ton Herr D) und er sich bei mir meldet, sobald er Infos zu dem Projekt hat. „Sollte sich bei Ihnen in der Zwischenzeit etwas tun – ein anderes Jobangebot oder so – melden Sie sich bitte unbedingt bei mir“, sagt er noch. „Vielleicht können wir dann auch etwas beschleunigen.“ Er betont noch einmal, dass das Gespräch sehr positiv gelaufen ist und dass ich wirklich gut ins Unternehmen und in das Projekt passen würde.

Ich fühle mich richtig gut nach dem Gespräch – das sind doch tolle Aussichten! Tatsächlich vernetzen wir uns bei Xing und LinkedIn. Mehr passiert allerdings nicht. Ich höre nie wieder von ihm. Auf meine Mail, die ich ihm vor vier Wochen geschickt habe – ich sollte ihn ja benachrichtigen, wenn sich bei mir etwas tut – habe ich bis heute keine Antwort bekommen. Ich weiß aber, dass er sie gelesen hat. Schließlich hat er mein Profil seitdem nochmals besucht. Wenigstens eine Absage habe ich erwartet, nachdem ich zweimal angereist bin. Im Zweifel gibt es für so etwas auch Textbausteine. Aber das scheint eine überzogene Erwartung von mir zu sein.

Anekdote #1: Die Sache mit der Augenhöhe

Die Sache mit der Augenhöhe.
Die Sache mit der Augenhöhe.

Ich wollte mir ein bisschen Zeit lassen mit meiner ersten Bewerberstory. Aber nachdem meine Ankündigung vorgestern so hohe Wellen geschlagen hat (danke an dieser Stelle für all eure Nachrichten, Kommentare, Likes, Klicks, Shares, Favs, Sonstiges – you made my day!), habe ich beschlossen, den Schwung mitzunehmen und gleich loszulegen. Wie angekündigt werde ich keine Namen nennen – weder von Unternehmen noch von Personen. Und um euch die Recherche so schwer wie möglich zu machen, werde ich auch die Städte verschweigen und die Titel der Positionen, auf die ich mich jeweils beworben habe, unterschlagen. Los geht’s:

Im März 2015 bewerbe ich mich bei der renommierten PR-Agentur XY (ca. 350 Mitarbeiter, Teil einer großen Gruppe). Die Jobbeschreibung klingt super, eine Reaktion erfolgt prompt: HR ruft mich zwei Tage nach meiner Bewerbung an. „Frau Colt, wir haben uns Ihren Lebenslauf angeschaut und finden, dass Sie nicht ganz auf diese Stelle passen, weil Sie keine Erfahrung in der Healthcare-Branche mitbringen (das stimmt, Anm.). Dafür haben wir eine andere Stelle, gleicher Jobtitel, auf die Sie passen. Wenn Sie flexibel sind, würden wir Sie gerne zu einem Gespräch für diese Stelle einladen.“ Das Engagement beeindruckt mich – und ich sage erfreut zu. Der Termin wird auf Mitte April festgesetzt.

Die Sache mit dem Healthcare-Bereich lässt mir allerdings keine Ruhe. Auf so eine Stelle hätte ich mich nicht beworben, weil mir wirklich die Erfahrung fehlt – und ich kann mich nicht erinnern, etwas von Healthcare gelesen zu haben. Ein Blick in die XY Jobbörse zeigt: Es sind zwei Stellen mit dem gleichen Jobtitel ausgeschrieben. Eine mit Healthcare, eine ohne, beide stehen direkt untereinander. Die Spezifizierung findet sich erst im letzten Satz der Anzeige, ansonsten sind die Jobbeschreibungen identisch. Ich habe offenbar die eine Anzeige gelesen und mich fälschlicherweise auf die andere beworben. Ist ja noch mal gut gegangen: Die HR-Kollegen haben meinen Fehler ausgebügelt. Danach kann ich den Satz in der Einladungsmail „Abschließend möchten wir Sie noch darauf hinweisen, dass die anfallenden Fahrtkosten für das Vorstellungsgespräch durch XY nicht übernommen werden können.“ etwas besser wegstecken.

