Archiv für den Monat: November 2014

Blut für Blut

Rebekka Holm hat ihren Job gewechselt: Sie hat die Mobile Spezialeinheit der dänischen Kripo verlassen, die sie in „Vergeltung“ nach Ringkøbing geschickt hat. Jetzt arbeitet sie im Ermittlerteam der Kopenhagener Mordkommission. In „Blut für Blut“, ihrem zweiten Fall, treffen wir sie mitten in den Ermittlungen im Fall eines Serienvergewaltigers an (als Mitarbeiterin der MORD-Kommission? Na gut…). Aber eine Leiche lässt nicht lange auf sich warten: Die bekannte Sozialarbeiterin Kissy Schack wird brutal ermordet aufgefunden. Rebekka wird sofort von den Ermittlungen in Sachen Serienvergewaltiger abgezogen und stattdessen auf den Mord angesetzt.

Kissy Schack wird von einem Gärtner mit seinem Rasenmäher überfahren. Bisschen eklig gleich zu Beginn, aber auch für jemanden mit meinen Nerven gut aushaltbar. Der Gärtner ist aber nicht der Mörder. Er hat vielmehr Kissys Leiche überfahren. Rebekka ermittelt gemeinsam mit ihrem neuen Kollegen Reza Aghajan. Die beiden sind noch nicht lange ein Team, aber es zeichnet sich bereits ab, dass sie zusammenwachsen werden. Sie passen gut zueinander und verstehen sich hervorragend.

Das gilt natürlich nicht für das gesamte Team der Mordkommission. Rebekka ist noch neu und muss sich bei ihren Kollegen erst beweisen. In einigen Fällen scheint das aber aussichtslos. Somit bleibt Rebekka weiterhin diejenige, die überall aneckt, sich mit fast jedem streitet und unpopuläre Meinungen und Ansichten vertritt. Für mich heißt das: Sie bleibt sich treu. Und das gefällt mir. Und Rebekka wäre nicht Rebekka, wenn sie die Ermittlungen im Fall des Serienvergewaltigers von heute auf morgen links liegen lassen könnte. Sie steckt ihre Energie in die Mordermittlungen und kümmert sich gleichzeitig um den anderen Fall.

Wie auch im ersten Teil verzichtet Julie Hastrup auf allzu detaillierte Beschreibungen von Gewalt und blutrünstiger Brutalität. Stattdessen konzentriert sie sich auf Verhöre, Verstrickungen und Charaktere. Wir erfahren wieder sehr viel über das Privatleben von Rebekka und Co. Irgendwie scheint Hastrup subtil an einem wachsenden Alkoholproblem der Protagonistin zu arbeiten. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Vielleicht sind die Passagen über Rebekkas Privatleben hin und wieder etwas langatmig ausgefallen. Ich kann das aber verzeihen und freue mich schon sehr auf den dritten Fall. Fazit also auch diesmal: Absolut lesenswert.

Vom Lieben und Sterben

Hauptkommissar Claudius Zorn und sein Kollege / Assistent Schröder haben mal wieder für mich ermittelt. Und ich glaube fast, dass sie das zum letzten Mal getan haben. Ich hab ja schon in der Rezension zu „Tod und Regen“ behauptet, dass Stephan Ludwig ein guter Autor ist. In „Vom Lieben und Sterben“ hat er bewiesen, dass ich Recht habe. Er schafft es mit wenigen Worten, ganz viel zu sagen und jede Menge Kopfkino loszutreten. Bei mir zumindest. Treue Leser dieses Blogs wissen inzwischen, dass ich zart besaitet bin. Mir war das einfach ne Spur zu heftig.

Es fängt alles ganz harmlos an: Zorn und Schröder ermitteln. Es gibt eine Einbruchserie in einer Schrebergartensiedlung. Keine große Herausforderung. Dementsprechend engagiert ist Zorn. Es geht ihm ohnehin nicht gut, weil er Malina sehr vermisst. Das will er natürlich nicht zugeben. Er ist ja ein echter Mann, hart im Nehmen, nichts haut ihn um. Also: Zorn ist vollends damit beschäftigt, sich nichts anmerken zu lassen. Und darum muss Schröder die Schrebergartengeschichte übernehmen.

