Archiv für den Monat: September 2012

Für den Rest des Lebens

Es ist elf Jahre her, dass ich den Roman „Liebesleben“ von Zeruya Shalev gelesen habe. Damals wurde ich angefixt. Und in den kommenden Jahren nicht enttäuscht: „Mann und Frau“ und „Späte Familie“ habe ich genau so gern gelesen. Der atemlose Stil, das Fehlen von direkter Rede und die nüchterne Sprache – das hat sie drauf.

„Für den Rest des Lebens“ liest sich nicht ganz so gut wie die drei Vorgänger. Ich habe im Februar mit dem Lesen begonnen und das Buch immer wieder weggelegt. Beenden wollte ich es aber unbedingt. Es geht um eine Familie. Ja. Und das war es auch schon, was ich über die Geschichte sagen kann.

Jetzt bleibe ich ein wenig enttäuscht zurück. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich mit keinem der Protagonisten identifizieren konnte. Vielleicht waren es mir auch einfach zu viele Protagonisten, deren unterschiedliche Geschichten mich nicht sonderlich interessiert haben. Vielleicht hat auch das häufige Weglegen des Buchs dazu geführt, dass ich nicht richtig in die Geschichte reingekommen bin. In meinem Kopf sind nur Fragmente enthalten, die sich nicht richtig zusammensetzen lassen.

Fazit: sollte Zeruya Shalev noch einen Roman veröffentlichen, werde ich wieder ohne zu zögern zuschlagen. „Für den Rest des Lebens“ finde ich aber nicht empfehlenswert.

Shades of Grey

Äh… Nein. Leider nein. Leider gar nicht. Ich hab mich von der Begeisterung blenden lassen und mir diesen Bestseller von E.L. James in der Bahnhofsbuchhandlung für eine Zugfahrt gekauft. Und ich hab tatsächlich bis Seite 430 durchgehalten – die Fahrt war sehr lang und ich hatte nichts anderes dabei. Soll ich mich über den beschissenen Schreibstil auslassen? Über die logischen Fehler, die ein Lektor hätte ausbügeln müssen? Oder darüber, dass ich beim Lesen der Sexszenen nicht mal ansatzweise rot geworden bin (ich saß schließlich im Zug)? Nee. Das blöde Buch hat es nicht bis zu mir nach Hause geschafft. Ich hab es auf dem Heimweg vom Bahnhof verschenkt.

Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte

Finn lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammen und weiß nichts davon, dass er eine Halbschwester hat. Bis zu dem Tag, als Linda plötzlich vor der Tür steht und bei den beiden einzieht. Die Sache ist kompliziert: Linda ist die Tochter von Finns verstorbenem Vater und einer anderen Frau. Die andere Frau kassiert die Pension von Finns Vater, während Finn und seine Mutter so gerade so über die Runden kommen. Sie müssen einen Untermieter in Finns Zimmer einquartieren um die Miete zahlen zu können. Sie teilen sich ein Schlafzimmer. In das zieht jetzt auch noch Linda ein. Es ist eng in der Wohnung. Es gibt kaum Geld. Und Linda ist irgendwie so anders. Trotzdem gehört sie vom ersten Moment an dazu. Alles wird ganz selbstverständlich geteilt: Platz, Geld, Liebe…

Ein Jahr lang darf der Leser die kleine Familie begeleiten. Ein Jahr, in dem wirklich viel passiert – auch wenn es aufgrund des minimalistischen Erzählstils nicht danach aussieht. Roy Jacobsen erzählt die Geschichte ganz leise, voller Liebe und Wärme. „Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte“ hat mich berührt und ich habe sämtliche Protagonisten ins Herz geschlossen. Über das Ende der Geschichte verrate ich aber nichts.

Fazit: absolut lesenswert!

Verteidigung der Missionarsstellung

Ich hab den Roman im Buchladen auf dem Tisch mit den Neuerscheinungen entdeckt. Ausschlaggebend für den Kauf war der Name des Autors – einmal mehr. Umso besser, dass ich diesmal nicht danebenlag! „Verteidigung der Missionarsstellung“ von Wolf Haas ist ein richtiges Goldstück. Kein Brenner. Aber ein Haas.

