Archiv für den Monat: September 2014

Das Versteck

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„Das Versteck“, David Finck

„Das Versteck“ von David Finck lässt mich ratlos zurück. Ich bin unsicher: Habe ich nicht alles verstanden, weil ich nicht richtig zugelesen habe – oder ist das Ende einfach offen? Ich habe sehr langsam und aufmerksam gelesen, weil ich kein Wort verpassen wollte. Der Schreibstil von Finck hat mich nachhaltig beeindruckt. Viele Sätze habe ich sogar zweimal gelesen. Vielleicht ist hier passiert, was mir auch bei Rainald Goetz so häufig passiert ist: Weil ich ganz verliebt in die schöne Sprache war, habe ich die Handlung kaum beachtet und immer nur Schlüsselsätze wahrgenommen. Mein Versuch einer Zusammenfassung der Handlung wird vermutlich kläglich scheitern… Ich versuch’s trotzdem mal.

Im Zentrum der Handlung steht Bernhard Duder, ein mittelmäßiger und – dementsprechend unerwartet – erfolgreicher Anwalt. Er ist mit Gabriele verheiratet, seiner Traumfrau, mit der er fünf Jahre zuvor zusammengekommen ist. Der Startpunkt der Beziehung ist gleichzeitig der Abschied von Jonas Duder, Bernhards Bruder, der selbst in Gabriele verliebt ist. Als Jonas erfährt, dass Bernhard und Gabriele ein Paar sind, verschwindet er spurlos. Für Bernhard ist das ein schwerer Schlag. Die Brüder hatten ein extrem enges Verhältnis und irgendwie schien Jonas für Bernhard das Tor zur Welt zu sein. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit das belastende Gefühl, dass Bernhard sich entscheiden muss: Entweder, er bleibt mit Gabriele zusammen, die er sehr liebt, oder er trennt sich von ihr und bekommt dafür seinen Bruder Jonas zurück, den er offenbar sehr vermisst.

Bernhard leidet unter starken Minderwertigkeitskomplexen. Er kann sich nicht vorstellen, warum eine Frau wie Gabriele überhaupt mit ihm zusammen sein kann. „Er hielt sich für einen Klotz am Bein und obendrein für peinlich. Gabriele widersprach nicht. Sie gab ihm nicht etwa recht. Aber sie wusste, dass in den Verhandlungen eines Menschen mit sich selbst kein anderer eine Stimme besaß. Und sie vertraute darauf, dass die Zeit ihm langsam, aber sicher beweisen würde, was er partout nicht glauben wollte: dass sie gern mit ihm zusammenlebte.“ Mit diesen selbstzerstörerischen Gedanken ist er nicht allein. Immer wieder begegnet er Männern, die genauso denken. Die Lösung des Problems: Die jeweilige Frau verlassen; sie vom Ballast der eigenen Existenz befreien.

Der Schreibstil von Finck hat mich, wie schon gesagt, schwer beeindruckt. Das Ende der Geschichte hat mich verwirrt. Vielleicht lese ich sie irgendwann noch einmal. Aber nicht so bald. Mir ist das alles ganz schön nahe gegangen. Als nächstes brauche ich wieder etwas Aufmunterndes. Eine Empfehlung für „Das Versteck“ möchte ich trotzdem aussprechen. Wenn es mieser Scheiß wäre, hätte es mich nicht so berührt. Amen.

Dampfnudelblues

Ich wusste mal wieder nicht, was ich lesen sollte. Darum hab ich beschlossen, mal wieder ein wenig Zeit mit Herrn Eberhofer zu verbringen. Und das war mal wieder sehr nett. Ich hab ja bereits verraten, dass ich Dampfnudelblues letztes Jahr im Kino gesehen habe. Um aber in der Chronologie korrekt zu bleiben und nichts zu verpassen, hab ich das Buch trotzdem gelesen. Gut so – denn ich hatte schon ganz viel wieder vergessen.