Der Fall wird schnell geklärt. Eine Gruppe von gelangweilten Jugendlichen steckt dahinter. Plötzlich gibt es einen Mord und einer der Jungs aus der Gruppe ist tot. Und er bleibt nicht die einzige Leiche. Bis kurz vor Schluss bleibt unklar, wer hinter den Morden steckt. Schließlich kommt es zu einem gnadenlosen Finish (so was wollte ich schon immer mal schreiben…). Wie gesagt: Mir war das eine Spur zu heftig. Zu sadistisch. Zu viel Gewalt. Ich mag Zorn und Schröder sehr gern, aber ich glaube, die nächsten Fälle müssen sie ohne mich lösen. Sonst kann ich nicht mehr schlafen.

Fazit: Absolut lesenswert – wenn man das aushält.

P.S.: Und ich kündige jetzt schon mal an, dass ich Kommentare, in denen sich über mich und meine schwachen Nerven amüsiert wird, auf keinen Fall zulassen werde. (Als wenn ich nicht auf jeden Kommentar angewiesen wäre…)

Vergeltung

Ich habe da noch jemanden entdeckt: Rebekka Holm, Sonderermittlerin aus Kopenhagen. Ihr erster Fall „Vergeltung“ führt sie in die Kleinstadt Ringkøbing. Zufälligerweise der Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Und der Ort, an den sie eigentlich nie wieder zurückkehren wollte. Damit ist klar, dass uns Julie Hastrup im ersten Band der Serie gleich zwei Fälle serviert: Den um das ermordete 22jährige Mädchen Anna, dessen Ermittlungen Rebekka leitet. Und den um das Aufdecken der Vergangenheit von Rebekka. Was ist passiert – warum wollte sie nicht mehr zurückkehren?

Ja, das Privatleben der Ermittlerin inklusive Liebesleben und Romanzen nimmt einen sehr großen Teil der Handlung ein. Da Rebekka mir sehr sympathisch ist, freue ich mich darüber, so viel über sie zu erfahren. Sie macht einen guten Job, hat Ambitionen und Träume. Sie lässt sich nicht einschüchtern, ist unbequem und sich nicht zu schade dafür, sich mit ihren Fragen immer wieder zum Affen zu machen. Ihr Ermittlungsstil ist intuitiv, und damit eckt sie häufig an: „Ich habe das Gefühl, dass wir auf der falschen Fährte sind.“ Oder: „Ich spüre, dass XY der ist, den wir suchen!“ Damit geht sie ihren Kollegen gehörig auf den Geist. Mir allerdings nicht. Ich finde sie durchweg glaubwürdig und wie gesagt äußerst sympathisch.

Inhaltlich will ich gar nicht so viel über den Fall verraten. Nur das: Ich fand ihn spannend. Er durchläuft mehrere Wendungen, die für mich so nicht vorhersehbar waren. Außerdem ist er hervorragend geeignet für Personen, die so zart besaitet sind wie ich. Die Geschichte bleibt nahezu unblutig und Hastrup verliert sich nicht in Beschreibungen von grausamen Details, die dem Opfer angetan werden. Mein Fazit: Absolut lesenswert. Ich werde mir sofort den zweiten Fall zu Gemüte führen.

Engelsgrube

Ich habe es nach der Lektüre von „Kalter Grund“ angekündigt: Ich will mehr Zeit mit Frau Korittki verbringen. Das habe ich gleich getan. „Engelsgrube“ ist der zweite Fall der Kommissarin aus der Feder von Eva Almstädt.

Das Verhältnis der Kommissarin zu ihren Kollegen hat sich entwickelt. Das war abzusehen und wird konsequent weiter umgesetzt. Offenbar hatte ich daran gezweifelt. Dafür, dass ich Unrecht hatte, gibt’s Pluspunkte von mir. Ich habe meine Zeit auch diesmal wieder sehr gern mit Pia und ihren Kollegen verbracht.

Allerdings finde ich den zweiten Fall irgendwie… Äh… Seltsam. Achtung, Spoiler-Alarm: Ein Haufen verwöhnter Menschen, denen Freitags langweilig ist, begeht Auftragsmorde. Ist doch klar: Freitags ist halt nichts los in diesem Lübeck. Was sonst soll man also sont machen?

Egal. Ich habe die Geschichte trotzdem verschlungen und freue mich schon auf die nächste. Darum will ich auch gar nicht mehr Zeit mit dem Schreiben verbringen. Lieber gleich weiterlesen. Mein Fazit: Lesenswert.

