Archiv für den Monat: November 2012

Ich könnte am Samstag

„Hier, nach der Lektüre wirst du die Welt mit anderen Augen sehen“, versprach der Klappentext. Eine Herausforderung. Ich glaube nicht, dass ich „Ich könnte am Samstag“ von Mark Watson gekauft hätte, wenn ich es in einer Buchhandlung entdeckt hätte. Über die Empfehlung und gleichzeitige Leihgabe einer Bekannten hab ich mich trotzdem gefreut. Und gespannt angefangen zu lesen. Der Anfang war auch ganz nett. Seichte Lektüre für Zwischendurch – so wurde mir der Roman auch angekündigt.

Hm. Gefühlt ein Coming of Age Roman. Wobei der Protagonist – Chris oder Xavier – schon ziemlich erwachsen ist. Irgendwie auch ne Beziehungskiste. Auch wenn die Beziehung, auf die ständig angespielt wird, schon lange her ist. Worauf ich 151 Seiten lang gewartet habe, war der Umschwung. Wann, ja: WANN würde ich endlich beginnen, die Welt mit anderen Augen zu sehen? Und wieso überhaupt? Weil der Protagonist, der im Grunde gar nicht so trantütig wie angekündigt ist, plötzlich eine Putzfrau hat, die im Grunde gar nicht so vor Energie überschäumt wie angekündigt? Keine Ahnung. Auf Seite 151 hab ich den Absprung gemacht, die restlichen 185 Seiten habe ich mir erspart.

Ich fand Xavier ganz sympathisch, aber nicht sympathisch genug, um weiter Zeit mit ihm zu verbringen. Mir ging auf den Keks, dass er ganz offenbar ein Geheimnis mit sich herumträgt (seine Vergangenheit mit Matilda). Hat er immer wieder angedeutet, dass da demnächst noch ne Enthüllung kommt. Die hat mich aber null interessiert. Ich wollte auch nicht wissen, ob er nun mit seiner Nachbarin, ihreszeichens alleinerziehende Mutter eines hyperaktiven Sohns, zusammenkommt oder nicht. Oder ob seine Putzfrau vielleicht doch irgendwann anfängt, vor Energie überzuschäumen. Ich war einfach gelangweilt. Außerdem lag schon was Neues von Foenkinos auf meinem Nachttisch. Darum, Herr Watson: leider nein. Leider gar nicht. Aber danke für’s Mitspielen.

Unsere schönste Trennung

Was ist Glück? In der Mittagspause kurz in die Buchhandlung zu gehen, in’s Regal zu greifen und so ziemlich den tollsten Roman zu erwischen, den man in den letzten Jahren entdeckt hat. Und wem passiert’s? Ja: Mir! „Unsere schönste Trennung“ hat mich innerhalb weniger Seiten zu einem großen Fan von David Foenkinos (wie spricht man das aus???) gemacht. Ich bin sehr glücklich.

In „Unsere schönste Trennung“ durfte ich Fritz und Alice durch ihre Beziehung begleiten. Die beiden verlieben sich ineinander, sind eine Weile zusammen, trennen sich, finden sich wieder, trennen sich erneut… Keine Sorge: das ist keine Teenager On-Off-Beziehung. Es ist schön. Nicht nervig. Ich mochte vor allem die Zeiten zwischen den Beziehungen. Fritz als Krawattenverkäufer. Zu gut.

Überhaupt finde ich den bekloppten Fritz so unglaublich sympathisch. Wie er sich nicht entscheiden kann, was er studieren soll, weil ihn einfach alles interessiert: „Ich war damals Student, und da ich mich zwischen verschiedenen Disziplinen lange nicht zu entscheiden in der Lage war, hatte ich Kurse auf so unterschiedlichen Gebieten wie Kunstgeschichte und Molekularphysik belegt. Mich interessieren alle Arten von Robert: Musil, Schumann, Bresson oder Zimmermann.“

Seine Angst vor Konflikten, die er immer mit Kompromissen löst: „Der Slogan meiner Neurose lautet: schließe Kompromisse. Dieser Pazifistenaszendent ist sicherlich mein einziges konkretes Erbstück.“ Und wie er als Krawattenverkäufer sein Glück sucht: „Im Krawattenverkäuferjargon kannte ich mich auch nicht aus, ich musste also improvisieren. Ich hatte aber einen wichtigen Trumpf in der Hand: Ich war mit komplizierten Wörtern vertraut. Und komplizierte Wörter können eine wesentliche Rolle spielen, wenn es darum geht, etwas zu verkaufen.“

Ein wenig erinnert mich Foenkinos an Alain de Botton (von dem bin ich auch Fan). Die beiden haben eine ähnliche Art, die kleinen Dinge des Alltags zu beobachten, zu beschreiben und zu sezieren. Über beide kann ich mich kaputtlachen. Aber Foenkinos ist erwachsener. Was mich am meisten freut an meiner Neuentdeckung: Sie ist gar nicht neu. Foenkinos hat schon richtig viel geschrieben. Ich weiß schon, mit wem ich die Weihnachtstage verbringen werde… Gerade bin ich dabei, alles von ihm zu kaufen, das es gibt.