Ich bereite mich auf das Gespräch vor und stelle fest, dass mir XY immer besser gefällt. Einige der Kunden, die dort betreut werden, finden sich auch in meinem Portfolio. Andere stammen zumindest aus Branchen, in denen ich viel Erfahrung habe. Die Arbeitsweise sagt mir zu. Ich schaue mir Projekte und Kampagnen an, durchforste W&V und Horizont nach News, grase die sozialen Medien ab, lese die Lebensläufe der Gesprächsteilnehmer auf Xing – was man halt so tut wenn man es ernst meint. Die Frage: „Warum wollen Sie unbedingt zu uns?“ kann ich aus dem Handgelenk beantworten. (Pro-Tipp: Auf diese Frage immer besonders gut vorbereiten!)

Dann ist es so weit. Ich werde von Frau A am Empfang abgeholt, die mir sagt, dass Herr B nicht am Gespräch teilnehmen wird, sie dafür aber Herrn C dazugeholt hätte. Der käme gleich, er wäre noch in einem anderen Termin. Im Meeting-Raum legt sie meinen Lebenslauf auf den Tisch und beginnt, darin zu lesen. Plötzlich ein überraschter Ausruf: „Ach! Sie haben ja ALPHA (Fantasiename, Anm.) beraten! Da arbeitet mein Mann!“ ALPHA ist so ziemlich das erste, was in meinem Lebenslauf steht. Für mich klingt das, als hätte sie bis zu diesem Moment noch nicht einen einzigen Blick darauf geworfen. Dieser Verdacht soll sich während des Gesprächs erhärten.

Wir plaudern nett bis Herr C kommt und sich vorstellt: „Ich bin hier, weil ich in meiner Abteilung eine ähnliche Stelle besetzen möchte wie Frau A. Da geht es um den Bereich Healthcare und da wollte ich schauen, ob Sie vielleicht besser zu uns passen, Frau Colt.“ Ich versuche, mich nicht am Wasser zu verschlucken und sage: „Aha, ja, das klingt interessant für mich… Suchen Sie jemanden, der schon Erfahrung in dem Bereich hat?“ – „Auf jeden Fall. Healthcare ist kein Bereich, in den man sich mal eben einarbeitet. Und Sie haben sich auf eine Senior-Position beworben. Da erwarten wir einiges an Erfahrung.“ Frau Colt nickt, lächelt und denkt sich ihren Teil: Kommunikation in einer Kommunikations-Agentur. Unwahrscheinlich.

Die erste Bitte an mich lautet wie üblich: „Erzählen Sie etwas über sich.“ Während ich das mache, hört keiner zu. Beide lesen geschäftig in meinem Lebenslauf und unterstreichen Textstellen. Hier muss ich kurz ausholen, das wird gleich wichtig: Ich habe Online-Redakteur studiert. Ich habe ein Volontariat in einer Online-Redaktion absolviert. Ich habe berufsbegleitend Leadership in digitaler Kommunikation studiert, während ich in einem großen Konzern das Intranet betreut und sonstigen digitalen Kram gemacht habe. Ich habe die letzten fünf Jahre in einer Digitalagentur gearbeitet, die nach ihrer Umfirmierung das Wort „digital“ auch im Namen trägt (beide Gesprächsteilnehmer sagen mir übrigens, dass sie noch nie von dieser Agentur gehört hätten – hier hätte Google helfen können, Anm.). Sämtliche in meinem Lebenslauf aufgeführten Projekte sind digital. In a Nutshell: Ich bin durch und durch digital. Und das alles steht in meinem Lebenslauf.

Als ich schweige (ich bin fertig mit „etwas über mich erzählen“, Anm.) blicken beide erschreckt auf. Keine Rückfragen. Herr C fasst sich als erster und stellt mir folgende Frage: „Mich interessiert, ob Sie sich auf das Gespräch vorbereitet haben. Erzählen Sie mal: Was wissen Sie über uns?“ Fast entgleisen meine Gesichtszüge. Ich bekomme Lust, mein iPhone auszupacken, die XY Website aufzurufen und ihnen ihren „Über uns“-Text, der da sicher irgendwo zu finden ist, vorzulesen. Aber ich beherrsche mich. Die beiden sind völlig unvorbereitet aber sympathisch und sehr freundlich, sage ich mir, und ich finde XY noch immer gut.