Kalter Grund

Nachdem ich vorerst fertig bin mit Pia Kirchhoff habe ich mir eine neue Pia gesucht: Pia Korittki. Auswahlkriterium für die neue Ermittlerin war unter anderem die Tatsache, dass die Dame inzwischen schon zehn Fälle gelöst (oder zumindest bearbeitet) hat. Wenn ich mich schon an jemanden gewöhne will ich auch ne Weile was von der Person haben. Eva Almstädts Reihe schien mir da geeignet zu sein.

Nach kurzer Zeit hatte ich allerdings den Eindruck, dass ich gar nicht so viel Zeit mit Pia Korittki würde verbringen wollen. Sie kam mir naiv vor und war irgendwie unsympathisch. Das Setting gefiel mir auch nicht: Pia ist neu in einem Team von Kollegen, die ihr die ganze Zeit das Leben schwer machen, weil sie Pia nicht leiden können und ihr nichts zutrauen. Außerdem ist sie die einzige Frau – schon deshalb wird sie nicht ernst genommen. Das fand ich sehr anstrengend. Die Krönung des Ganzen bildete dann die Tatsache, dass Pia mit einem der größten Ekel aus dem Kollegenkreis (für mich) völlig unerwartet im Bett landet.

Der Fall war jetzt auch nicht sonderlich aufregend: Drei Tote auf einem Bauernhof. Ein ganzes Dorf wird in Angst und Schrecken versetzt. Für die Ermittlungen müssen Pia und jener ekelhafte Kollege, der sie später verführen soll, in ein Hotel in dem holsteinischen Dorf ziehen. Im Laufe dieser Ermittlungen verschwindet ein Mädchen – und plötzlich fand ich doch alles ganz schön spannend. Ich habe mich festgelesen und wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Und auch Pia fand ich gar nicht mehr so blöde.

Das Setting – Pia wird von ihren Kollegen nicht ernst genommen – ist entgegen meiner Befürchtung nicht starr, sondern entwickelt sich. Sehr entspannend. Ich habe mir schon vorgestellt, wie diese Grabenkämpfe über zehn Folgen lang ausgedehnt werden und in unglaubwürdige Dimensionen abdriften. Am Ende fand ich, dass Pia eine bodenständige Frau ist. Grundsätzlich selbstbewusst, lässt sich aber doch immer wieder verunsichern. Ihre inneren Kämpfe sind realistisch, ich konnte vieles gut nachempfinden.

Der Fall schließlich bleibt bis zum Ende unvorhersehbar. Die Auflösung wiederum nachvollziehbar. Insgesamt lautet mein Urteil: Absolut lesenswert. Ich freue mich schon darauf, mehr Zeit mit Frau Korittki zu verbringen.

Tod und Regen

Die Kommissare Zorn und Schröder sind mir bei einem gemeinsamen Frühstück von einer Freundin empfohlen worden. Als sie kurz aufs Klo verschwunden ist, habe ich die Gelegenheit genutzt, ihr Buch geschnappt und zu lesen angefangen. Die drei Minuten haben genügt, um mich zu überzeugen. „Tod und Regen“ ist der erste Fall der beiden, der von Stephan Ludwig dokumentiert wird. Der war auch mein Einstieg in die Reihe.

Ich finde vor allem die beiden Protagonisten herrlich. Kommissar Zorn, außen hart und innen ganz weich. Extrem gutaussehend, Schlag bei den Frauen, glücklicher Single – ein Traumtyp. Denkt man. Gleichzeitig ist er ausgesprochen arbeitsscheu, sitzt die meiste Zeit rauchend herum, ist aggressiv, ungerecht, unfreundlich und scheucht seinen Assistenten Schröder (eigentlich ein Kollege) herum. Da wir Leser immer wieder Einblicke in Zorns Kopf bekommen wird er all seinen schlechten Eigenschaften zum Trotz nicht unsympathisch. Wir erfahren immer, was er wirklich denkt und wie unfähig er ist, seine wahren Gedanken zu äußern. Er will halt nicht weich wirken. Der Vogel.