„Stirb, du Sau!“ steht auf der Hauswand vom Lehrer Höpfl. Und ein paar Tage später ist er tatsächlich tot. An einen Mord glaubt außer dem Eberhofer Franz mal wieder niemand. Darum muss er seine Ermittlungen geheim halten. Er bekommt Unterstützung aus den unterschiedlichsten Richtungen und geht gewohnt unkonventionell vor.

Nebenbei versaut er es sich ordentlich mit der Susi – dabei hatte es doch grad so gut geklappt mit den beiden. Na ja. Dafür erobert er das Herz der kleinen Sushi. Die wiederum ist die Tochter seines ungeliebten Bruders Leopold. Ich mag gar nicht so viel drüber schreiben, lieber gleich den nächsten Band lesen. Schließlich muss ich die Zeit bis zum nächsten Fall von Sebastian Bergmann überbrücken (der erscheint am 15. Oktober. ENDLICH!).

Fazit: Kann man ruhig lesen. Der Eberhofer Franz macht Spaß!

An der Mordseeküste

Das ist er, der dritte Fall für Loretta Luchs. Die Dame aus der Feder von Lotte Minck habe ich im Frühjahr diesen Jahres kennengelernt und gleich sympathisch gefunden. Da hat sie (beinahe) Radieschen von unten betrachtet und an der Kochshow „Gib mir den Löffel“ teilgenommen.  In ihrem dritten Fall landet sie mit all ihren Freunden an der Nordsee… – pardon: an der Mordseeküste. Ich hatte ein bisschen Anlaufschwierigkeiten bei diesem Fall. Das mag daran liegen, dass Frau Minck beim Schreiben ein paar Anlaufschwierigkeiten gehabt zu haben schien. Sie musste sich offenbar erst einmal warmschreiben.

Mir war von Anfang an klar, dass hier ganz leichte / seichte Kost auf mich wartet. Die ellenlange Bauanleitung für die perfekte Strandburg war trotzdem zu viel für mich. Klar: Die Burg spielt im weiteren Verlauf der Geschichte eine wichtige Rolle. Schließlich wird die Leiche von Mühling in ihr gefunden. Für meinen Geschmack gab es trotzdem zu viel Aufmerksamkeit für das Anhäufen von Sand und Muscheln.

Hinzu kommt, dass der Lektor an einigen Stellen nicht aufgepasst hat. Vielleicht bin ich da überkritisch. Aber wenn für die Strandgäste explizit ein gelber und zwei weiße Strandkörbe bereitstehen (Infos, die ich sowieso nicht brauche), wieso finden Loretta & Co. dann drei Seiten weiter endlich ihren blauen und die beiden weißen Strandkörbe? So was nervt mich wirklich.

Ansonsten war „An der Mordseeküste“ mal wieder schön leichte Kost für zwischendurch. Ich fand Loretta und ihre Freunde wie immer sympathisch und hab gern meine Zeit mit ihnen verbracht. Den armen Frank hab ich sehr bedauert: Der landet nämlich als Mordverdächtiger im Knast. Um so mehr hängt sich Loretta rein, den wahren Mörder von Ekel Mühling zu finden. Für Frank würde sie – genau wie ihre Freunde – alles tun.

Mein Fazit: Wenn es im nächsten Jahr den nächsten Fall für Loretta Luchs geben sollte, werde ich auch den lesen. Ganz leichte und charmant anspruchslose Kost für zwischendurch. Ganz nett für wenn man auf die Straßenbahn wartet. Kann man lesen.

Das Seelenhaus

Ich hasse Hannah Kent. Sie ist doof.

Nein, natürlich nicht. Aber: Hannah Kent ist noch keine 30 Jahre alt und hat mit „Das Seelenhaus“ etwas in meinen Augen Großartiges geschaffen. Ich bin bloß neidisch. Und starte somit gleich mit einem Spoiler: Wer heute einen Verriss von mir erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden.