Wir unterhalten uns eine Stunde lang, stellen uns gegenseitig Fragen. Die Healthcare-Stelle ist schnell vom Tisch, aber die andere steht ja noch aus. Meine letzte Frage lautet: „Was haben Sie denn jetzt für einen Eindruck – glauben Sie, ich passe auf die Stelle?“ Die Antwort von Frau A haut mich um: „Ich habe den Eindruck, dass Sie eher digital geprägt sind. (ACH WAS!!! Anm.) Wir suchen jemanden, der sich extrem gut in den klassischen Kommunikationskanälen auskennt.“ Nun gut. Die letzte Stunde hätten wir alle sinnvoller verbringen können.

Wir haben uns dann voneinander verabschiedet. Aber: Es gibt einen Teil II zu dieser Geschichte.

Es wird ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass ein Bewerber sich auf ein Vorstellungsgespräch vorbereitet. Und das ist auch richtig so – alles andere macht keinen Sinn. Ich bin allerdings der Meinung, dass so ein Gespräch auf Augenhöhe stattfinden muss. Dazu muss sich die andere Seite auch vorbereiten. Mit der Selbstverständlichkeit, wie die beiden sich nicht auf mich vorbereitet, von mir aber Vorbereitung erwartet haben, haben sie ein deutliches Gefälle geschaffen. Die beiden haben mich in die Rolle der Bittstellerin gedrängt, ganz nach dem Motto: „Sie, Frau Colt, wollen schließlich etwas von uns.“ Ich verstehe Recruiting anders. Die wollen doch auch etwas von mir – oder nicht?

Arbeitslos und trotzdem sexy

Mit beiden Füßen fest auf dem Boden: Mia Colt.
Mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehend: Mia Colt.

Ich lese es immer wieder: Unternehmen beschweren sich darüber, dass ihnen die qualifizierten Bewerber ausbleiben. Sie ärgern sich darüber, dass sie ihre Mitarbeiter im Ausland rekrutieren müssen. Sie meckern über die verzogene Generation Y, die Ansprüche stellt und sich nicht in gewohnte Abläufe fügen will oder kann. Schuldige sind schnell ausgemacht: Die Schulen, die Ausbildungsstätten, die Hochschulen, das Internet, die Eltern – die Liste lässt sich unendlich fortführen. Allesamt haben sie versagt und mit der Generation Y (sorry, die muss doppelt vorkommen) einen verwöhnten Haufen Nichtskönner mit überzogenem Selbstbewusstsein auf die armen Unternehmen losgelassen.

Wen wir nicht auf der Liste finden werden sind die Unternehmen selbst. Die haben es sich in ihrer Opferrolle nett eingerichtet und jammern lieber. Dabei könnten sie sich einfach mal ein paar Fragen stellen. Zum Beispiel die: „Sind vielleicht wir es, die überzogene Ansprüche an die Bewerber haben?“ Oder: „Verprellen wir die guten und qualifizierten Bewerber, weil wir nicht wertschätzend mit ihnen umgehen?“ Oder: „Sind unsere Bewerber-Tools einfach Kacke – so in Sachen Usability?“ Oder auch: „Sind wir vielleicht schlichtweg – sorry – zu blöd, die qualifizierten Bewerber zu erkennen?“

Mike Schnoor hat ebenfalls einen Artikel zu diesem Thema verfasst. Unter dem Titel „Was ist dran am Mythos Fachkräftemangel?“ beschreibt er das Problem wie folgt: Es sind häufig die Ansprüche der Unternehmen, die mit der Realität wenig zu tun haben und im Grunde gar nicht erfüllt werden können. Und es ist die viel zitierte „Geiz ist geil“-Mentalität, die in Deutschland auch den Arbeitsmarkt im Griff zu haben scheint. Schnoor: „Den Stellenwert des ‚Senior Irgendwas’ wiederum müssen sich selbst qualifizierte Mitarbeiter mit mindestens einer Dekade an Erfahrung, idealerweise in Leitungs- und Führungspositionen erarbeiten, um dann doch von einem anderen Kandidaten für ein um 20.000 Euro geringeres Jahresgehalt ausgestochen zu werden.“