Außerdem wird Zorn für seine seltsamen Anwandlungen und seine Arroganz immer wieder vom Leben bestraft. Zum Beispiel im Schwimmbad, als er dem „dicken Schröder“ (sein Spitzname für den etwas übergewichtigen Kollegen) ganz jovial erklärt, er müsse sich keine Sorgen machen, wenn er beim Schwimmen nicht mithalten könne. Er, Zorn, würde sich darüber schon nicht lustig machen. Schröder macht sich auch keine Sorgen, sondern hängt Zorn ganz locker ab und lässt ihn reichlich blöd dastehen. „Das sollten wir öfter machen!“ sagt Schröder. ‚Ganz sicher nicht…“, denkt Zorn.

Wie im Schwimmbad wird Schröder häufig unterschätzt. Von Zorn, vom Leser, von den anderen Kollegen, von den Verbrechern. Schröder lässt nur im äußersten Notfall durchblicken, was er wirklich drauf hat. Ich habe mich jedes Mal über diese Momenten gefreut. Schröder ist dadurch unglaublich sympathisch und es wird deutlich, dass er gar nicht so devot ist, wie ich zunächst vermutet habe. Er weiß sehr genau, was er tut, wenn er Zorns Befehle widerspruchslos ausführt.

Der erste Fall der beiden ist ziemlich blutrünstig und ich habe ein paar Mal überlegt, nicht weiterzulesen, weil ich es nicht aushalten konnte. Das liegt wohl am Schreibstil von Stephan Ludwig. Der Mann hat’s drauf. Eigentlich erzählt er gar nicht so viel von den schrecklichen Dingen, die so passieren. Er lässt sehr viel Raum für meine Phantasie. Das versuchen ja viele Autoren. Aber den wenigsten gelingt es. Mein Fazit: Lesenswert. Ich werde mir gleich den zweiten Fall der beiden besorgen und weiterlesen.

Das Mädchen, das verstummte

Hjorth & Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte
Hjorth & Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte

Ich habe ungeduldig auf dieses Buch gewartet. Schon seit November 2013. Um die Vorfreude hoch zu halten, habe ich mich gezwungen, mit dem Lesen bis zu meinem Urlaub zu warten. Ich habe also vom 15. Oktober an 24 lange Tage auf das Buch gestarrt, bis ich endlich die Folie aufgerissen und mit dem Lesen begonnen habe. Und dann – dann war ich nach 3 Abenden durch. Jetzt heißt es wieder: Warten. Aber diesmal nicht ganz so ungeduldig, denn irgendwie war das alles zwar „ziemlich gut“. Meinen Enthusiasmus vom letzten Jahr kann ich jetzt aber nicht mehr nachvollziehen.

Vielleicht lag es ein wenig am Cliffhanger, den es am Ende des dritten Bandes gegeben hat: Durch einen Türspion wurde ein Schuss direkt ins Auge von Ursula abgefeuert. Die Frage, was nun mit ihr ist, hat mich ein Jahr lang schwer beschäftigt. Die Aufklärung im vierten Band erfolgt nebenbei und völlig unspektakulär. Da habe ich etwas anderes erwartet. Mehr. Nun ja, ich will hier nicht spoilern. Wer wissen will, was mit Ursula ist, kann mich gerne danach fragen. Zu Vanja allerdings möchte ich etwas sagen: Sie geht mir so was von auf den Keks! Übergriffig, selbstgerecht und besserwisserisch. Eine Unperson. Das soll wohl so.

Der Fall selbst ist höchst spektakulär: Eine komplette Familie wird ausgelöscht. Vater, Mutter, zwei Kinder. Alle nacheinander erschossen. Die Reichsmordkommission wird zu Hilfe gerufen, um dem Kommissar vor Ort, der ganz neu in seinem Job ist und unter scharfer Beobachtung steht, unter die Arme zu greifen. Das Team deckt dann auch ziemlich schnell ein entscheidendes Detail auf: Es gab eine Zeugin. Ein zehnjähriges Mädchen, das alles beobachtet hat und dann verschwunden ist. Das Mädchen wird gefunden. Es spricht aber nicht mehr. Dieser Umstand verhilft Sebastian Bergmann zu einer sinnvollen Aufgabe. Er ist ja Psychologe und hat mit Polizeiarbeit wenig am Hut. Er nähert sich dem Mädchen (und seiner Mutter) an und gewinnt ihr Vertrauen.