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Hannah Kent, „Das Seelenhaus“

Island 1828: Agnes Magnusdottir hat zwei Männer umgebracht und ist nun zum Tode verurteilt. Bis zur Vollstreckung des Urteils wird sie auf dem Kornsahof untergebracht, wo sie der Familie wie eine Magd im Haushalt helfen soll. Die Familie ist außer sich, hat aber keine Chance, als sich ihrem Schicksal zu fügen und die Mörderin aufzunehmen. Die Unterbringung ist von ganz oben angeordnet. Auch Agnes fügt sich ihrem Schicksal – kalt, verschlossen und scheinbar ungerührt. Der junge Pfarrvikar Toti, der auf Agnes’ ausdrücklichen Wunsch bis zu ihrer Hinrichtung ihr Beistand sein und ihr den Weg zu Gott zeigen soll, fügt sich ebenfalls. Eigentlich will er nicht. Aber er macht sich regelmäßig auf den langen und beschwerlichen Weg zum Kornsahof, um mit Agnes zu sprechen.

Während wir Agnes in der Gegenwart dabei begleiten, wie sie die letzten Monate vor ihrer Hinrichtung mit harter Arbeit auf dem Hof verbringt, erfahren wir immer mehr über ihre Vergangenheit. Sie erzählt Toti davon, wie sie aufgewachsen ist und fügt in inneren Monologen Details hinzu, die nur wir Leser erfahren. Dadurch habe ich mich ihr unheimlich nah gefühlt. Und beim Lesen schwebte eine schwarze Wolke über mir, denn die ganze Zeit war mir bedrückend klar: Hier wird es kein Happy End geben. Hier ist eine große Ungerechtigkeit im Gange. Da stimmt etwas nicht. Sie kann keine Mörderin sein.

„Das Seelenhaus“ ist vielschichtig und tiefgründig. Es gibt viele Erzählstränge, die mich alle auf ihre Art gefesselt haben. Ich wollte die Entwicklung jeder einzelnen Person hautnah mitbekommen und jede wahrnehmbare Veränderung hat mich berührt. Die Geschichten der anderen: Pfarrvikar Toti, der starke Gefühle für Agnes entwickelt. Margret, die vom ersten Moment an zu verstehen scheint, dass es ihr am Ende das Herz brechen wird, wenn sie sich der verschlossenen Agnes annähert. Lauga, die hart an ihrer zur Schau gestellten Härte arbeiten muss. Steina, die naiv an das Gute in Agnes glaubt und sich von niemandem beeinflussen lässt. … Ich habe jede einzelne Geschichte aufgesogen wie ein Schwamm. Wobei sie mir überhaupt nicht einzeln vorkamen. Sie gehören untrennbar zusammen und fügen sich zu einem beeindruckenden Ganzen.

Ganz nebenbei habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie beschwerlich das Leben zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Island gewesen sein muss. Diese alltäglichen Dinge, über welche die Protagonisten ganz selbstverständlich sprechen – für mich unvorstellbare Zustände. (Hier bin ich vermutlich ein wenig naiv und verwöhnt. Stadtkind im 21. Jahrhundert halt…) Nehmen wir nun noch die Sprache hinzu, die mir immer wieder den Atem genommen und den Hals zugeschnürt hat – kein Scherz – und wir gelangen zu einem Fazit, das nicht anders lauten kann als: Lesebefehl.

Winterkartoffelknödel

Ich habe letztes Jahr „Dampfnudelblues“ im Kino gesehen. Den Film fand ich ganz unterhaltsam. Damals hab ich gedacht: Wenn du mal wieder nicht weißt, was du lesen sollst – lies doch einfach die Geschichten vom Eberhofer Franz. Jetzt war es so weit: Ich wusste erst nicht, was ich lesen sollte, und dann fiel mir meine Idee vom letzten Jahr ein.