Fazit: „Unsere schönste Trennung“ ist irgendwie tragisch, unglaublich witzig und besser. Unbedingt lesenswert!!!

Der König von Berlin

„Horst Evers schreibt einen Krimi? Muss ich lesen!“ Erstaunlich, wie oft ich Bücher im Vertrauen darauf kaufe, dass „bei dem Autor auf jeden Fall was Gutes rauskommen MUSS!“ Ein Glück, dass ich bei „Der König von Berlin“ richtig lag. Ich hab nämlich sofort nach Erscheinen zugeschlagen. Dementsprechend die teure gebundene Ausgabe gekauft. Hat sich schon gelohnt irgendwie. Aber für so einen kurzen Zeitvertreib ist es schon richtig viel Geld.

Ich hab so eine Art Brenner erwartet. Aber der Brenner gehört nun mal dem Haas. Und das ist auch gut so. Horst Evers hat Hauptkommissar Carsten Lanner erfunden. Der Name erinnert mich an einen Tatort-Kommissar… Lanner jedenfalls ist gelernter Dorfsheriff, frisch von Cloppenburg nach Berlin versetzt. Niemand nimmt ihn ernst. Keiner hat vor ihm Respekt. Und er selbst bringt sich bei dem Versuch, sich Respekt zu verschaffen, in die blödesten Situationen. Der Klappentext beschreibt sein Bestreben als eine „anregende Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn“, die ihn in immer neue Bredouillen bringt. Sehr treffend. Ich fand ihn ganz schön doof.

Der Krimi selbst – die Handlung – ist für mich nur ein Nebenschauplatz. Kann mich nur an Ratten erinnern, die Berlin erobern. Und zwei Leichen. Weiß gar nicht mehr, warum die zweite, die unter dem Sandkasten, überhaupt umgebracht wurde. Oder wer der Mörder der ersten war. Darum verliere ich darüber (wie so oft) an dieser Stelle keine Worte. Ich habe mich vielmehr über die guten Charaktere amüsiert und über den guten Schreibstil gefreut. Allein die Einführung der einzelnen Personen! Irre. Jeder hat seinen Platz in der Geschichte, jede Existenz ihren Grund. Und alle sind auf ihre Art gute Typen. Na ja, bis auf die Sekretärin und die beiden Söhne des Rattenkönigs. Die kamen mir ein wenig klischeehaft rüber. Aber gut, so ist das eben. Bisschen Schwund ist immer.

Fazit: lesenswert. Wer Horst Evers mag, sollte „Der König von Berlin“ unbedingt lesen. Alle anderen auch – aber vielleicht erst, wenn die Taschenbuchausgabe erscheint. Schöner Zeitvertreib, leichte Kost für zwischendurch. Bisschen teuer für das kurze Lesevergnügen.

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot

„Nee, ich lese nichts von Frauen“, wollte ich schon sagen, als mir eine Freundin „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ von Sibylle Berg in die Hand gedrückt hat. Der Satz geht mir noch immer leicht über die Lippen. Obwohl er schon lange nicht mehr zu 100 Prozent richtig ist. Wie auch immer – in dem Moment habe ich ihn nicht gesagt. Ich musste mit der Straßenbahn nach Hause fahren. Das Buch, das ich dabei hatte, war schon ausgelesen. ‚Besser als nichts‘, hab ich gedacht. Und es eingepackt. An der Haltestelle hab ich es aufgeschlagen. Als die Straßenbahn kam war ich schon infiziert. Was soll ich sagen außer: „Geiler Scheiß!“

Ich glaub, Sibylle Berg hat’s drauf. Scharf wie eine Rasierklinge, bitter, absolut minimalistisch. Guter Stil. Ich bin beeindruckt, wie viele verschiedene Facetten des Lebens und Leidens sie beschreiben kann. Glaubhaft beschreiben kann. Eine handvoll Protagonisten bekommen abwechselnd immer eineinhalb bis zweieinhalb Seiten von ihr. Überschriften wie „Vera trinkt Kaffee.“, „Nora hat Hunger.“ oder „Bettina guckt so.“ betreiben realistisches Erwartungsmanagement. Mehr gibt’s nämlich nicht. Trotzdem hab ich das Gefühl, die Handelnden gut zu kennen. Zu durchschauen. Zu verstehen.

Ich hab mich gut gefühlt beim Lesen. Der Klassiker: ‚Ja – so geht’s mir doch auch ständig! Ich bin offenbar nicht allein. Danke, Leben. Danke, Sibylle.‘ Und wo wir eh schon bei den Danksagungen angelangt sind, hier die von Frau Berg: „Danke. Mit jedem gekauften Buch finanzieren Sie einen weiteren Stein meiens künftigen Tessiner Hauses. Empfehlen Sie diees Buch gerne Ihrem großen Bekanntenkreis oder Ihren Eltern.“ Das mach ich hiermit: Unbedingt lesenswert. Lesen. Jetzt.