Von Pedro Szekely from Los Angeles, USA - Bolivian Flamingos, CC BY-SA 2.0

Anekdote 5#: Das verrückteste Bewerbungsgespräch EVER. Oder: Wie ich ein Flamingo wurde

Von Pedro Szekely from Los Angeles, USA - Bolivian Flamingos, CC BY-SA 2.0
Von Pedro Szekely from Los Angeles, USA – Bolivian Flamingos, CC BY-SA 2.0

Es ist jetzt eine ganze Weile her, dass ich angekündigt habe, euch die verrückteste (sympathisch verrückt) meiner Bewerber-Stories zu erzählen. Dafür wollte ich warten, bis meine Probezeit rum ist. Dass ich in der Zwischenzeit überhaupt nichts mehr schreibe – damit hatte ich selbst nicht gerechnet. Aber gut. Hier bin ich wieder und hier kommt mit etwas Verspätung die versprochene Geschichte. Diesmal wird es schwer, die Beteiligten geheim zu halten. Ich bin sicher, der ein oder andere wird sich oder den ein oder anderen hier wiedererkennen. Ich nenne trotzdem keine Klarnamen. Los geht’s:

Im Juni 2015 entdecke ich die Stellenausschreibung einer Werbeagentur. Die Agentur – nennen wir sie W. – kenne und mag ich, zwei Jahre zuvor hatte ich es schon einmal dort versucht. Damals hatte es nicht geklappt. Trotzdem habe ich W. in guter Erinnerung behalten. Gleichzeitig mit meiner Entdeckung macht mein lieber Freund A. mich auf eben diese Stelle aufmerksam. Er weiß, dass ich auf Jobsuche bin und schickt mir immer mal wieder Links zu interessanten Stellen. A. rät mir, ihn bei der Bewerbung als Referenz anzugeben. Der Geschäftsführer von W. und er kennen sich von früher. Kann ja nicht schaden, denke ich. Meine Bewerbung schicke ich direkt an den Geschäftsführer M. Mit Hinweis auf meinen guten Freund A.

Eine Stunde nach dem Absenden meiner Bewerbung habe ich einen neuen Follower auf Twitter: den Geschäftsführer von W. Das verunsichert mich irgendwie. Die Tatsache, dass ich paranoid bin bedeutet schließlich nicht, dass sie mich nicht wirklich verfolgen. Hier nun der Beweis. Ich habe keine Ahnung, wie so schnell eine Verbindung zwischen meinem echten Namen und meinem Twitter Account hergestellt werden kann. Eigentlich gibt es da keine Verbindung. Dachte ich zumindest. Wie dem auch sei: Einen Tag später erhalte ich schon eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bei W.

Ich bereite mich ausführlich vor und bin ein bisschen aufgeregt. Stelle und Agentur klingen nach einer Traumkombination. Ich gehe sogar so weit, zum Gespräch ein Kleid in der CI-Farbe des Unternehmens anzuziehen. Ich Streberin. Mein Termin ist um 15 Uhr. Bereits um 14.35 drücke ich mich vor dem Gebäude herum. Nach zwei Runden um den Block entschließe ich mich, einfach schon mal zu klingeln. Es ist zu heiß draußen. Lieber bin ich viel zu früh da als vollkommen verschwitzt. Um 14:45 werde ich total freundlich und herzlich von S. empfangen und in einen Konferenzraum geführt. Die Kollegen, die dort gerade ein Meeting haben, werden kurzerhand rausgeschmissen. (Falls ihr mitlest und euch daran erinnert: Sorry, Leute!) Im Raum steht ein großer Flamingo. Das gefällt mir. Ich mag so schräge Vögel.

Dann folgt die Getränkeauswahl. Ich entscheide mich für ein Wasser. S. ist enttäuscht: „Du, wir haben aber total viel anderes Zeug hier! Willst du nicht was anderes? Zum Beispiel Fritz Cola. Da haben wir die normale und light. Oder Limo von Proviant. Willst du vielleicht Apfel, Orange, Zitrone … Oder warte mal: Magst du LemonAid? Da haben wir auch ganz viele Sorten da!“ Um ihm eine Freude zu machen, wechsle ich von Wasser zu LemonAid. Die grüne. „Oh, die grüne haben wir nicht.“ Na gut, irgendeine andere. Die bekomme ich gebracht. S. geht raus und gibt F. die Klinke in die Hand. Es ist erst 14.50 Uhr aber das Vorstellungsgespräch geht offenbar direkt los.