Wie immer gibt es viele Perspektivwechsel. Der Fall wird aus den Augen fast jedes Beteiligten betrachtet. Gäbe es einen Hund, der eine wichtige Rolle spielte, würde wohl auch ihm ein Kapitel gewidmet werden. Wir Leser bekommen dadurch häufig Vorsprünge, weil wir mehr wissen. Beziehungsweise zu wissen glauben, denn immer wieder handelt es sich um vermeintliche Vorsprünge und falsche oder falsch interpretierte Spuren. Sehr elegant. Die Reichsmordkommission holt jedes Mal schnell auf. Und schließlich gibt es einen Showdown, bei dem zumindest ich zugeben musste: Huch! Damit hatte ich dann doch nicht gerechnet.

Wie gesagt: Total vom Hocker gehauen hat mich das Ganze jetzt nicht. Aber das lag möglicherweise an meinen Erwartungen, die ein Jahr lang Zeit hatten, zu wachsen und jedes realistische Maß zu sprengen. Darum möchte ich trotzdem ein „richtig gut“ vergeben und werde auf jeden Fall den nächsten Band lesen. Einen kleinen Cliffhanger gab es auch diesmal und ich bin besorgt, was sich daraus entwickelt. Mein Fazit lautet also: Absolut lesenswert. Allerdings sollte ein Neuling der Serie bei Band 1 einsteigen. Die ganzen Verstrickungen und Beziehungen der einzelnen Ermittler untereinander sind sonst nur schwer bis gar nicht zu durchschauen.

Nele Neuhaus

Ich hab sie jetzt komplett durch, die Krimireihe um die Kommissare Bodenstein und Kirchhoff aus der Feder von Nele Neuhaus: „Eine unbeliebte Frau“. „Mordsfreunde“. „Tiefe Wunden“. „Schneewittchen muss sterben“. „Wer wind sät“. „Böser Wolf“. Und schließlich auch den neuesten Fall: „Die Lebenden und die Toten“. Mehr gibt’s noch nicht. Sollte es einen nächsten Fall für die beiden geben, werde ich den vermutlich auch lesen. Und ich habe keine vernünftige Ausrede dafür – denn so richtig toll finde ich die Geschichten und die Personen nicht. Im Gegenteil: Häufig war ich ganz schön genervt.

Es wird unglaublich viel gestorben im Taunus. Pro Fall ca. sechs Leute. Immer wieder wird was amputiert (Hoden, Hände, …). Es sind immer die ganz heißen Eisen, die direkt in großem Stil angepackt werden: Nicht ein Altnazi, sondern gleich eine ganze Nazidynastie treibt ihr Unwesen. Nicht Kindesmissbrauch, sondern ein ganzer Kinderschänderring wird aufgedeckt. Im neuesten Fall ist es dann die Organspendemafia… Ein einfacher Mord reicht nie. Dazu wird die Moralkeule geschwungen. Und (das ist mit am nervigsten): Es wird unendlich viel genickt. „Bodenstein nickte.“ „Pia nickte.“ „Bodenstein nickte.“ „Alle nickten.“ „Pia nickte.“ Diese Sätze fügt Frau Neuhaus vermutlich mit Hilfe von Tatstaturkürzeln in ihre Romane ein. Bis zum Abnicken. Äh, Abwinken. Ich frage mich gerade, ob ich die einzige bin, der das bisher negativ aufgefallen ist…

Vermutlich geht es mir bei den Fällen von Bodenstein und Kirchhoff wie mit dem Tatort. Den schaue ich jeden Sonntag – und das, obwohl ich häufig enttäuscht werde und gar nicht alle Ermittler mag. Wenn mir jemand eine Verabredung für Sonntagabend vorschlägt, werde ich ganz kribbelig und kann die nicht zusagen. Sonntagabend ist halt Tatort-Zeit. Und ganz egal, wie langweilig oder an den Haaren herbeigezogen eine Geschichte ist: Ich schaue mir jede Folge bis zum bitteren Ende an.

Bodenstein und Kirchhoff sind für mich offenbar zu einem dieser Tatort-Ermittlerduos avanciert, die ich zwar nicht sonderlich mag und die auch nie die interessanten Fälle lösen, die aber zwischen den richtig guten Tatorten die Zeit vertreiben. Und damit auch irgendwie ihre Daseinsberechtigung haben. Vielleicht hat Frau Neuhaus das selbst verstanden und ihrem Ermittlerteam im neuesten Fall deshalb einen nervigen Assistenten an die Seite gestellt. Ist beim Tatort ja auch gerade in Mode gekommen. Ich kann jetzt weder eine Empfehlung für die Lektüre aussprechen (Mia nickte.) noch von ihr abraten (Mia schüttelte den Kopf.). Entscheidet selbst.

