Archiv für den Monat: Juli 2012

Unterm Scheffel

Irgendwie habe ich es verpasst: „Unterm Scheffel“ von Maarten ‚t Hart kam schon im August vergangenen Jahres raus. Ich habe es erst letzte Woche entdeckt und natürlich sofort gekauft. Maarten ‚t Hart ist nun einmal einer meiner Lieblingsautoren.

In „Unterm Scheffel“ habe ich Alexander Goudveyl eine Weile begleiten dürfen. Er ist ein mittelmäßiger aber einigermaßen erfolgreicher Komponist, verheiratet, keine Kinder. Auf einem seiner Konzerte lernt er eine junge Frau kennen, die ihn fasziniert. Sie wiederum scheint schon lange in ihn verliebt zu sein. Sie hat ihn studiert, regelrecht verfolgt und ein Treffen mit ihm forciert. Die beiden lernen sich kennen und er verliebt sich in sie. Und das ist der Anfang vom Ende. Goudveyl verfällt dieser Frau, die sich, je näher er ihr kommen möchte, immer mehr von ihm distanziert.

Ich fand den Roman während des Lesens nur „geht so“. Vor allem, weil mir die Protagonisten so unsympathisch waren. Außerdem konnte ich Goudeyl einfach nicht verstehen: ich hatte immer das Bedürfnis, ihn mal ordentlich durchzuschütteln und ihm den Kopf zu waschen. Einem erwachsenen Mann wollte ich dieses selbstzerstörerische Verhalten einfach nicht abnehmen. Er lässt sich sowohl von seiner neuen Affaire als auch von seiner Ehefrau auf der Nase herumtanzen. Er legt allen Selbstschutz ab ud macht sich zum Affen für zwei Frauen, von denen er nichts zurückbekommt. Im Nachhinein stelle ich allerdings fest, dass mich das Buch sehr wohl bewegt hat.

Maarten ‚t Hart beweist einmal mehr, was für ein guter Beobachter er ist, indem er genau den Moment einfängt – und beschreibt – in dem der Protagonist den Absprung verpasst. Den Wendepunkt eben. Bis zu diesem Moment hatte Goudveyl es noch in der Hand, danach gibt es kein zurück mehr. Und am Ende gibt es zwei Frauen, unter deren Scheffel er steht.

Mein Fazit: Guter Roman, lesenswert, reicht aber bei Weitem nicht an die Vorgänger heran. Wer noch warten kann, sollte das tun: Anfang Oktober erscheint die Taschenbuchausgabe.

Nur eine Ohrfeige

Endlich: ein gutes Buch! „Nur eine Ohrfeige“ von Christos Tsiolkas habe ich echt gern gelesen. Die Geschichte beginnt mit einer Grillparty, auf der ein dreijähriger Junge – Hugo – von einem Erwachsenen geohrfeigt wird. Was dann passiert, wird episodisch aus acht verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Nicht falsch verstehen: es wird nicht ein und dieselbe Geschichte acht Mal erzählt. Die Geschichte läuft weiter, sie wird sozusagen wie ein Staffelstab übergeben.

Ich habe acht verschiedene Personen kennengelernt, die alle ihre Sonnen- und Schattenseiten haben. Das ist es wohl auch, was mir so gut gefallen hat: Tsiolkas hat Figuren geschaffen, die echte Menschen sind. Nicht gut oder böse. Einfach echt.

Wer das Buch aufgrund des Klappentextes kauft, wird enttäuscht sein (wer schreibt diese irreführenden Texte?). Das Versprechen „Eine Tat, die alles auf den Kopf stellt. […] Dieser Vorfall hat ein folgenreiches Nachspiel für alle, die seine Zeugen wurden.“ wird nicht gehalten. Die Ohrfeige stellt keinen großen Wendepunkt in den verschiedenen Leben dar. Sie ist lediglich der Erzählanlass für den Autoren und bietet die perfekte Möglichkeit, zu polarisieren. Sowohl zwischen den Protagonisten des Buches als auch zwischen dessen Lesern. Ich hätte das Buch auch ohne die Ohrfeige gern gelesen. Wobei ich mich jetzt frage, wie der Titel dann gelautet hätte?