F. ist ein total sympathischer Vogel, den ich auf Anhieb mag. Ich nenne kurz meinen Namen und da fängt er schon an zu plaudern: Wir müssten noch auf den Geschäftsführer M. warten, der käme gleich. In der Zwischenzeit wolle F. mir aber schon einmal etwas über W. erzählen. Das macht er dann auch. Ich lausche atemlos und warte auf einen guten Moment, um einzuhaken und entweder eine schlaue Frage zu stellen oder etwas anderes Intelligentes beizutragen. Schließlich habe ich mich ganz ausführlich auf das Unternehmen und das Gespräch vorbereitet und möchte jede Chance nutzen, hier zu glänzen. Ich finde aber keine geeignete Lücke. Also weiter zuhören, lächeln, zustimmend nicken.

Um 15.10 geht die Tür auf. M. kommt herein. In der Hand hält er – eine Flasche LemonAid. Die grüne. Natürlich. Er begrüßt mich total freundlich und ist mir gleich sympathisch. Vor allem, als er mich auf meine LemonAid anspricht: „Ah, du hast LemonAid bekommen. Ich hätte dir ja zu einer grünen geraten. Die ist wirklich toll. Trinke ich am liebsten!“ Ich sage kurz Hallo und meinen Namen und dann geht es auch schon weiter. M. übernimmt nahtlos, die beiden sind offenbar ein eingespieltes Team: „Ich weiß nicht, was F. dir schon erzählt hat. Ich erzähle dir jetzt erst einmal etwas über W.“ Es folgt ein Monolog über W., der mir irgendwie bekannt vorkommt … F. klinkt sich immer wieder ein: „Genau. Das hab ich ihr auch gerade erzählt.“ Das hält M. nicht davon ab, munter weiter zu erzählen.

Zur Sicherheit
Zur Sicherheit

Ich werde langsam nervös. Die Stelle, um die ich mich beworben habe, beinhaltet Führungsverantwortung. Wenn ich da jetzt stumm wie ein Fisch sitze und kein Wort sage – das wirkt doch total unsicher und entspricht auch überhaupt nicht meinem Naturell. Man kennt mich allgemein als Plaudertasche. Aber auch in M.s Erzählung finde ich einfach keine Möglichkeit, einzuhaken. Plötzlich fällt mir auch auf, dass wir an einem extrem hochwertigen Holztisch sitzen und alle außer mir Untersetzer unter ihren Gläsern haben. So Gummidinger die aussehen wie Disketten. Neben ‚Mist, ich muss auch mal was sagen!’ werde ich jetzt wegen des Tisches zusätzlich nervös: ‚Kacke, was ist, wenn mein Glas Ränder auf dem Holz hinterlässt?’ Ich bin total angespannt und werfe immer wieder verstohlene Blicke auf meine Uhr während ich überlege, wie ich unauffällig so einen Untersetzer von der Tischmitte zu mir rüberziehen kann.

Endlich: M. klappt seinen Laptop auf. „Jetzt möchte ich …“, er klickt ein bisschen herum und ich beende in Gedanken seinen Satz: ‚… etwas über dich erfahren.’ Vermutlich hat er gerade meinen Lebenslauf aufgerufen. Ich bereite mich auf meinen Einsatz vor. Pustekuchen. Sein Satz endet wie folgt: „… dir die Liste unserer Kunden vorlesen.“ Ich klappe innerlich zusammen, als er das wirklich tut. Es ist 15.36 Uhr und ich habe noch immer kein einziges Wort gesagt. Gegen 15.39 Uhr dann doch noch die Überleitung: „Erzähl doch mal etwas über dich.“ Endlich! Ich beginne mit einem Hinweis auf die Empfehlung durch meinen Freund A. Blöde Idee. Ganz blöde Idee …

„Ja, Mia, da muss ich dich gleich mal unterbrechen“, haut M. mitten in meinen allerersten Satz rein. Er wendet sich an F.: „Ich kenne A. von früher. Du weißt ja gar nicht, wer das ist …“ Und plötzlich dreht sich das Gespräch um meinen guten Freund A. Ich hab ihn echt gern, aber das hier soll doch meine Show sein! Inzwischen ist jede Minute kostbar, denn der Termin geht offiziell nur bis 16 Uhr. Na gut, die letzten Minuten werden dann doch noch irgendwie zu einem richtigen Gespräch. Ich bekomme einen Redeanteil, kann ein bisschen über mich erzählen und ein paar Fragen stellen. Um 16.10 Uhr allerdings stellt M. erschreckt fest, dass er seit 10 Minuten schon einen anderen Termin hat. Er muss ganz hektisch aufbrechen.