Wer eine Geschichte erwartet, könnte enttäuscht sein. So richtig gibt es nämlich keine. Eher Fragmente, die aneinandergereiht werden. Der Leser muss selbst die Lücken füllen und die Andeutungen interpretieren, es gibt viel Platz für Kopfkino.

Hinzu kommen viele typografische Spielereien, die mal mehr mal weniger die Handlung unterstreichen, auf jeden Fall aber immer wieder für Irritation sorgen. Mich würde interessieren, wie die in einem E-Book umgesetzt werden… Vermutlich gar nicht. Wäre aber schade drum.

Fazit: „Verteidigung der Missionarsstellung“ ist absolut lesenswert. Ich werd’s wieder tun.

Die Frau im Spiegel

Drei Frauen aus drei Epochen auf der Suche nach sich selbst. Sie können unterschiedlicher nicht sein, doch allen gemeinsam ist die Lust zu Leben und die Rebellion gegen ein Dasein aus zweiter Hand.“ – Der Klappentext von „Die Frau im Spiegel“ liest sich wie die Ankündigung eines typischen Frauenromans. Also genau mein Geschmack (NICHT!!!). Wenn aber Eric-Emmanuel Schmitt der Autor ist, kann ich nicht anders, als dem Ganzen eine Chance zu geben.

Dummerweise ist es dann doch so ein typischer Frauenroman. Drei Geschichten von drei Frauen – Anne, Hanna und Anny – aus drei Epochen, die abwechselnd erzählt werden. Vorhersehbar, ohne Überraschung mit schlecht gezeichneten Charakteren. Von Schmitt erwarte ich deutlich mehr! Wie schon in „Als ich ein Kunstwerk war“ schwingt er die Moralkeule und lässt sich über den Verfall der Sitten und die verwerfliche Sensationsgeilheit der Gesellschft aus aus. Dabei ist er polemisch, in seiner Argumentation platt und aufdringlich.

Vor allem die Geschichte der Schauspielerin Anny, die zur heutigen Zeit in Los Angeles spielt, ging mir auf den Keks. Auf „Eric-Emmanuel-Schmitt.com“ lernen wir über sie: „Anny, der aufgrund ihres Talents eine glänzende Karriere als Schauspielerin bevorsteht, ist dabei, gegen das System Hollywood zu revoltieren.“ Äh… Ja. Genau. Schmitt macht Anny dafür zu einem klischeehaften Hollywood-Sternchen: Eine Nymphomanin mit krassem Drogenproblem, umgeben von herzlosen Regisseuren, mit denen sie ins Bett steigt, und skrupellosen Managern, die noch nicht einmal davor zurückschrecken, ihren Entzug in der Klinik als Livestream ins Netz zu stellen. BÖSES HOLLYWOOD!!!

Zwischen den Zeilen kotzen dem Leser auf jeder Seite Sätze wie „Was ist bloß aus der Gesellschaft geworden?“ oder „Was haben die Medien bloß aus uns gemacht?“ und „Wie soll das noch enden?“ entgegen. Zum KOTZEN. Dazu kommen noch jede Menge logische Fehler in der Geschichte (hat der Lektor da gepennt?). Der Höhepunkt des schlechten Geschmacks: das Finale, in dem die drei Erzählstränge zusammengeführt werden. Äh… Ja. Das war dann doch nicht so vorhersehbar. Es hat sich angefühlt, als hätte Schmitt einfach nicht gewusst, wie er die Geschichten sonst zu Ende bringen soll. „Och, dann verbinden wir sie mal.“

Ich habe den Roman bis zum bitteren Ende gelesen. Zum Einen, weil es Wochenende war und ich nichts anderes da hatte. Zum Anderen, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass das alles sein soll. Herr Schmitt, bitte: keine Frauen-Kitsch-Gesellschaftskritik-Romänchen mehr! Schreiben Sie wieder Theaterstücke!!!

Fazit: absolut nicht lesenswert. In Zukunft werde ich dreimal überlegen, bevor ich zugreife, nur weil Schmitt auf dem Cover steht.