Fazit: Gutes Buch, lesenswert. Mit EUR 24,95 sehr teuer. Die Taschenbuchausgabe wird vermutlich erst Anfang 2013 kommen.

Atmen … Jemand muss atmen!

„Atmen. Jemand muss atmen. Und ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Jeden Tag mache ich weiter und beginne wieder von vorn. Aller Hoffnungslosigkeit zum Trotz. Ich weiß nicht, wovon andere Menschen träumen. Doch in meinen Träumen bewege ich mich stets durch ein dunkles, kaltes All.“ – Einmal mehr bin ich auf den Klappentext reingefallen. Ich sollte mir wieder angewöhnen, zumindest ein oder zwei Passagen zu lesen, bevor ich ein Buch zur Kasse schleppe. „Atmen … Jemand muss atmen!“ von Stefan Kalbers hätte ich im Regal stehen lassen sollen.

Ich habe einen ziemlich ekelhaften Typen – den Protagonisten – durch ein paar ätzende Tage seines beschissenen Lebens begleitet und war am Ende ganz schön genervt von ihm. Der Typ geht einfach gar nicht. Darum kann ich auch schwer nachvollziehen, was die schöne, rothaarige Yvonne an ihm gefunden hat. Ein weiterer Roadtrip (wieso fallen mir denn in letzter Zeit immer ausgerechnet solche Geschichten in die Hände?), der mich nicht fesseln konnte, den ich aber mangels Alternative bis zum Ende verfolgt habe.

Fazit: Stefan Kalbers hat mir nicht den Atem verschlagen. Seinen Roman kann ich nicht weiterempfehlen.

Bis gestern war ich harmlos

Die Signale zum Kauf des Romans „Bis gestern war ich harmlos“ von Andreas Kurz waren der Preis (EUR 4,95) und der Klappentext: „‚Ein Schrebergarten ist ein Hobby, Seidenmalerei und Bergsteigen sind Hobbys, meine Filmerei aber war viel mehr. Es war meine Art, mich der Welt zu stellen. Nämlich mit einer Kamera dazwischen.‘ Bobo ist noch jung und naiv, als er von seinen Freunden überredet wird, für deren Pornodreh als Kameramann zu fungieren.“

Klingt gut. Ist es aber nicht. Tatsächlich ist das „rasante Roadmovie voller Witz und Melancholie“ fad. Es gibt keine Überraschungen, keine unvorhersehbaren Wendungen. Das Buch kann noch nicht einmal sein kleinstes Versprechen halten: Die Filmerei, als Bobos „Art, sich der Welt zu stellen“ ist am Ende doch nur ein Hobby und die Geschichte mit dem Pornodreh auf ein paar Seiten abgehandelt. Dabei wäre das doch mal was richtig Neues gewesen.

Ich hatte während des Lesens das Gefühl, dass ich die Geschichte schon mal irgendwo mit anderen Protagonisten gehört / gesehen / gelesen habe. Ich will dem Autor hier kein Plagiat unterstellen sondern lediglich sagen, dass der Stoff ausgelutscht ist. Nachdem ich jetzt noch ein Porträt des Autors gesehen habe, bin ich vollends davon überzeugt, dass der Roman Schrott ist: einem 16-Jährigen hätte ich das als Erstlingswerk durchgehen lassen und gespannt auf den nächsten Erguss gewartet. Von einem erwachsenen Mann hätte ich mehr erwartet. Zumal der Roman nicht im Regal mit der Jugendliteratur zu finden ist.

Fazit: Andreas Kurz ist absolut harmlos, sein Roman absolut nicht lesenswert.