Wunderlich fährt nach Norden

Ich habe „Wunderlich fährt nach Norden“ ganz zufällig in der Buchhandlung entdeckt. Von der Autorin, Marion Brasch, habe ich vorher noch nie gehört. Nachdem ich die erste Seite gelesen hatte, war ich gefangen und nahm Wunderlich mit nach Hause.

Gleich auf der ersten Seite wird Wunderlich von Marie verlassen. Er ist einsam und hat Liebeskummer. Seine einzige Gesellschaft ist Anonym, der / die Wunderlichs Gedanken lesen kann und überhaupt alles über jeden zu wissen scheint. Anonym meldet sich per SMS und schickt Antworten auf wichtige Fragen und intime Informationen über Personen, die Wunderlich so begegnen.

Um etwas gegen Wunderlichs anhaltenden Liebeskummer zu unternehmen, machen er und Anonym sich irgendwann auf den Weg nach Norden. Unterwegs machen die beiden einen Zwischenstopp in einer Kleinstadt, wo Wunderlich Finke und Toni kennenlernt. Und den schönen Ringo. Und Finkes Exfrau. Und deren neue Lebensgefährtin. Und die Rote Rita. Ein bekloppter Haufen. Und es passiert jede Menge seltsamer Kram, den ich nicht so recht verstehen will und der auch irgendwie nicht zur Geschichte passt. Was soll zum Beispiel der Quatsch mit dem Blauharz? Vielleicht sollte hier ein philosophischer Exkurs zum Thema: „Sind schmerzhafte Erinnerungen besser als keine Erinnerungen?“ eingeleitet werden. Ganz schön plump.

Was soll ich sagen? Ich fand die Protagonisten allesamt sehr sympathisch. Die erzählte Geschichte allerdings lässt mich ratlos zurück. Für mich liest es sich, als hätte Marion Brasch kein Konzept gehabt, sondern einfach drauf losgeschrieben und währenddessen ständig neue Ideen gehabt. Sie hat so viele Spuren gelegt – Blauharz, der verrückte Harry W., John Lennon mit Felljacke, den außer Wunderlich niemand zu sehen scheint – ich dachte, da kommt noch was. Irgendeine Auflösung, die all die Spuren zusammenfügt. Vielleicht ist das auch die Aufgabe des Lesers. Aber dann sind die Spuren zu subtil. Oder ich habe nicht aufmerksam genug gelesen. Oder ich habe es einfach nicht verstanden. Wer weiß.

Fazit: Kann man lesen. Die Geschichte ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Sie ist schön erzählt, mir gefällt der Stil der Autorin. Ich habe sie ganz gern gelesen – bis zu der Stelle mit dem Blauharz. Da hab ich beim Lesen ein verständnisloses und vielleicht auch missbilligendes „Häh?-Gesicht“ gezogen. Und dann das Ende. Komisch. Wer nach leichter Urlaubslektüre für den Strand sucht, kann Wunderlich auf seiner Reise nach Norden begleiten. Vielleicht aber erst nächstes Jahr – im Taschenbuchformat. Die gebundene Ausgabe finde ich ganz schön teuer.

Tschick

Ich dachte immer, ich sei zu alt für „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Darum habe ich lange einen Bogen darum gemacht. Ein Coming-of-Age-Roman um zwei gelangweilte vierzehnjährige Jungs, die sich in den Sommerferien in einem gestohlene Auto auf den Weg nach nirgends machen und unterwegs viel Unerwartetes erleben und interessante Menschen kennenlernen. Kennt man doch. Am Ende habe ich mich von den vielen eindringlichen Empfehlungen („Das ist genau dein Ding!“ oder: „Das wird dir auf jeden Fall gefallen.“ und: „Das ist wie für dich geschrieben.“) breitschlagen lassen.

Tatsächlich habe ich Tschick in einem Rutsch durchgelesen. Nicht, weil ich so wahnsinnig gefesselt war. Ich konnte nicht einschlafen und fühlte mich mit dem Roman sehr gut unterhalten. Darum habe ich einfach weitergelesen. Die beiden Jungs, Maik und Andrej (genannt Tschick), waren mir total sympathisch und ich habe meine Zeit sehr gern mit ihnen verbracht. Herrndofs Stil finde ich ohnehin unschlagbar, seit ich vor Jahren „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ gelesen habe. Den großen Rummel um die Geschichte verstehe ich allerdings nicht.

Ich kann Tschick als leichte Lektüre für zwischendurch uneingeschränkt empfehlen. Ich würde es allerdings nicht „immer wieder lesen“, wie die FAZ nahelegt. Und ich sehe im Gegensatz zum Rolling Stone die Welt auch nicht mit anderen Augen. Da muss schon mehr kommen. Fazit: durchaus lesenswert. Aber ich bin wohl doch zu alt für so was.

Das finstere Tal

„Alpenroman, Krimi und Western: Ein kühner Genremix, aber absolut gelungen.“ Das verspricht Christine Westermann auf der Rückseite von „Das finstere Tal“. Sie hat absolut Recht. Ich habe das Buch mehrfach in der Hand gehabt, bevor ich schließlich zugeschlagen und es gekauft habe. Und ich war gleich völlig gefesselt. Sowohl von der beeindruckenden Sprache als auch von der Geschichte und von den Personen, die Thomas Willmann erschafft.

Greider, ein Fremder, kommt mit seinem Maultier in ein Dorf. Er will den Winter dort verbringen und malen. Die Einwohner sind abweisend und misstrauisch. Greider darf erst bleiben, als er beweist, dass er zahlungskräftig ist. Richtig willkommen ist er aber weiterhin nicht. Der Winter bricht herein und der erste Schnee schließt das gesamte Tal von der Außenwelt ab. Die Dorfbewohner und der Fremde Gast sind gefangen. Und dann gibt es plötzlich zwei Tote.

Es ist nicht gleich klar, was Greider in ausgerechnet diesem Dorf will. Es ist deutlich zu spüren, dass er nicht zufällig dort gestrandet ist. Er hat einen Plan. Willmann erzählt sehr langsam. Und so wird auch erst nach und nach klar, um was es im finsteren Tal eigentlich geht. Der Stern schreibt von einem „Showdown ohne Gnade“. Und auch das kann ich nur unterstreichen. Ich habe beim Lesen gedacht, dass das prima Stoff für einen Film ist. Und erst später entdeckt, dass schon jemand anders diesen Gedanken hatte: „Das finstere Tal“ ist bereits verfilmt worden. Leider nicht von Tarantino. Fazit: absolut lesenswert.