Winterkartoffelknödel ist der erste Band der Provinzkrimi-Reihe um Kommissar Eberhofer. Der wurde in sein Heimatdorf Niederkaltenkirchen strafversetzt und schiebt nun dort eine ruhige Kugel. Denkt man! Tatsächlich ist immer was los: Auf ein Bierchen zum Wolfi, auf eine Leberkässemmel zum Simmerl, die stocktaube Oma von Sonderangebot zu Sonderangebot karren, die tägliche Runde mit dem Ludwig drehen und die Zehen vom Vater suchen, dem Hobby-Demonstranten und größten Beatles Fan der Welt.

Und dann taucht da auch noch der Mercedes mit der Mütze auf und sorgt richtig für Aufruhr. Nebenbei gibt es einen Vierfachmord, dessen Aufklärung der Eberhofer Franz teilweise seinen Romantikurlaub mit dem Exkollegen Rudi opfert. Und überhaupt ist da ziemlich viel los in diesem Niederkaltenkirchen. Ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert und freue mich schon auf den nächsten Fall. Den habe ich zwar als Film im Kino gesehen, aber der Schreibstil von Rita Falk ist so erfrischend – da wird der Fall fast zur Nebensache. Davon wird in der Verfilmung eh einiges verlorengegangen sein.

Mein Fazit: Leichte Kost für zwischendurch, charmant witzig und darum lesenswert. I like.

Sterben und sterben lassen

Achtung, Spoiler-Alarm: Ich glaub, das war der letzte Fall für Major Schäfer. Verdammt. Das ist dann aber auch der einzige Wermutstropfen. Ansonsten ist „Sterben und sterben lassen“ absolut lesenswert. Wenn man denn den Stil vom Georg Haderer und den Schäfer mit seinen Depressionen mag. Und ich mag beide.

Schäfer steigt auch gleich mit einem Wutanfall in die Geschichte ein: Irgendein Depp hat den Ehemann der Landrätin mit einem Wildschwein verwechselt und angeschossen. Der angeschossene verblutet am Unfallort – das kann Schäfer kaum aushalten. Hätte er schließlich selbst sein können. Schlecht gelaunt nimmt er die Ermittlungen auf.

Parallel dazu wird Bosch resozialisiert aus der Haft entlassen. Der hat 27 Jahre zuvor die kleine Susanna Paulus aus Schaching ermordet und übel zugerichtet. Und wo will er sich niederlassen? Ebenda. In Schaching. Die Bewohner empfinden das als einzige Provokation und verhalten sich dementsprechend provoziert.

Schäfer reicht es nicht, dort die Wogen zu glätten und da in Sachen Wildschweinverwechslung zu ermitteln. Er rollt den alten Fall Bosch noch einmal komplett auf und tritt auf seine gewohnte Art vielen auf die Füße. Nebenbei bringt er ein paar Jugendliche auf die rechte Bahn zurück, kommt der Marlene mal wieder etwas näher und wird ein paar mal ordentlich high.

Ich hab viel gelacht beim Lesen. Hier zum Beispiel: „Schäfer schlenderte durch den Garten, sah nach seinen Pflanzen, murmelte ihnen je nach Zustand Komplimente oder aufmunternde Parolen zu.“ Gleichzeitig ist mir nicht entgangen, wie schwer dem Schäfer das Leben fällt und wie sehr er mit sich kämpft. Das hat der Haderer wieder einmal hervorragend hingekriegt.

Ich werde den Major vermissen. Noch ein Spoiler: Schäfer stirbt am Ende nicht. Er hat einfach keinen Bock mehr auf die Polizeiarbeit. Das ist auch das einzige Ende, das ich bei ihm gelten lasse. Haderer hat somit die Chance, ihn irgendwann wiederzubeleben. Ansonsten hoffe ich, dass er sich einen neuen Helden ausdenkt. Ich bin jetzt schon mal Fan.