„Pass auf, Mia. Ich schreibe dir gleich eine Mail mit ein paar Fragen zu Einstiegstermin und Gehaltsvorstellung und so weiter, das machen wir dann einfach schriftlich“, ruft M. beim Hinausgehen über die Schulter. Und schon ist er weg. F. nimmt sich ein bisschen mehr Zeit für die Verabschiedung. Aber schließlich stehe ich vor der Tür und weiß nicht recht, was ich von dem Gespräch halten soll. Das war alles so verrückt, dass ich mich erst mal sortieren muss. Was mich am meisten wundert: Ich habe überhaupt kein schlechtes Gefühl. W. gefällt mir trotz – oder gerade wegen? – dieser beiden schrägen Vögel (und des Flamingos) total gut.

Ich lasse das Gespräch revue passieren: Ich kam kaum zu Wort. Ja. Aber auch nur, weil die beiden so begeistert über W. erzählt haben. Ich konnte spüren, wie sehr sie dem Laden verbunden sind und wie viel er ihnen bedeutet. Das war ansteckend und ich habe Lust, ein Teil dieses besonderen Kosmos zu werden. In der Retrospektive muss ich anerkennend sagen: Die beiden haben ihre Sache an diesem Tag verdammt gut gemacht. Ich allerdings bleibe zurück mit der Frage, ob ich denn überhaupt irgendeinen Eindruck hinterlassen habe.

M. schreibt mir tatsächlich am gleichen Abend die versprochene Mail. All die sachlichen/geschäftlichen Fragen, die sonst wie Stimmungstöter im Vorstellungsgespräch wirken, haben wir komplett aus dem Gespräch rausgehalten. Sicher unfreiwillig. Aber die Wirkung ist gar nicht so übel. Ich schreibe eine Antwort-Mail, nenne meine Rahmenbedingungen, meine Gehaltsvorstellung. Dabei muss ich mich nicht zwingen, selbstbewusst Augenkontakt zu halten, um nicht unsicher zu wirken und gleichzeitig jede Gefühlsregung meines Gegenübers flugs interpretieren zu können: ‚Hab ich zu viel gefordert? Liege ich genau richtig? Oder gar völlig drunter – ich Trottel?‘ Alles ganz easy diesmal. Ich klicke auf senden. Und dann warte ich ab.

Es dauert ein bisschen länger als angekündigt, bis ich wieder von W. höre. S. schreibt mir. Er entschuldigt sich für die längere Wartezeit und schlägt mir einen Termin für ein zweites Gespräch vor. Damit hatte ich gar nicht mehr gerechnet. Erfreut sage ich zu. Am Morgen des Gesprächs bin ich im Wald, um eine Runde zu laufen. Als ich die Musik einschalten und loslaufen will, erreicht mich eine E-Mail von M. Ich beschließe, sie lieber sofort zu lesen. Vielleicht soll ich früher kommen oder gar nicht oder sonst was … Ich lese folgenden Text:

„Hallo Mia,
hatte S. jetzt heute einen Termin mit Dir festgemacht? Bin mir nicht sicher … Könntest Du immer noch heute vorbeikommen? Bei mir im Kalender steht ein Termin von 14-15 Uhr. Wenn unser Angebot für Dich immer noch interessant sein sollte, würden wir uns freuen, wenn Du zeitnah bei W. anfängst.
Bis später! M.“

Was soll ich sagen? Diese (sorry: verrückte) Mail erreichte mich am 19. August 2015. Keine zwei Wochen später, am 1. September, hatte ich meinen ersten Arbeitstag bei W. Manchmal geht’s eben ganz schnell. Meine Probezeit ist inzwischen rum und es sind viele weitere verrückte Dinge passiert. Ich bin noch immer dort. Trotz oder wegen dieser Verrücktheiten? Vielleicht beides. W. ist einfach furchtbar liebenswert und ich bin froh, heute ein Teil dieses Kosmos zu sein. Ein Flamingo. Denn der große pinke Vogel im Konferenzraum – das hab ich später erfahren – ist das Wappentier des Kölner Standorts von W. Am Ende sind wir nämlich alle ziemlich schräge Vögel.

P.S.: Das Rätsel mit dem Twitter Account habe ich nicht lösen können. M. hat behauptet, dass es ein komischer (verrückter?) Zufall gewesen sein muss, dass er unmittelbar nach meiner Bewerbung zu meinem Follower wurde – er hatte zumindest nicht aktiv nach mir gesucht.

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