Archiv für den Monat: April 2017

Spieltrieb

Heute habe ich zum ersten Mal nach gut zwei Jahren wieder das Bedürfnis, einem gerade beendeten Roman ein paar Zeilen zu spendieren. Ich habe in der Vergangenheit sehr viel gelesen. Und es war auch sehr viel Gutes dabei. Aber nichts davon hat den Drang ausgelöst, meine Gedanken mit jemandem zu teilen. „Spieltrieb” von Juli Zeh hat mich umgehauen. Und das will raus. Wie so oft ist es weniger die Handlung als vielmehr die verwendete Sprache, die mich fasziniert und – achtung, Wortspiel! – sprachlos zurücklässt. Ich weiß gar nicht so recht, was ich jetzt sagen soll.

Juli Zeh, „Spieltrieb“

Ich habe ein paar Tage mit Ada, Alev und Smutek verbracht. Alles spannende und ungewöhnliche Charaktere, die Zeh glaubhaft konstruiert. Das Spiel, das die drei miteinander treiben, hat mich zunächst nur am Rande interessiert. Mich haben die Dialoge gefesselt, welche die Protagonisten miteinander geführt haben. Dass das Spiel einen sich zurzeit vollziehenden gesellschaftlichen Wandel aufzeigt und mir meine eigene Kleinbürgerlichkeit vor Augen führt, ist mir erst am Ende klar geworden, als Ada ihr flammendes Plädoyer hält. Hier ein Auszug:

“Der ideale Mensch ein geistig-sittliches Wesen? Nicht isoliert und selbstherrlich? Gebunden an und bezogen auf die Gemeinschaft? […] Wir wollen keine Gemeinschaft. Wir wollen unsere Ruhe. Nennen Sie es isoliert. Nennen Sie es selbstherrlich. Wir sind der banalen und kleinkrämerischen Reglementierungen müde, die uns bei Strafe zwingen, ein Licht an unser Fahrrad zu schrauben, mit dem Rauchen bis zum sechzehnten Lebensjahr zu warten und unsere Autos für zwei Euro pro Stunde in ein Kästchen zu stellen, das irgendjemand fein säuberlich auf den Boden gemalt hat, während wenige Flugstunden entfernt ganze Welten verbrennen, vertrocknen, ersaufen, explodieren, verbluten.” (S. 551)

Ich habe das Buch erst vor einer halben Stunde zugeschlagen und habe jetzt schon das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Vielleicht lese ich es noch einmal. Vielleicht widme ich mich aber auch erst einmal ein paar anderen Romanen von Juli Zeh. Da gibt es ja schon ein paar. Zum Beispiel „Unter Leuten”, das ich ebenfalls empfehlen kann. Dieser Roman war im November des vergangenen Jahres mein Einstieg in Zehs Werk. Auf meinem Nachttisch liegen „Nullzeit” und „Corpus Delicti” bereit. Ich bin gespannt.