Unter Haien

Wie schon so oft wollte ich auch diesmal zunächst fragen: „Was bitte hat der Lektor genommen? Und wo kriegen wir das?“ Aber die Fragen sind überflüssig. Der arme Mensch hat vermutlich nach 80 (von 672) Seiten aufgegeben. „Nele, da musst du noch mal ran. Andere Story, anderer Stil.“ – „Du meinst: Was anderes?“ – „Äh… Ja. Was GANZ anderes.“ Blöderweise wurde dann doch der Ursprungstext verlegt – und der gelangte in meine Hände. Verdammte Scheiße. Frau Neuhaus, ich kann mir einfach nicht erklären, was da passiert ist.

Zum Inhalt: Alex Sontheim sieht FANTASTISCH aus. Sie verdreht nahezu jedem Mann, dem sie begegnet, den Kopf. Sie ist hoch intelligent. Sie ist reich. Sie ist erfolgreich. Sie hat es von Deutschland nach New York geschafft. Und dort schwimmt sie nun mit den anderen Finanzhaien im Haifischbecken der Finanzwelt. Sie freundet sich mit dem Bürgermeister von New York an, dem sie später das Leben rettet. Sie lernt sogar den amerikanischen Präsidenten von Amerika kennen, der – natürlich – schon von ihr gehört hat.

In diese zauberhafte Rosamunde-Pilcher-Welt mischt sich dann die böse Mafia – in Form von Sergio Vitali. Er sieht FANTASTISCH aus. Er verdreht nahezu jeder Frau, der er begegnet, den Kopf. Er ist total gerissen. Er ist stinkreich. Er hat es an die Spitze der Mafia geschafft und kontrolliert von dort skrupellos die Politik, den Drogenhandel und die Finanzwelt. Dieser Mann passt hervorragend zur hochintelligenten (ich muss das noch mal betonen), toughen und erfolgreichen Alex. Nicht wahr? Nein, denn sie ist ja hochintelligent. Und rechtschaffen. Da lässt man sich nicht mit der Mafia ein. Wie auch immer. Die beiden kommen zusammen.

Sergio umwirbt Alex machohaft, betrügt sie mit irgendwelchen Models (und seine Ehefrau mit ihr). Irgendwann erfährt Alex, dass Sergio jemanden hat umbringen lassen. Sie ist völlig außer sich – und bleibt bei ihm. Sie wird von ihm vergewaltigt – und bleibt bei ihm. Sie findet heraus, dass sie von ihrem Arbeitgeber schamlos ausgenutzt und ihre Erfolge für illegale Geschäfte missbraucht werden – und arbeitet weiter dort. Aber sie ist ja so wahnsinnig schlau. Und tough. Und erfolgreich. Und beliebt. Und überhaupt… Die Story nimmt eine Milliarde an den Haaren herbeigezogene Wendungen und wird immer bescheuerter. Alex auch.

Alle paar Seiten gelangt sie zu den gleichen Erkenntnissen: Vielleicht ist Sergio doch nicht so vertrauenswürdig, wie sie dachte (NEIN! Ist er nicht, du dumme Nuss! Er hat jemanden umbringen lasssen!). Vielleicht geht ihr Chef illegalen Geschäften nach (JA! Das hat er dich doch schon längst wissen lassen, als er dir diesen illegalen Bonus angeboten hat!!!). Vielleicht ist Sergio ja doch kriminell. (Äh… WTF? …!) Vielleicht nutzt ihr Chef die Infos, die sie ihm gibt, für illegalen Insider-Handel (Du Trottel hast ihm doch selbst ’ne Falle gestellt um das rauszufinden!!!).

Wie gesagt: Ich hab keine Ahnung, was da passiert ist. Ich weiß nur, was da nicht passiert ist: Recherche, Lektorat, Entwicklung einer sinnvollen Storyline, Entwicklung von glaubwürdigen Charakteren, … Da auf dem Umschlag „Kriminalroman“ und nicht Wirtschaftssatire“ steht, muss ich davon ausgehen, dass das Ganze ernst gemeint ist. Darum kann mein Fazit nur lauten: Nicht lesen. Nicht kaufen. Wenn der Tipp zu spät kommt: Unbedingt wegschmeißen. Bitte auch nicht in diese öffentlichen Büchertauschregale stellen. Auf keinen Fall.