Ich oute mich: Ich bin zurzeit arbeitslos. Das zu schreiben kommt mir fast wie eine Selbst-Stigmatisierung (gibt es so was?) vor. Ich bin Bewerberin, ich suche einen Job. Nicht erst seit gestern, sondern schon seit ein paar Monaten. Das ist mir sehr peinlich, denn die Jobs für qualifizierte Bewerber liegen schließlich auf der Straße. Wer da nichts findet – mit der / dem stimmt etwas nicht. Die / der hat’s halt einfach nicht drauf. Oder sie / er hat völlig überzogene Ansprüche. So ist es doch! Oder? Nun, ich halte mich für durchaus qualifiziert in meinem Bereich. Ich habe Studienabschlüsse, Erfahrungen, Referenzen, einen ordentlichen Lebenslauf, sehr gute Zeugnisse. Ich bin ein freundlicher und kommunikativer Mensch, der respektvoll und neugierig auf andere zugeht. Und trotzdem will mich keiner.

Ich weigere mich, die Schuld dafür ausschließlich bei mir zu suchen. Ich wurde (betriebsbedingt, wie es so schön heißt) gekündigt, das hat meinem Ego schon genug geschadet. Darum klage ich jetzt mal zurück, liebe Unternehmen: Ich sehe, dass auf eurer Seite qualifizierte Bewerbungsprozesse fehlen. Ich sehe Tools, die euch das Leben erleichtern – die es mir aber fast unmöglich machen, einen vernünftigen Lebenslauf und Referenzen hochzuladen (klingt lächerlich, ist aber wahr). Ich sehe lieblos dahingerotzte Stellenausschreibungen voller Fehler. Und ich vermisse auf eurer Seite Menschen, die mir und meiner Zeit mit der notwendigen Wertschätzung begegnen. Ihr wollt, dass ich künftig jede Woche 40 Stunden lang loyal das erledige, was ihr allein nicht schafft. Ihr seid diejenigen, die nicht allein klarkommen. Ein bisschen mehr Demut gegenüber euren Bewerbern würde euch gut stehen.

Ich bin seit mehreren Monaten aktiv auf der Suche nach einem neuen Job. Ich habe Bewerbungen rausgeschickt, hatte demensprechend viele Kontakte mit Unternehmen, Agenturen und Headhuntern. Ich hatte einige Vorstellungsgespräche. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, sind völlig unterschiedlich. Unterschiedlich mies. Ich bleibe regelmäßig fassungslos zurück, weil ich einfach nicht glauben kann, wie mit mir und mit meiner Zeit umgegangen wird. Da ich sicher nicht die einzige qualifizierte Bewerberin in ganz Deutschland bin, die derartige Erfahrungen macht, werde ich meine lustigen / schlimmen / unglaublichen Geschichten ab jetzt mit euch teilen.

Was das soll? Ich möchte nicht glauben, dass mit mir etwas nicht stimmt, weil ich es trotz intensiver Bemühungen nicht geschafft habe, innerhalb der zwei Monate meiner Kündigungsfrist einen neuen Job zu finden. Ich möchte meine Ansprüche an einen Job nicht herunterschrauben, nur um das Prädikat „arbeitslos“ möglichst schnell ablegen zu können. Ich möchte nicht als „unqualifiziert“ abgestempelt werden. Ich möchte viel lieber die andere Seite der Medaille beleuchten und zeigen, dass mit ganz vielen Unternehmen etwas nicht stimmt. Und ich möchte allen Mut machen, die in der gleichen Situation sind wie ich:
Mit uns ist alles in Ordnung. Wir haben bloß zurzeit keinen Job.

Also: Meine Anekdoten aus der Bewerberwelt demnächst hier, in diesem Theater.

P.S.: Mir geht es nicht darum, einzelne Personen oder Unternehmen anzuschwärzen, sondern darum, meine Situation an sich zu beschreiben. Darum werde ich natürlich keine Namen nennen – weder von Personen noch von Unternehmen. Für die Echtheit der Geschichten garantiere ich aber.

P.P.S.: Wer mir im Gegenzug seine Bewerbergeschichte(n) erzählen möchte, kann das gerne tun. Ich werde bestimmt antworten – ich hab ja gerade viel Zeit…

P.P.P.S.: Den Titel für den Artikel habe ich in Anlehnung an einen uralten Song von Knochenfabrik gewählt: „Obdachlos und trotzdem sexy“.