Archiv für den Monat: August 2014

Die Haischwimmerin

„Die Haischwimmerin“ von Heinrich Steinfest wurde mir von einem Buchhändler empfohlen, nachdem ich ihn nach Neuerscheinungen von Haas, Haderer und Maurer gefragt habe. „Ist denn der Steinfest auch so ein wenig… Bescheuert?“ hab ich ihn gefragt. Ein überzeugtes „JA.“ überzeugte mich davon, dem Herrn Steinfest eine Chance zu geben. Nach der Lektüre kann ich mich über mangelnde Bescheuertheit wirklich nicht beklagen.

Die Geschichte beginnt nett schrullig: Ivo Berg verliebt sich in Lilli Steinbeck. Ivo leidet zunächst unter einer merkwürdigen Krankheit, die dazu führt, dass er gegen Nachmittag seine Augen nicht mehr öffnen kann. Lilli hat einen guten Kleidungsstil und unverrückbare Ansichten, die sie kompromisslos durchsetzt. Die beiden kommen zusammen. Für Ivo das Glück seines Lebens. Aber: „Jeder Mensch stirbt zweimal. Bekanntermaßen am Ende seiner Jahre, aber auch irgendwann zwischendrin.“ Wir begleiten beide bei ihrem ersten Tod.

haischwimmerin
Die Haischwimmerin

Die Beziehung endet. Lilli trägt eine Klingonennase als Erinnerung davon und Ivo wird Baumpfleger. Und DANN wird es komplett schräg… Ivo spricht nämlich die Sprache der Bäume und wird darum nach Ochotsk geschickt, um für eine Pharmafirma eine bestimmte Baumsorte zu finden und ein Exemplar nach Deutschland zu holen. Die „dahurische Lärche“, eine bislang unbekannte Varietät. Seine Suche nach dem Baum führt ihn in die unterirdische Stadt Toad’s Bread, eine gut organisierte Verbrecherrepublik. Dort ist auch Lilli unterwegs. Sie ist mittlerweile Meisterpolizistin und soll eine Mordserie in der unterirdischen Stadt aufklären.

Hm. Was soll ich sagen? Ich habe mir etwas Bescheuertes gewünscht. Ich habe etwas Bescheuertes bekommen. Das Lesen hat Spaß gemacht. Steinfest hat einen guten Stil und die Charaktere sind allesamt besonders und auf ihre Art auch besonders bescheuert (da ist neben Ivo und Lilli z.B. noch die taubstumme Suppenköchin, oder Professor Oborin, seineszeichens Mystiker – NICHT Magier! – vor allem aber Telefonspezialist, oder der moderne Samurai Kommissar Yamamoto, oder …).

„Die Haischwimmerin“ ist der zweite Fall für Lilli Steinbeck und ich muss sagen: Ich verspüre kein Verlangen, mich jetzt ihrem ersten Fall zu widmen. Allerdings hat Steinfest noch andere Krimiserien geschrieben. Vielleicht versuche ich es als nächstes mit Markus Cheng. Fazit: Ein sehr netter Zeitvertreib, durchaus lesenswert.

The Circle

Au weia… Was für eine Frechheit, diesen Schrott in einem Atemzug mit Huxley und Orwell zu nennen! In Dave Eggers‘ „The Circle“ begleiten wir Mae Holland, eine junge Frau, die einen absoluten Traumjob im Circle (DAS Traumunternehmen) bekommt. Dort darf sie Kundenanfragen beantworten, und das macht sie auf geradezu unglaublich grandiose Weise – sie scheint ein wahres Naturtalent zu sein. Äh. Ja, genau. Sie sucht aus einem Q&A-Formular die passende Antwort zu Kundenanfragen und formuliert diese um, damit sie „menschlich“ klingen. Wahnsinn. Wie gesagt: Ein echter Traumjob.

Diese unreflektierte und kritiklose Mae, die mir schon nach wenigen Seiten tierisch auf den Keks ging, hält sich auf jeden Fall ob ihres Jobs für ein absolutes Glückskind. Gleichzeitig lässt sie sich ständig von ihren Vorgesetzten vorführen und rechtfertigt und entschuldigt sich in einer Tour dafür, dass sie nicht jede Sekunde ihrer Freizeit medienwirksam im Netz dokumentiert. Auf mich wirkt sie unglaublich hohl. Na ja. Sie ist gleichzeitig sehr flach. Da bleibt nicht viel Platz für Hohlräume. So jemanden zu erschaffen, ist schon eine Kunst für sich. Dazu möchte ich Dave Eggers dann doch gratulieren.

Immerhin konnte mir bei der Lektüre eine wichtige Erkenntnis noch einmal verdeutlicht werden: Mae wird von ihren Vorgesetzten und ihrer Umwelt dazu angehalten, wirklich alles öffentlich zu dokumentieren, was sie so treibt. Und möglichst viel von dem zu kommentieren, was ihre Umwelt so treibt. „Du magst Kayaks? Wieso schreibst du nichts darüber?“ Oder: „Dein Vater leidet unter MS? Die Community hat ein Recht, mehr darüber zu erfahren!“ Mae fügt sich und beginnt damit, ihr komplettes Leben öffentlich auszubreiten.

Durch dieses Verhalten bekommt sie mehr Relevanz, ausgedrückt in einem hohen Ranking auf so einer Circle internen Aktivitätsskala (an deren Bezeichnung ich mich gerade nicht erinnern kann). Tatsächlich bekommt sie bzw. ihr Leben durch dieses Verhalten immer weniger Relevanz – zumindest für mich. Es ist nicht möglich, durch Masse Bedeutung zu erzeugen. Denn wenn plötzlich alles wichtig ist, ist am Ende gar nichts mehr wichtig. Diese Erkenntnis ist mir nicht neu. Aber Dank Eggers und seiner für mich immer noch langweiliger werdenden Protagonistin (hätte ich nicht für möglich gehalten) ist sie für mich noch einmal um einiges klarer geworden.

Ich habe schließlich nicht bis zum Ende durchgehalten. Laut Kindle habe ich aber immerhin 66% geschafft (Asche auf mein Haupt). Wer weiß, ob die gute Mae am Ende doch noch eine Wandlung durchmacht – es ist mir egal. Noch ein Kritikpunkt: Ich habe „The Circle“ auf englisch gelesen. Die miese und einfallslose Sprache kann also nicht einer schlechten Übersetzung zur Last gelegt werden. Vermutlich hat es Eggers einfach nicht drauf. Fazit: Bitte nicht lesen. Reine Zeitverschwendung.